08. Juli 2017, 06:00 Uhr

Boykott-Aufruf

Rosenbauer Ruf rebelliert gegen Rewe

Ein Viertel seiner Anbaufläche verliert Öko-Rosenbauer Werner Ruf aus Steinfurth, wenn Rewe sein Lager bei Berstadt baut. Er rebelliert, ruft gar zum Boykott des Konzerns auf.
08. Juli 2017, 06:00 Uhr
Der Steinfurther Ökorosenanbau-Pionier Werner Ruf schreckt nicht davor zurück, sich mit einem Weltkonzern anzulegen. (Foto: Nici Merz)

Auf den Kapitalismus kann sich Werner Ruf verlassen. Braucht er neue Anbauflächen, zahlt der Eigentümer einer Öko-Rosenschule in Steinfurth mehr Pacht als andere Landwirte. Mit Rosen erzielt er höhere Erträge, kann sich das erlauben. Trotzdem redet sich Ruf in Rage, wenn es ums geplante Rewe-Lager bei Berstadt geht, wo der 53-Jährige drei Hektar gepachtet hat. Selbst einen Boykott hält er für angemessen.

Nein, die Existenz seines Betriebs ist nicht gefährdet, wenn er die drei seiner zwölf Hektar Anbaufläche abgeben muss, die an der A 45-Auffahrt bei Berstadt liegen. Das versichert Werner Ruf gleich zu Beginn des Gesprächs mit der WZ. Seit 15 Jahren hat er die Äcker gepachtet. »Die Qualität ist außergewöhnlich. Der Boden hat eine Güte von bis zu 95 von 100 Punkten. Das gibt es kaum anderswo«, sagt der 53-Jährige, der seit 1995 den ersten Bioland-Rosenbetrieb Deutschlands führt. Zum Vergleich: In Steinfurth, wo Ruf den Großteil seiner Äcker hat, erreicht die Bodengüte nur 40 Punkte. Trotzdem könnte er den Verlust der Berstädter Flächen verkraften, ist auch nicht verärgert über den Eigentümer, der sich zum Verkauf bereiterklärt habe. Der Mann sei Mitte 60 und erhalte das Drei- bis Vierfache des normalen Preises für Ackerland.

»Mittelfristig wollte ich meine Flächen ohnehin auf Steinfurth konzentrieren. Das ist aber nicht so einfach.« Wenn er den Boden in Berstadt abgeben müsse, benötige er in Steinfurth mindestens zwei zusätzliche Hektar. Die seien nur zu haben, wenn er mehr Pacht zahle als der Bauer, der die Flächen im Augenblick nutze. Kapitalismus eben. Übernimmt er Äcker, die konventionell bewirtschaftet werden, folgt eine zweijährige Umstellungsphase. Erst danach darf er diese Produkte mit dem Bioland-Siegel verkaufen.

Werner Ruf geht es nicht so sehr um seine eigenen Interessen, sondern ums Prinzip. Irgendwann müsse Schluss sein mit dem immer weiter fortschreitenden Landverbrauch. »Warum müssen ausgerechnet die Flächen mit dem besten Boden in ein Gewerbegebiet umgewandelt werden? Ackerbau hat inzwischen einfach null Stellenwert.« Schon Karl Marx habe erkannt, dass Boden das einzige Produktionsmittel sei, das sich nicht vermehren lasse. Politiker und Konzernchefs hätten davon offenbar nichts gehört, setzten auf kurzfristigen Gewinn an Steuern und Arbeitsplätzen, dächten aber nicht an künftige Generationen. Der 53-jährige Öko-Bauer aus Überzeugung nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Politiker in Wölfersheim nennt er »Idioten« – schiebt aber gleich die Erläuterung hinterher.

Auf Griechisch bedeute »Idiot« so etwas wie Egoist. Gegen Rewe müsse eigentlich mit drastischen Methoden vorgegangen werden. »Ich kann mir durchaus einen Boykott der Märkte vorstellen. Es würde reichen, wenn die Verbraucher einen Tag nicht einkaufen – als Warnschuss.«

Enttäuscht ist Ruf von der Informationspolitik der Verantwortlichen. Im Frühjahr habe er durch einen Mitarbeiter erstmals von den Rewe-Plänen erfahren. Einige Wochen später habe er ein Schreiben von der Gesellschaft Land und Forst erhalten, die Grundstücksgeschäfte für Gemeinden abwickele. Dabei sei es darum gegangen, welches Land der Steinfurther genau gepachtet hat. Ein Ausgleich für seinen Verlust sei in Aussicht gestellt worden. »Wie dieser Ausgleich aussehen soll, weiß ich nicht, sicher nicht durch Ersatzflächen. Das war alles, was ich von offizieller Seite gehört habe.«

Den Spaß an seinem Bioland-Betrieb lässt sich der 53-Jährige nicht nehmen. »Mein Großvater hat den Betrieb 1930 gegründet. Die Landwirtschaft liegt mir im Blut.« Ruf baut nicht nur Rosen an, sondern achtet auf einen regelmäßigen Fruchtwechsel. Getreide oder Luzerne werden gesät, um die Böden auch ohne Chemikalien-Einsatz fruchtbar zu halten. Auf den Rosenfeldern pflanzt er Heckenstreifen, die Marienkäfer und Schwebfliegen als Zuhause dienen. Diese Nützlinge fressen die Läuse von den Rosen. Luzerne baut der Öko-Landwirt an, um ihn zu kompostieren. Auf den ersten Blick absurd. Doch solche Pflanzen führen dem Boden Stickstoff zu. Noch wichtiger: Auf Luzerne-Feldern wachsen keine Disteln. Das Getreide wird nicht zuletzt an die 450 Hühner verfüttert, die mit ihren mobilen Ställen als 14 Tage umziehen, um immer genügend frisches Grün zum Fressen zu haben. Apropos Hühner: Werner Ruf ist nicht nur sauer auf Rewe, sondern auch auf Habichte. »Im letzten Jahr haben diese Greifvögel 60 Hühner getötet. Die sind schlau, bislang habe ich kein Mittel gegen sie gefunden.« Manchmal würde der 53-Jährige am liebsten zum Gewehr greifen.

Ein paar Katzen, Schafe und Pferde tummeln sich ebenfalls auf dem Hof zwischen Steinfurth und Wisselsheim. Aber letztlich dreht sich doch alles um die Rose. 500 Sorten – meist sehr robuste, die sich gegen Schädlinge wehren – bauen die Rufs an. Die Zahl der Rosen, die im Sommer geerntet werden, hat er von 80 000 auf 20 000 runtergefahren. Deshalb braucht er keine Saisonkräfte aus dem Ausland mehr. Neben Werner Ruf und seiner Frau sind drei fest angestellte Mitarbeiter und vier 450-Euro-Kräfte im Einsatz. Sie kümmern sich auch um die Gewächshäuser, wo schon im Mai die ersten Rosen blühen. Ganz wichtig ist der Hofladen mit allen möglichen Bioland-Produkten. »Dort wird ein Drittel unseres Umsatzes gemacht.«

Werner Ruf ist einer der wenigen Landwirte, die sich um den Fortbestand des Betriebs keine Sorgen mache müssen. Sohn Manuel macht bald seinen Bachelor in Landwirtschaft. »Er steht schon in den Startlöchern, um hier voll einzusteigen«, sagt sein Vater stolz. Es geht also weiter in der ersten Öko-Rosenschule Deutschlands – ob mit oder ohne Anbaufläche in Berstadt.

Info

Rewe braucht 30 Hektar

Die Evangelische Kirche, Landwirtschafts- und Naturschutzverbände, Parteien und die Modellflieger – eine breite Front hat sich gegen die Pläne der Gemeinde Wölfersheim gebildet, am Rand von Berstadt 30 Hektar besten Ackerlands für ein Rewe-Lager zur Verfügung zu stellen. Auch die Grünen Wetterau üben deutliche Kritik. Bundestagskandidatin Kathrin Anders erinnert daran, dass die Wetterau vor zwei Jahren von Umweltministerin Priska Hinz zur Ökoland-Modellregion ernannt wurde. »Durch solche Projekte wird die ganze Landwirtschaft getroffen, die ökologische aber besonders.« Trotz anderslautender Sonntagsreden wird nach Ansicht der Grünen wieder hochwertiger Boden vernichtet. Über Äußerungen von Rewe kann Rosenbauer Werner Ruf nur den Kopf schütteln: »Der Konzern bietet Ökolandwirten an, ihre Waren im Rewe-Landmarkt zu verkaufen, und entzieht uns durch solche Bauvorhaben gleichzeitig die Produktionsgrundlage.« (bk)

 

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