02. Mai 2019, 20:21 Uhr

»RomanTisch« noch einmal im Einsatz

02. Mai 2019, 20:21 Uhr
Autor Bernd Köstering und seine Partnerin Christiane Stiller im Sommer 2018 beim Auftakt der zehnten »RomanTisch«-Saison mit den »mittendrins«. Seine Kurzgeschichte »Ein Ferrari in Reichelsheim« hat er den engagierten Frauen geschenkt. (Foto: im)

Die Frauengruppe »mittendrin« hat sich 2018 aufgelöst – nach 40 engagierten Jahren in und für Reichelsheim. Am Sonntag, 5. Mai, 11 Uhr, wird das verbliebene Geld aus der Kasse im Gottesdienst verteilt. Dabei nehmen die Frauen wieder soziale Zwecke in den Blick. Auch kulturell melden sie sich ein letztes Mal zu Wort: Nach zehn Jahren außergewöhnlicher Lesungen am »RomanTisch« haben sie der WZ einen Kurzkrimi zur Verfügung gestellt, den wir – auf heute und morgen verteilt – abdrucken. Der Offenbacher Autor Bernd Köstering hatte »Ein Ferrari in Reichelsheim« extra für die »mittendrins« geschrieben:

 

Ein gelber Ferrari Testarossa braust die Weckesheimer Straße entlang.

»Hey Boss!« (Bernd, eifrig)

»Was iss?« (Christiane, mürrisch)

»Wir sind da, Boss. Da vorn, das Ortsschild: Reichelsheim.«

»Na endlich!«

Der gelbe Ferrari schießt am Ortsschild vorbei, ohne langsamer zu werden.

»Ich glaub, das stand noch irgendetwas vom Wetter auf dem Ortsschild...«

»Aha. Das Wetter ist ja wirklich gut, aber das müssen die ja nicht gleich aufs Ortsschild schreiben.«

»Wenn es so heiß ist, gehen bestimmt viele Leute in die Sparkasse!«

»Du Schwachmat, eben nicht! Die gehen alle ins Schwimmbad bei der Hitze oder machen eine Siesta. Deswegen haben wir uns den heutigen Tag doch ausgesucht, da wird uns keiner bei der Arbeit stören!«

»Oh ... oder so!«

»Nun fahr gefälligst langsamer, sonst werden wir noch geblitzt!«

»Ja, Boss. Aber der Manni hat uns doch extra falsche Kennzeichen besorgt, da sind wir doch sicher, oder?«

»Nein, sind wir nicht. Ich glaube nämlich kaum, dass in Reichelsheim außer uns noch irgendjemand einen gelben Ferrari Testarossa fährt.«

»Siehst du, Boss, ich wusste doch gleich, dass es keine gute Idee war, mit dem Ferrari zu fahren, hätten wir lieber meinen VW-Bus genommen.«

»Du Flachpfeife, von hier aus sind wir in null Komma nix auf der A 5 und dann gibst du Gummi. Falls die Bullen uns verfolgen sollten: Keine Chance, die kriegen uns nie. Verstehst du, man muss so etwas strategisch angehen!«

Die Flachpfeife nickt und schiebt anerkennend die Unterlippe nach vorn. »Ich wusste es ja. Du bist eben der geborene Boss. Jetzt müssen wir nur noch die Darmstädter Straße finden, mein Navi kennt die nicht. Nur eine Dorheimer Straße.«

»Du kannst wohl noch nicht mal ein Navi programmieren.«

»Eigentlich schon, Boss. Da links geht’s zum Rathaus ... oh da kommt ein Supermarkt, ein Netto, ich hab’ Hunger!«

»Aber jetzt doch nicht!«

»Also Boss, mit Hunger kann ich niemanden überfallen.«

»Na dann geh doch zu Netto!«

Der Hungernde biegt links ab, stellt sich mitten auf den Parkplatz und holt sich beim Hinnerbäcker ein belegtes Brötchen. Er strahlt.

»Wo ist denn nun die Darmstädter Straße?«, fragt die Chefin.

»Moment, Boss, ich frag mal die Frau da vorn...«

»Okay, aber sprich ordentlich!«

»Entschuldigen Sie, wo ist denn hier die Darmstädter Straße?«

Keine Antwort.

»Hallo, gnädige Frau, wir suchen die Darmstädter Straße!«

»Hä?« (Christiane, Dialekt)

»Die Darmstädter …«

»Was’n des für ’ne Schleuder?«

»Das ist ein Ferrari Testarossa!« (stolz)

»Gibt’s den auch mit Anhängerkupplung?«

»Hä?«

»Anhängerkupplung! Ohne die könne ’se nix wern hier uffm Land.«

»Ich fürchte, die gibt es nicht.«

»Dann haut ab mit dere Testosteronschleuder! Unn übrichens: A Darmstädter Straß, die gibt’s hier net!«

Damit lässt sie ihn stehen und schlurft weiter.

»Boss, ich glaub, die spinnt. Der Manni hat doch alles ausgekundschaftet.«

»Natürlich, außerdem hat Manni diese Sparkasse letztes Jahr schon einmal überfallen, da ging alles glatt, wir kennen die Räumlichkeiten und Sicherheitsanlagen, also, wozu das Rad neu erfinden. Und nun fahr weiter, du Aufpudler!«

Der Aufpudler steuert den Ferrari wieder auf die Straße.

»Trotzdem, Boss, ich versteh das nicht!«

»Macht nichts, schau lieber mal nach vorn, was siehst du da?«

»Wow, die Sparkasse!«

»Genau. Also such einen Parkplatz. Aber stell dich nicht wieder ins Halteverbot, wie beim letzten Mal!«

»Geht klar, Boss.«

Er sieht eine Parklücke, direkt vor der Sparkasse Oberhessen und rangiert den Ferrari hinein. Und zwar leicht schräg, so dass sie nach getaner Arbeit schnell wieder abhauen können. Seine Chefin nickt anerkennend. Zu streng darf man mit seinem Personal auch nicht sein.

»So, du Dumpfgummi, pass auf! Hier hast du eine Pistolenattrappe, ich möchte nämlich nicht, dass du Unsinn anstellst. Die sieht absolut echt aus, stammt von einem Modellbauer, exzellenter Mann. Ich warte an der Tür, als Sicherung, während du an den Schalter gehst. Alles wie besprochen. Ich hab natürlich ’ne echte Wumme!«

Damit zieht sie einen 45er Colt aus der Handtasche.

»Wow!«, sagt das Dumpfgummi.

Dann faltet sie einen Zettel auseinander. »Hier noch mal der Plan der Schalterhalle. Manni hat alles genau markiert, präg dir das ein!«

»So ’ne komische Zeichnung, vielleicht hätte ich das besser selbst auskundschaften sollen.«

»Du Gemeinde-Stier, du hättest wahrscheinlich noch mit der Kassiererin angebändelt, damit sie dich später besser wiedererkennt. Um genau das zu vermeiden, habe ich Manni hingeschickt!«

»Ja gut, Boss, du hast ja recht!«

»Natürlich habe ich recht, sonst wäre ich ja nicht der Boss, also ich meine die Bossin ... äh, die Chefin!«

Der Gemeinde-Stier sieht sie an und denkt nach. Jedoch ohne Ergebnis.

Sie schaut auf die Uhr. »Noch 10 Minuten. Präg dir alles genau ein. Rechts die zwei Serviceschalter, links die Besprechungsgruppe, dahinter die Kasse. Dort gehst du schnurstracks hin, fünf Schritte, Manni hat alles ausgemessen. Und denk dran: klare Schritte, kein Zögern. Du kannst deiner Forderung nur Nachdruck verleihen, wenn du Selbstbewusstsein ausstrahlst, klar?«

»Ja. Klar. Aber ... was war noch mal meine Forderung?«

»Mann, 200 000 Euro in kleinen, nicht nummerierten Scheinen!«

»Aber ich dachte...«

»Wie? Du hast gedacht? Wahnsinn!«

»Na ja, ich dachte, alle Scheine sind irgendwo ... nummeriert, oder?«

»Aber nicht durchgehend, du Torfnase!«

»Ach so. Ja. Gut.«

»Hast du das Ohr?«

»Ja, Boss.«

»Zeig her, du Haubentaucher!«

Der Haubentaucher zieht eine kleine Schachtel aus der Jackentasche und öffnet sie.

»Gut!« Die Chefin nickt zufrieden. »Und jetzt die Wollmütze auf, los geht’s!«

»Hoffentlich muss ich nicht lachen.«

»Wieso?«

»Du siehst echt drollig aus mit dem Ding, Boss, also ich meine, sorry...«

»Los jetzt, du Ziegenpeter!«

»Ich komm ja schon!«

Um genau 11.55 Uhr springen zwei Gestalten mit Sehschlitzwollmützen vor der Reichelsheimer Filiale der Sparkasse Oberhessen aus einem gelben Ferrari Testarossa und stürmen durch die Eingangstür.

 

Fortsetzung folgt...

 

Mehr von Bernd Köstering gibt es in seinem Buch »Mörderisches Oberhessen – 11 Krimis und 125 Freizeittipps«, erschienen im Gmeiner Verlag, Meßkirch.

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