18. April 2018, 18:44 Uhr

Rockiger Teufelscellist

Wiener Klassik, dazu in einem Frühlingskonzert, lockt immer, zumal das Kur-Sinfonieorchester aus Bad Nauheim Professionalität garantiert. Doch was hinter dem Solisten Victor Plumettaz steckt, das ahnte wohl kaum einer der Konzertbesucher in der Trinkkuranlage. Faszinierte Blicke, Staunen, begeisterter Applaus – der Vergleich lag auf der Hand: Was David Garrett mit der Violine, ist Victor Plumettaz mit seinem Cello.
18. April 2018, 18:44 Uhr
Avatar_neutral
Von Hanna von Prosch
Solist: Victor Plumettaz’ furiose Interpretation von Haydns Cellokonzert Nr.1 fasziniert das Publikum ebenso wie seine Cross-over-Zugabe, eine Hardrock-Bearbeitung. Danach ist klar: Er kann alles auf dem Cello. (Foto: hms)

Nach dem großen Erfolg des Neujahrskonzertes, entschieden sich Intendant Ulrich Nagel und der künstlerische Leiter der »Neuen Kurkonzerte«, Michael Strecker, zwei weitere Sinfoniekonzerte im Frühjahr und Herbst anzubieten. »Ausverkauft« hieß es bald. Und das Publikum wurde nicht enttäuscht. Frühlingshaft war das Programm, ebenso wie das Alter von 15 Jahren, in dem Mozart seine Sinfonie Nr. 14 schrieb. Es ist die erste viersätzige und wahrscheinlich eine Bewerbung um weitere Förderung, nachdem sein Gönner, der Salzburger Erzbischof gestorben war.

Spritzig, frech, bisweilen übermütig gestaltete Chefdirigent Steven Lloyd-Gonzalez das Frühwerk mit dem aus Profis zusammengestellten Kur-Sinfonieorchester. Im zweiten Teil folgte Mozarts Sinfonie Nr. 40, seine vorletzte. Nur 17 Jahre liegen dazwischen; in der Ausarbeitung, der Reife aber auch in der musikalischen Zeitentwicklung ein gewaltiger Sprung.

Tragik und Verzweiflung

Die Beurteilung dieser heute populären, als »Die Große g-Moll« bekannten Sinfonie, dessen erster Satz sogar von der Popmusik adaptiert wurde, war zu Mozarts Lebzeiten widersprüchlich. Erst seine mit Fagotten besetzte Überarbeitung fand Anklang. Die musikalische Empfindung jedoch schwankt je nach Interpretation bis heute zwischen »griechisch schwebender Grazie« (Schumann) und Tragik und Verzweiflung. An diesem Frühlingssonntag war von Tragik jedoch nichts zu hören. Es überwog das komödiantische Spiel, temporeich und ausdrucksstark. Lloyd-Gonzalez‹ überzeugendes, temperamentvolles Dirigat ließ keine Schwächeleien aufkommen. Die Streicher sowie die stark geforderten Bläser hielten mit.

Und dazwischen Haydns Cello-Konzert Nr. 1: Es wurde erst 1961 wieder entdeckt und trägt noch starke Züge des Spätbarock. Für Victor Plumettaz eine Spielwiese, auf der er beliebig intensiv oder locker, virtuos und energisch herumtollen konnte. Das Instrument scheint mit ihm zu verschmelzen, er beherrscht es und es folgt ihm.

Was Töne und Harmonien ihm vorgeben, verinnerlicht er, um Klangbilder als Erlebnis für Ohren und Augen ausströmen zu lassen. »Furios« ist nur eine Bezeichnung für das Spiel des sympathischen 32-jährigen Echo-Preisträgers. Genauso kann er zärtlich über die Saiten streichen, kann sie hüpfen lassen oder satt herausfordern wie in der Hardrockversion »Stonehenge«, die er als Zugabe spielte. Plumettaz, der sich inzwischen in Steinfurth niedergelassen hat, unterrichtet, sofern es die Reisen mit seiner Klassikband »Spark« zulassen, in der Bad Nauheimer Musikschule. Er ist ein überzeugter Cross-over-Musiker. In ihm wohnen reichlich Temperament, Begeisterung und Flexibilität, die sowohl den Hang zu Barock als auch zeitgenössisicher Musik, sowie sein musikorientiertes Engagement für die Völkerverständigung zulassen. Selbstverständlich wechselte er den unkonventionellen Solistenlook in Anzug mit Fliege, als er bei der großen Mozartsinfonie am Cellopult Platz nahm. Sehr zur sichtbaren Freude seiner Orchesterkollegen.

Nach den stehenden Ovationen darf man gespannt sein, was dieser Teufelscellist noch präsentiert und was das Kur-Sinfonieorchester als nächstes Highlight bietet.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos