11. April 2018, 20:01 Uhr

Revolutionäre der Salzwerkskunde

Der Name Langsdorf findet sich im Bad Nauheimer Telefonbuch 17 Mal. Keine der heute in der Stadt ansässigen Familien stammt allerdings von den beiden Männern ab, die vor zweieinhalb Jahrhunderten die internationale Salzwerkskunde revolutioniert haben. Es gibt kaum einen Bad Nauheimer, der es zu vergleichbarer Bedeutung gebracht hat wie die Gebrüder Langsdorf.
11. April 2018, 20:01 Uhr
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Von Annette Hausmanns
Windmühlen – im 18. Jahrhundert Spitzentechnologie: Der Kupferstich stammt aus dem Buch »Anleitung zur Salzwerkskunde« von Karl Christian Langsdorf. (Fotos: pv)

Nach jahrelangen Recherchen referierte Dr. Thomas Schwab, Vorsitzender des Vereins Wind- und Wasserkunst Bad Nauheim, kürzlich im Kulturforum unter dem Titel »Die Gebrüder Langsdorf – Große Söhne unserer Stadt«. Ihm seien keine hier geborenen Persönlichkeiten bekannt, die es zu vergleichbarer Bedeutung gebracht hätten wie Johann Wilhelm Langsdorff (er schrieb sich selbst mit zwei ff) und sein zwölf Jahre jüngerer Bruder Karl Christian Langsdorf. Die Söhne des ehemaligen Nauheimer Salzrentmeisters Georg Melchior Langsdorf revolutionierten vor zweieinhalb Jahrhunderten die internationale Salzwerkskunde.

Salz war kostbar, aber niemand wusste so genau, was es mit den unterirdischen Salzquellen auf sich hatte. Die Brüder machten sich als Salzkunde-Pioniere einen Namen. Beide studierten Jura und Mathematik. Bevor Vater Langsdorf 1767 starb, legte er ihnen aber nahe, Kenntnisse der Salinenkunde zu erwerben. Sie kamen zu ihrem Onkel auf die Saline Sülze in Mecklenburg.

Bereits mit seinem ersten Buch »Kurze und gründliche Anleitung zur Salzwerkskunde« (1771) wurde Johann Wilhelm Langsdorff berühmt und mit der Modernisierung der Saline Salzhausen betraut. Zehn Jahre lang war der junge Mann mit der Mammutaufgabe beschäftigt, ließ ein Kunstrad anlegen, ein zweieinhalb Kilometer langes Gestänge und einen Kanal von der Nidda »durch Sumpf, Berge, Felsen und über Tiefen und alle Schwierigkeiten«. Bis zu seiner Pensionierung leitete Johann Wilhelm Langsdorff die Saline Salzhausen.

Das jüngere Genie

Der jüngere Langsdorf war als Kind viel auf der Saline in Nauheim. Bei seinem älteren Bruder in Salzhausen ließ er sich in den Salzwerks-Wissenschaften ausbilden. Aus dem Theoretiker wurde ein Praktiker und genialer Fachmann der Salzwerkskunde. Seine berühmte »Anleitung zur Salzwerkskunde« schrieb er 1784. Durch seine Bücher erhielt er höchste Anerkennung besonders bei den Landesherren, die am Salz verdienten. So wurde Langsdorf beauftragt, ein Salzwerk bei Rothenburg o. d. T. auszubauen.

Während Langsdorf die Saline trotz erheblicher Bedenken zu modernisieren suchte, erhielt er am 31. Juli 1792 Besuch von einem jungen Bergassessor, Alexander von Humboldt. Wie aus erst kürzlich gefundenen Reise-Tagebüchern hervorgeht, hatte Humboldt am 28. September 1789 die Saline Nauheim besichtigt und geäußert, dass er Langsdorfs »Beschreibung der Salinen Deutschlands« gelesen habe und ihn für einen »kenntnisvollen Mann« halte.

Neue Bohrepoche

Bisher war laut Schwab nicht bekannt, dass Humboldt jemals in Nauheim war. In einem Gutachten über die Saline Gerabronn schreibt Humboldt: »Der Herr Langsdorf hat sich ungemein bemüht, durch verschiedene Mittel, welche in den Zusätzen seiner vortrefflichen Salzwerkskunde genauer beschrieben sind, die oben genannten Hindernisse zu bekämpfen.« Humboldt setzte sich für Langsdorf ein, schlug die Salinenschließung vor. Der Landesherr stimmte zu, Langsdorf ging nach Dänemark und Norwegen. Er veröffentlichte so viele Arbeiten, dass er mit 41 Jahren als Professor an die Uni Erlangen und später nach Wilna (Litauen) gerufen wurde. Zar Alexander I. erhob ihn in den Adelsstand. In Heidelberg war er 21 Jahre lang Dekan.

Mit Leidenschaft und Beharrlichkeit machte er sich an geologische Untersuchungen und Bohrversuche im Tal der Kocher und Jagst. Zur Entstehung der Solequellen gab es die abenteuerlichsten Theorien. Langsdorf erkannte als Erster: »Alle größeren Salzvorkommen entstammen dem Meer. Will man diese Salzstöcke finden, muss man dort bohren, wo es Solequellen gibt.« Nach mehrjährigen Bohrungen stieß man 1816 in 500 Fuß Tiefe auf eine Salzlagerstätte. Eine neue Bohrepoche begann: In ganz Deutschland wurden Bohrlöcher in vorhandenen Salinen niedergetrieben, neue Salinen entstanden.



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