28. Februar 2019, 20:41 Uhr

Rettung vor dem Grauen

28. Februar 2019, 20:41 Uhr
A. Rieber

9. November 1938: SA-Horden und ein entmenschter Pöbel plündern und zerstören Hunderte von Synagogen und andere jüdische Einrichtungen in Nazi-Deutschland. Das unter dem zynischen Begriff »Reichskristallnacht« in die Geschichtsbücher eingegangene Pogrom lässt kaum mehr Zweifel an der Absicht des NS-Regimes, jüdisches Leben im »Reich« nicht nur zu unterdrücken, sondern zu zerstören, Juden nicht nur auszugrenzen, sondern zu ermorden. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 bleiben noch zehn Monate für Juden und Regimegegner, sich und die Seinen – wie auch immer – in Sicherheit zu bringen. »Rettet wenigstens die Kinder«: Die unter diesem Titel im vergangenen Jahr erschienene, aufwendig recherchierte Dokumentation der Rettung von etwa 20 000 jüdischen Kindern durch Transporte nach England, Frankreich, Belgien, in die Niederlande und die Schweiz in diesem kurzen Zeitraum stellte am Dienstagabend Mitautorin Angelika Rieber in der Sophie-Scholl-Schule vor.

Der Ort war gut gewählt, beherbergte das Gebäude an der Frankfurter Straße doch zwischen 1937 und Kriegsbeginn die jüdische Bezirksschule. 161 Kinder aus 76 Orten in der Wetterau wurden dort von neun Lehrern unterrichtet. Die Schule war letzter Schutzraum, bevor auch sie bei Kriegsbeginn geschlossen wurde. 1941 begannen dann die systematischen Deportationen der jüdischen Bevölkerung in die Vernichtungslager.

Was Angelika Riebers Vortrag so anschaulich, so bewegend werden ließ, war die Schilderung der Schicksale zweier Menschen, die den Henkern in letzter Minute entkommen konnten: der Lehrerin Herta Mayer und ihrer Schülerin Hannelore Adler. Dieser war eines der 20 000 Kinder, die ihr Überleben den Transporten verdankten.

Gewissenskonflikte der Eltern

Internationale Hilfsorganisationen konnten das NS-Regime, nachdem die oben genannten Länder ihre Zustimmung zur Aufnahme gegeben hatten, zur »Freigabe« der Kinder bewegen. Deren Eltern wollten ihre geliebte Heimat Deutschland entweder nicht verlassen, weil sie die Augen vor dem Grauen verschlossen, das sie erwartete. Oder sie konnten es nicht – beispielsweise aus Krankheitsgründen, oder weil sie ihre eigenen Eltern nicht im Stich lassen wollten. Welche Gewissenskonflikte bei der Entscheidung, sich von den eigenen Kindern zu trennen, auszuhalten waren, lässt sich kaum ermessen. Welches Kind konnte ahnen, dass es bei dieser Trennung von den Eltern um einen Abschied für immer ging, denn die wenigsten sahen ihre Eltern jemals wieder? Welches Kind konnte begreifen, dass es hier nicht um eine harte Bestrafung für ungehöriges Verhalten, sondern um die Rettung des eigenen Lebens ging?

In den Aufnahmeländern – Großbritannien nahm etwa die Hälfte der Kinder auf – galt es, die fremde Sprache zu lernen und mit den Gasteltern zurechtzukommen. Viele der damaligen Kinder leiden bis heute an den psychischen Folgen traumatischer Erfahrungen. Angelika Rieber informierte am Ende ihres eindrucksvollen Vortrags über das Projekt zur Aufstellung eines Denkmals vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, das an die Kindertransporte erinnern soll. Es könnte die Inschrift tragen: »Sie sollen sich nicht an unseren Tränen freuen.« (Foto. gk)

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