12. Mai 2018, 05:00 Uhr

Spielefest

Reicht Erdogans Schatten bis nach Friedberg?

Beim Internationalen Spielefest auf der Friedberger Seewiese könnte eine Bevölkerungsgruppe diesmal fehlen. Das IZF überlegt, die türkische Ditib-Gemeinde auszuladen.
12. Mai 2018, 05:00 Uhr
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Von Jürgen Wagner
Volkstanz beim Internationalen Spielefest auf der Friedberger Seewiese: Politische Differenzen trüben die Stimmung. (Archivfotos: pv) (Foto: Schuchardt lod)

Im August 2017 feierte die Linke ihr »Usagassenfest«. Gast war der kurdische Sänger Seyda Perinçek. Vor dem Fest klingelte das Telefon. »Recep Kaplan rief aus der Türkei an, meldete sich als Vorsitzender des Ausländerbeirates und sagte, wir hätten einen Terroristen eingeladen«, erinnert sich Anja El-Fechtali. Die Stadtverordnete blieb »diplomatisch«, beendete das Gespräch rasch. Bei vielen Friedbergern läuteten die Alarmglocken: Wie weit reicht der Arm des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan?

»Durch viele Familien geht ein Riss«, sagt ein in der Türkei geborener Friedberger. Wer gegen Erdogan sei, gelte als »Vaterlandsverräter«, werde ausgegrenzt. Über Politik werde nicht diskutiert. »Probleme werden totgeschwiegen«, sagt er. Viele Türken hätten Angst, bestätigt Mehmet Turan, Grünen-Stadtverordneter und IZF-Vorsitzender. Er hat mit Betroffenen gesprochen, weiß, warum viele nicht mehr in die Türkei reisen. »Sie wollen Erdogans System nicht unterstützen.« Für Turan ist klar: »Meinungs- und Pressefreiheit gibt es in der Türkei nicht.«

63,1 Prozent für Erdogan

Ein 25-jähriger Friedberger sieht das genauso. »Es ist so, aber keiner will drüber reden«, sagt er. In die Ditib-Gemeinde gehe er schon lange nicht mehr. »Da gibt es viele Anhänger von Erdogans AKP.« Beim Verfassungsreferendum 2017 in der Türkei fuhren von hier Busse zum türkischen Generalkonsulat in Frankfurt ab. »Klar, wenn die gewählt haben.« 63,1 Prozent der in Deutschland lebenden 1,4 Millionen Türken haben Erdogan unterstützt, in der Türkei waren es »nur« knapp über 50 Prozent.

Ein seit Jahrzehnten in der Wetterau lebender Türke, der schon vor Jahren vor Erdogans Politik warnte, ist vorsichtiger geworden. »Ich bin nicht mit allem einverstanden, was Erdogan macht. Aber Probleme in Deutschland mit anderen Türken? Nein. Davon weiß ich nichts.« Das werde von Kurden und Aleviten hochgespielt, glaubt er.

Eine 28-jährige Studentin mit türkischen Wurzeln (»Das Wort Deutschtürkin kann ich nicht mehr hören. Ich bin hier geboren und kann gar nicht Türkisch«) hat eine klare Meinung über Erdogan-Anhänger: »Es ist einfach, hier ein demokratisches System zu genießen, aber in der Heimat mit seiner Stimme für diktatorische Verhältnisse zu sorgen. Wer das will, soll auch dort leben.«

IZF sucht Gespräch mit Ditib

Toleranz hat ihre Grenzen. Das IZF bezieht in der Türkei-Frage klar Position, etwa mit einer Lesung von Texten des wegen »Terrorverdachts« angeklagten »Welt«-Journalisten Deniz Yücel. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Florian Uebelacker, Organisator der Lesung im Bibliothekszentrum Klosterbau, macht die Haltung des IZF deutlich: »Wir fragen jede und jeden, ob er oder sie die Demokratie und Völkerverständigung unterstützt, auch in Wahlgängen des Herkunftslandes.«

Über die Teilnahme der Ditib am Internationalen Spielefest sei noch keine Entscheidung gefallen, sagt IZF-Vorsitzender Turan. »Aufgrund der angespannten Situation und der massiven politischen Einwirkung auf die Ditib haben wir starke Bedenken. Wir haben mit einzelnen Mitgliedern gesprochen, es gibt ein Gesprächsangebot an den Vorstand.« Momentan könne er sich nur sehr schwer vorstellen, unter dem Motto »Kulturaustausch« weiter zusammenzuarbeiten.

Ausländerbeiratsvorsitzender Recep Kaplan weist die Vorwürfe zurück, kann die Bedenken nicht nachvollziehen. Am Vorwurf, Erdogan-Gegner würden ausgegrenzt, sei nichts dran. »Wer das sagt, soll Namen nennen. Das geht aber nicht, weil es keine Beispiele dafür gibt.« Beschließe das IZF den Ausschluss, werde der Ausländerbeirat die Zusammenarbeit beenden und das Fest nicht mehr sponsern, sagt Kaplan. 400 bis 500 Euro pro Jahr seien das. In der Moschee werde sehr wohl über Politik diskutiert. »Jeder kann Erdogan kritisieren«, sagt Kaplan, der sich gerade in der Türkei aufhält und überzeugt ist, dass es in seinem Heimatland Pressefreiheit gibt. »Ja, die gibt es.« Auf der »Rangliste der Pressefreiheit« von »Reporter ohne Grenzen« liegt die Türkei auf Rang 155 von 180 Ländern.

 

Info

Drei Fragen an Mehmet Turan

Herr Turan, warum hat das IZF das Gespräch mit Ditib-Mitgliedern gesucht?

Mehmet Turan: Laut unserer Satzung wollen wir Brücken zwischen Kulturen, Religionen und Ländern bauen. Wir merken aber immer mehr, dass die Vernetzung von Ditib-Mitgliedern, der direkte Kontakt zur autokratischen Politik Tayyip Erdogans, so extrem ist, dass das nicht kompatibel ist mit unseren Vereinszielen.

Sie halten mit ihrer Meinung über Erdogan und die AKP nicht hinterm Berg. Reisen Sie noch in die Türkei?

Turan: Im Moment nicht. Ich habe die Befürchtung, dass es Probleme geben könnte. Das ist sehr schade.

Wie sehen Sie die Aufgabe des Internationalen Zentrums angesichts solcher Konflikte und Probleme?

Turan: Wir bleiben im Dialog mit allen religiösen und kulturellen Gruppen, auch mit der Ditib. Wir werden uns weiterhin für die muslimischen Bürger in Deutschland einsetzen, werden uns für ihre Rechte und ihre Religionsfreiheit stark machen. Und wir werden die Moscheen auch weiterhin vor Rechtsextremisten schützen. Unsere Integrationsarbeit geht weiter. (jw)



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