Wetterau

Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist

Daniela Katzenberger würde ihn verstehen wenn Franz Kain »Alderle, Alderle« ausruft. Bei den Wetterauern ist er sich da nicht so sicher. In der Kurpfalz hört man das ständig, aber in Mittelhessen?
10. März 2017, 13:00 Uhr
Sabine Bornemann
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Endlich angekommen: Franz Kain kann auf der Bühne so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das war nicht immer so. (Foot: pv)

Da will Franz Kain Abhilfe schaffen und bringt seine Mundart direkt ins Theater am Park nach Bad Nauheim. Dass man damit sogar Berge versetzen kann, erzählt er im Interview.

Herr Kain, können Sie Hochdeutsch?

Franz Kain: Klar, kann ich es. Ich musste es aber erst lernen. Im Elternhaus wurde viel Dialekt gesprochen. Ich wollte unbedingt zum Radio, was ich auch geschafft habe, aber dort musste ich erst ein Jahr Sprecherziehung absolvieren.

Was war das Schwierigste?

Kain: Aus dem »ch« kein »sch« mehr zu machen. Mich wird zu misch, und dich zu disch, so klingen wir Kurpfälzer eben.

Hat man Ihnen den Dialekt tatsächlich »ausgetrieben«?

Kain: Nicht ganz. Mein Programmberater sagte, ich solle den Dialekt ruhig durchscheinen lassen. Wie Robert Treutel alias Bodo Bach damals. Es war nämlich zunächst so, wenn die rote Lampe im Studio anging, war ich ein anderer Mensch. Manche haben gar nicht mehr erkannt, dass ich spreche. Schließlich war es ein Regionalsender und das sollte man auch etwas hören.

Sie bewegen sich in Ihrem Programm mitten in der Kurpfälzer Mundart. Wie sind Sie darauf gekommen?

Kain: Ich finde es eine sehr ehrliche Mundart und sehr offen. Das Regionale wird immer wichtiger und scheint auch vom Publikum immer mehr gefragt zu sein. Besonders in der Region, in der die entsprechende Mundart tatsächlich beheimatet ist.

Nun reisen Sie nach Mittelhessen, wo es ganz eigene Dialekte gibt. Glauben Sie, das Kurpfälzische kommt an?

Kain: Das hoffe ich sehr, allerdings weiß man nie, was einen in einer neuen Stadt erwartet. Ich bin gespannt.

Info

Termin und Tickets

Wer wissen möchte, was »Alderle, Alderle« alles meint, kann das am Samstag, 11. März, um 20 Uhr im Theater am Park erleben. Eintrittskarten gibt es bei der Wetterauer Zeitung in den Geschäftsstellen in Bad Nauheim und in Friedberg, beim Stadtmarketing und Tourismus GmbH oder telefonisch beim Theater am Park, Telefon 0 60 32/9 25 25 30. (pm)

Ihr Programm heißt »Alderle, Alderle«. Erklären Sie einem Hessen, was das heißt:

Kain: Es ist ein Ausdruck, der einem hier in Weinheim ständig über die Lippen kommt. Es hat viele Bedeutungen, aber es ist ein Ausruf des Erstaunens, so wie »Mann oh Mann« oder »Nicht zu fassen« oder »unglaublich«.

Mit dem Ausdruck »Ey, Alter?« hat es nicht zu tun?

Kain: Nein, gar nicht.

Also, Daniela Katzenberger würde Sie mit »Alderle, Alderle« verstehen?

Kain: Sie wüsste genau, was ich meine, sagt es vielleicht selber ganz oft.

Eigentlich stammen Sie beruflich aus der Zeitungsredaktion. Wieso zog es Sie auf die Bühne?

Kain: Ich habe mit 18 schon Tanzmusik gespielt. Mit dem Akkordeon auf Hochzeiten und Geburtstagen Geld verdient. Neben dem Job beim Radio habe ich auch Moderationen gemacht. Da war der Weg nicht mehr weit.

Wie sind Sie dann dazu gekommen, mit einem Mundart-Kabarett-Programm auf die Bühne zu gehen?

Kain: Ich habe als Journalist über die »Spitzkicker« geschrieben, die sich nach sieben Jahren aufgelöst haben. Danach wurde ich angesprochen (ich hatte eine Dialekt-Glosse im Radio), ob ich nicht bei der Truppe mitmachen möchte, und das habe ich auch gemacht.

Bei der Kurpfalz kommen einem ganz unterschiedliche Dinge in den Kopf: Weinstraße, Opel, Rammstein Air Base oder Kohls Pfälzer Saumagen. Was gefällt Ihnen am Besten?

Kain: Es sind soviele Dinge: Die Natur, die Landschaft, der offene Menschenschlag, wir gehen gerne feiern, hier ist immer was los.

Ist die Kurpfälzer Mundart salonfähig geworden?

Kain: Dank Künstlern wie Bülent Ceylan oder anderen Mundart-Kabarettisten, wie Christian Habekost ja. Dialekte werden wieder mehr gepflegt und ich kann reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Dazu kommt noch, dass ich auf der Bühne genauso bin, wie privat. Ich muss mich nicht verstellen.

Seit 2009 sind Sie solo unterwegs. Hätten Sie damals gedacht, dass es mal fünf Soloprogramme werden?

Kain: Ich hatte gehofft, erfolgreich zu sein. Wegen einem Programm alleine hätte ich es nicht gemacht. Eigentlich wollte ich gar nicht weit rumreisen mit meinem Programm. Jetzt mache ich es doch.

Sprechen Sie zuhause Pfälzer Mundart und kann das Ihre Tochter?

Kain: Wir sprechen es zuhause. Meine Tochter kann viel besser »switchen«. Wir haben ihr immer gesagt, wie es »richtig« heißt, das heißt, sie wusste wie die Wörter auf Hochdeutsch geschrieben werden.

Was ziehen Sie in Ihren Programmen durch den Kakao?

Kain: Einiges, sogar Weinheim und Sachen, die in der Region im Argen liegen. Ich ziehe nicht darüber her, sondern versuche, positive Kritik zu üben.

Hat das bei den Verantwortlichen in der Politik schon etwas bewirkt?

Kain: Ja, sogar Menschen aus der Verwaltung haben sich nach Programmen Gedanken gemacht, es gab teilweise zustimmende Leserbriefe und dann wurden Sachen geändert.

Musizieren Sie auf der Bühne?

Kain: Ja, ich singe, denn ich habe einen Musiker dabei. Passagen werden mit Musik unterlegt, das erreicht eine andere Dramaturgie, ich kann beim Sprechen anders nuancieren als nur mit dem Text allein.

 

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Reden-wie-einem-der-Schnabel-gewachsen-ist;art472,222578

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