12. November 2018, 14:08 Uhr

Rechtsextremist

Rechter »Schlitzer« will früher aus dem Gefängnis

Rechtsextremist Patrick W. hat mit »Gaskammerpartys« in Echzell von sich Reden gemacht. Wegen Waffen und Volksverhetzung sitzt er in Haft – und will früher raus. Das Gericht hat nun entschieden.
12. November 2018, 14:08 Uhr
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Aus der Redaktion
Perfider geht es nicht: Hier hat Patrick W. seine »Gaskammerpartys« gefeiert. Der Rechtsextremist wurde im Dezember 2012 wegen Volksverhetzung, aber auch wegen Drogenhandels und Waffenbesitzes zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. (Archivfoto: nic)

Rechtsextremist Patrick W. bleibt weiterhin in Haft. Das Landgericht Gießen hat seinen Antrag auf vorzeitige Entlassung abgelehnt – mit dem Verweis auf das zu hohe Risiko weiterer Straftaten.

Patrick W., auch bekannt unter seinem Spitznamen »Schlitzer«, soll Ende des Jahres aus der Haft entlassen werden. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen auf Anfrage mitteilte, hat das Landgericht Gießen Anträge des 33-Jährigen abgelehnt, vorzeitig freizukommen. Das Gericht habe die Gefahr, dass W. weitere Straftaten begehen werde, als zu hoch bewertet.

Der Rechtsextremist war im Dezember 2012 vom Landgericht unter anderem wegen Drogenhandels, Waffenbesitzes und Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Zuvor hatte er bereits in Untersuchungshaft gesessen. Auf seiner Hofreite in Echzell hatte er »Gaskammerpartys« ausgerichtet, bei denen Kunstnebel aus Duschköpfen strömte, die an der Decke befestigt waren. Nach der Verurteilung von W. kauften Nachbarn die Hofreite, die als Bastion der Vereinigung »Old Brothers« diente.

 

Offenbar nichts dazugelernt

Seitdem Patrick W. einsitzt, herrscht Ruhe in Echzell. Es gebe keine Aktivität mehr von organisierten rechtsextremen Gruppierungen, sagt Rochsane Mentes, die für die Kommunen Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim das Gemeinschaftsprojekt »BuntErLeben« leitet. »Die Aktivität ist bei null.« Dass die braunen Umtriebe durch die Entlassung von W. wieder aufleben werden, denkt Mentes nicht. »Ich mache mir da wenig Gedanken.« Manfred Linss vom lokalen Bündnis »Grätsche gegen Rechtsaußen« ist vorsichtiger. »Ich bin mir relativ sicher, dass er wieder Leute um sich gruppieren wird.« Das müsse ja nicht in Echzell oder den Nachbargemeinden sein.

Dass Patrick W. nicht gerade den Eindruck erweckt, er habe aus der Vergangenheit gelernt, zeigte sein Verhalten, als er das Gefängnis im offenen Strafvollzug verlassen durfte. Er knüpfte wieder Kontakte zur rechtsextremen Szene, posierte auf Fotos in einem sozialen Netzwerk mit alten Neonazi-Kameraden.

 

Ärger bei Freigang

Entsprechend kurz war die Zeit als Freigänger. Laut Staatsanwaltschaft dauerte sie von April bis September 2016. Wegen »diverser Weisungsverstöße« habe das Gericht wieder den geschlossenen Vollzug angeordnet. Eine Auflage war ein Kontaktverbot zur rechtsextremen Szene. Zudem ermittelte die Polizei im September 2016 gegen W. wegen des Verdachts der Bedrohung. In einer Gaststätte in Friedberg waren er und Begleiter mit anderen in Streit geraten.

Innerhalb der JVA benimmt sich W. offenbar nicht besser. Weil es zu Auseinandersetzungen mit Häftlingen gekommen sei, sei er wegen Bedrohung angeklagt, im Oktober aber freigesprochen worden, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Überdies ermittle man zurzeit gegen ihn wegen des Verdachts der Nötigung, der einen Vorfall in der JVA betreffe.

Info

Patrick W. – Eine Chronik
  • November 2007: Der gebürtige Florstädter Patrick W. zieht vom südhessischen Eppertshausen nach Gettenau
  • Oktober 2008: W. eröffnet das Tattoostudio »Old Brothers Ink.« in Wölfersheim
  • März 2009: Es gibt Ärger, weil W. für einen Onlineshop wirbt, der T-Shirts mit rechtsradikalem Aufdruck vertreibt
  • April 2009: Die Antifa-BI weist darauf hin, dass W. eine Sicherheitsfirma betreibt, ihre Sorge: Die Türsteher kennen durch die Ausweiskontrolle die Namen und Adressen von Partygästen aus dem anderen politischen Lager
  • August 2009: Im Internet wirbt W. für die Neueröffnung des Tattoostudios in seiner Hofreite in Gettenau
  • Herbst 2009: Es gibt erste Hinweise ans Ordnungsamt, Nachbarn beschweren sich über Lärm: Hunde bellen, es wird an Autos geschraubt, Partys steigen
  • Oktober 2009: W. greift einen Nachbarn an, der sich über die laute Feier beschwert hatte; für die Schläge und Tritte kassiert er 2010 eine siebenmonatige Freiheitsstrafe (zur Bewährung). Die BI »Grätsche gegen Rechtsaußen« gründet sich
  • April 2010: Echzell, Wetteraukreis, Polizei und »Grätsche« gründen ein Ämternetzwerk
  • Mai 2010: Ein Nachbar wird von W.s Partygästen von der Leiter gezogen, weil er die Kamera an W.s Haus wegdrehen will; W. stellt das Video vom Übergriff ins Internet
  • Juli 2010: Bei einer Feier des SV Reichelsheim wird ein Kraftfahrer türkischer Herkunft von W.s Clique zusammengeschlagen
  • Juli 2010: Auf W.s Grundstück werden sieben gefährliche Hunde sichergestellt
  • Ende 2010: Echzell und Florstadt beantragen den Lokalen Aktionsplan Mittlere Wetterau, auch Reichelsheim und Wölfersheim machen mit
  • Januar 2011: Wegen der »Gaskammerpartys« wird W. Anwesen durchsucht
  • Februar 2011: W. eröffnet ein Tattoostudio in Düdelsheim
  • April 2011: Hausdurchsuchung; W. soll gegen das Waffengesetz verstoßen haben
  • Mai 2011: Unbekannte schießen mit einer Luftdruckpistole auf eine Fensterscheibe in W.s Nachbarschaft
  • 7. Juli 2011: W. wird verhaftet; die Polizei ertappt ihn nach einer Drogenfahrt
  • 3. Dezember 2012: W. wird wegen Drogenhandels, Volksverhetzung, Verstößen gegen das Waffengesetz und Beleidigung zu sechs Jahren und drei Monaten verurteilt
  • Ende 2012: Der Nachbar, der von W.s Partygästen von der Leiter gezogen wurde, kauft W.s Anwesen.


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