02. Oktober 2018, 17:00 Uhr

Landlust oder Landfrust?

Realitätscheck in Reichelsheim: Bilderbuch vs. echtes Bauernleben

In Kinderbüchern ist das Landleben die reine Idylle. Stimmt gar nicht, sagen Helena und Marcella Marloff aus Reichelsheim. Die zehnjährigen Zwillinge wachsen auf einem Bauernhof auf und machen den Realitätscheck.
02. Oktober 2018, 17:00 Uhr
»Bei uns zu Hause sieht’s anders aus«: Helena (l.) und Marcella Marloff schauen sich (Bilder-)Bücher über den Bauernhof an – zusammen mit Mama Christina und Buchhändlerin Ruth Krämling. (Foto: dab)

Ein bisschen ist es wie in dem Lied »Old MacDonald had a farm«: In Kinderbüchern über den Bauernhof kommen alle Tiere vor, die man sich auf dem Land nur denken kann. Dabei stimmt diese Vorstellung ebenso wenig wie die, dass es »den« Bauernhof gibt.

Früher hatten die Bauern drei Schweine und fünf Rinder, erzählt Christina Marloff. Davon konnten sie leben. Das hat sich längst geändert; Landwirte mussten sich spezialisieren. Marloffs Familie führt einen Milchviehbetrieb in Reichelsheim, einen der wenigen noch existierenden, und das klappt auch nur im Nebenerwerb: Sprich, sie müssen zusätzlich einer anderen Arbeit nachgehen.

 

Fehlerhaft, aber nicht überflüssig

Davon ist in den Büchern nichts zu sehen und zu lesen. Auch nicht davon, wie viel Zeit für die Buchhaltung, die Dokumentation, das Management draufgeht. »Die Futtermischration muss stimmen, die Gülle wird untersucht und vieles, vieles mehr«, sagt Christina Marloff. Sie sitzt mit ihren Töchtern Helena und Marcella in der »Buchhandlung im Park« in Bad Nauheim und unterzieht Bauernhofbüchern einem Realitätscheck. Ruth Krämling, die Leiterin der Kinderbuchabteilung, hat eine Menge herausgesucht.

Schaut mal, da steht ein Alpaka mitten auf dem Hof. Was macht das da?

Helena (10)

Das erste, was auffällt: Es sind vor allem Bilderbücher für kleine Kinder. »Ich habe viele Bücher gefunden, aber es hört bei einer gewissen Altersgrenze auf«, sagt Krämling. »Ich dachte, die Palette sei breiter.« Spätestens für die Mittelstufe sei gar nichts Spezifisches mehr dabei gewesen. Vereinzelt gebe es Literatur, die sich zur Vorbereitung von Referaten eigne, ergänzt Marloff.

 

Zu viel Romantik in Bauerhofbüchern?

Helena lacht und dreht das Buch um, das sie gerade anschaut, sodass alle das Bild sehen können. »Schaut mal, da steht ein Alpaka mitten auf dem Hof. Was macht das da?« Auch ihre Schwester Marcella findet immer wieder Fehler. Und Zeichnungen, auf denen die Tiere vermenschlicht werden: Hier lacht eine Schwein, dort steht ein Sofa im Hühnerstall, nebenan strickt ein Schaf. Marcella stört sich aber gar nicht daran, im Gegenteil: »Ich mag das Buch, ich finde das witzig.«

Auch Christina Marloff und Ruth Krämling sind sich einig, dass Bauernhofbücher ihre Berechtigung haben – selbst wenn sie das Leben und die Arbeit dort romantisieren und als heile Welt darstellen.

Viele Stadtkinder haben gar keinen Bezug mehr zu Tieren, kennen höchstens noch Katzen und Hunde. Durch die Bücher lernen sie, dass Kühe nicht lila sind. »Ja«, sagt Marloff, »es gibt wirklich Kinder, die das glauben.« So sehen sie wenigstens auf dem Papier, was ein Stall ist, ein Mähdrescher, ein Weizenfeld.

 

Drei Fragezeichen auf dem Bauernhof

Das sei auch der Anspruch der meisten (Groß-)Eltern, die nach Bauernhofbüchern fragten, erzählt Krämling: Es sollen möglichst viele Tiere zum Entdecken drin sein; in die Tiefe gehen muss es nicht. Dafür ist kaum ein Buch zu finden, das nichts zum Fühlen, Aufklappen, Schieben, Herausziehen hat – und gerne auch noch Geräusche macht.

Anders sieht es da schon bei den Wissensreihen für Kinder bis etwa sieben Jahre aus. »Das ist gut aufbereitet«, lobt Marloff. Hier können auch Eltern noch etwas lernen: welches Fahrzeug in der Landwirtschaft für welche Aufgabe gebraucht wird, wann welches Obst und Gemüse geerntet wird, und vielleicht auch, dass Kühe nur Milch geben, wenn sie ein Kälbchen geboren haben.

Bloß schade, dass es dann aufhört, finden alle. Bauernhofbücher für Kinder, die schon selbst lesen können, wären womöglich eine Marktlücke. Sie sind sich einig: Jemand sollte eine neue Reihe schreiben, so etwas wie die Fünf Freunde oder Die drei Fragezeichen, und die Geschichte auf den Bauernhof verlegen. Bis es so weit ist, hat Christina Marloff einen Rat: Einfach mal einen Landwirt ansprechen, ob man sich seinen Hof anschauen darf. Noch näher an die Realität werden Kinder und Eltern nicht kommen.

Info

Landwirtschaft hautnah

Die Initiative »Bauernhof als Klassenzimmer« ermöglicht es, Bauernhöfe als Exkursionsziele und als außerschulische Lernorte zu entdecken und Landwirtschaft hautnah zu erleben. Ziel ist es, Kindergartenkindern sowie Schülern aller Altersstufen Einblicke in die Landwirtschaft zu geben und ihnen ein realistisches Bild der täglichen Arbeiten auf dem Hof, im Stall und auf dem Feld zu vermitteln. Die Initiative gewinnt immer mehr Zustimmung: 2016 haben etwa 6000 Mädchen und Jungen aus Wetterauer Grund- und weiterführenden Schulen Bauernhöfe in der Region besucht und sich ein eigenes Bild von der Produktion von Lebensmitteln gemacht.

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