02. Juni 2019, 18:00 Uhr

»Pastoraler Weg« im Bistum Mainz

Quo vadis? Katholiken diskutieren über Zukunft der Kirche

300 katholische Christen diskutieren in Mainz über den »pastoralen Weg« zur Erneuerung der Kirche. Die WZ sprach mit Dekan Wanske über eine »Kirche des Teilens« und Frauen im Priesteramt.
02. Juni 2019, 18:00 Uhr
»Wenn wir das nicht machen, berauben wir uns vieler Chancen«: Dekan Stefan Wanske diskutiert heute mit 300 Christen aus dem Bistum Mainz über die Zukunft der Kirche. (Foto: jw)

Herr Wanske, in Mainz findet ein Workshop zum pastoralen Weg statt. Was kann die Kirche vor Ort bewegen, ohne dass sie vom »Kirchenkonzern« in Rom ausgebremst wird?

Stefan Wanske : Es geht zunächst darum, sich der wesentlichen Fragen zu vergewissern: Wozu sind wir als Kirche da? In Institutionen wie der Kirche gibt es immer die Tendenz, sich selbst zu genügen. Dagegen steht die Frage, die durch Papst Franziskus angestoßen wurde: Was ist eigentlich unser Auftrag? Wozu sind wir da? Wie nehmen wir unsere Umwelt wahr? Da setzt der pastorale Weg an: Auf den Spuren von Papst Franziskus noch einmal neu die Umgebung wahrzunehmen. Bischof Peter Kohlgraf hat dazu die richtigen Fragen gestellt, ganz banal, aber doch nicht so selbstverständlich, wie man denken würde: Kennt ihr die Leute in eurer Umgebung? Wisst ihr, wer wo wohnt? Das sind Fragen, da fühlt sich jeder Gemeindepfarrer ertappt, auch ich.

Sie sind jetzt zehn Jahre in Friedberg.

Wanske: Und es gibt hier Quartiere in der Stadt, da bin ich ein-, zweimal gewesen, obwohl da nach Aktenlage durchaus Katholiken leben. Die Fragen des Bischofs stoßen einen mit der Nase drauf: Weißt du eigentlich, wo den Leuten der Schuh drückt? Oder gehst du nur in deinem eigenen Betrieb auf, kümmerst du dich nur um deine Infrastruktur?

In Mainz sollen »zukunftsfähige Pastoralkonzepte für neue pastorale Räume« entwickelt werden. In wenigen Jahren soll es im Dekanat Wetterau-West statt 23 nur noch drei Pfarreien geben. Widerspricht das nicht dem Bestreben, auf Menschen zuzugehen? Entfernt sich die Institution Kirche nicht eher von den Menschen?

Wanske: Man muss sehen, dass aus den ursprünglich 23 Pfarreien durch Kooperationen bereits 15 pastorale Einheiten gebildet wurden. Der Begriff »Pfarrei« meint in dem Zusammenhang eine Verwaltungseinheit. Wir müssen uns von der Vorstellung »Pfarrei ist Gemeinde vor Ort« verabschieden, da ändert sich was in der Terminologie. Die Gefahr, die Sie benennen, besteht. Aber genau so soll es ja nicht sein, sondern es geht darum, in der lebensweltlichen Wahrnehmung eine »Kirche des Teilens« zu werden. Das heißt: Ressourcen teilen, Fähigkeiten teilen, dem anderen auch seinen Anteil gönnen. Und hinzuschauen: Wo wird was gebraucht? Deshalb dieser Workshop: Das ist eine Möglichkeit, anderen zuzuhören und sich auszutauschen.

Neben Ihnen fahren vier weitere Personen aus dem Dekanat Wetterau-West nach Mainz. Was sind das für Menschen?

Wanske: Das sind normale Kirchenmitglieder. Keine kirchlichen Insider, die bereits in diözesanen Gremien vertreten sind, sondern solche, die häufig vor Ort den Karren ziehen. Und die in Mainz engagiert Dinge zur Sprache bringen können.

Pastoral bedeutet im erweiterten Sinne »Seelsorge« und meint »geistliche Führung und Anleitung«. Das Wort deutet aber auch auf den Pastor hin, den Hirten. Es gibt viele katholische Christen, die sagen: Mit mehr Hirtinnen gäbe es das Problem, dass der Kirche Priester fehlen, nicht.

Wanske: Es ist rein statistisch nicht von der Hand zu weisen, dass eine Mangelsituation entsteht, wenn man sagt: Derjenige, den wir mit dem Priesteramt versehen, muss erstens Mann sein und zweitens im Regelfall unverheiratet bleiben. Keine Frage, dass das eine Auswahl von vorneherein begrenzt. Auf der anderen Seite darf man die Pastorale nicht zu sehr auf die Figur des Pastors, des Pfarrers, engführen. Wir haben weitaus mehr pastorale Berufsgruppen, die von Männern und von Frauen ausgefüllt werden: Gemeinde- und Pastoralreferenten, aber auch auf der Leitungsebene haben wir das längst abgebildet. Da sind häufig noch falsche Bilder in den Köpfen. Ganz viele Dinge, die früher in einem bischöflichen Ordinariat von Domkapitularen und Prälaten erledigt wurden, machen heute Frauen. Weil sie oft auch fachlich besser sind. Das ist durchaus auch in der katholischen Kirche angekommen, so blöd ist man dann doch wieder nicht. Und die Frage nach Zulassung zur Weihe im weitesten Sinne, die stellt sich in so einer Situation natürlich auch.

Wie stehen die Kirchenmitglieder in der Wetterau dazu?

Wanske: Ich glaube, würde sich an der derzeitigen Praxis etwas ändern, würde es wohl nicht auf breiten Widerstand stoßen. Auf der anderen Seite nehme ich schon auch einen sehr nüchternen, realistischen Blick wahr, wenn mir Leute sagen: Wenn das alleine des Rätsels Lösung wäre, Kirche in die Zukunft zu führen, müssten unsere evangelischen Schwestergemeinden vor Ort im Gegensatz zu uns, die wir im Absterben wären, Orte blühenden geistlichen Lebens sein und eine ungeheure gesellschaftliche Prägekraft entfalten. Aber tatsächlich sind die Schwierigkeiten da wie dort gleich.

Eine andere Forderung lautet, den Zölibat zu lockern, ihn nicht mehr zur Pflicht zu machen. Wie stehen Sie dazu?

Wanske: Diese Forderung ist ja nicht neu, und ich würde das ganz analog sehen. Es gibt Gründe, die dafür und solche, die dagegen sprechen. Ich kenne Leute und würde mich, jedenfalls bis zum heutigen Tag und mit aller Vorsicht, auch dazu zählen, die tatsächlich im Zölibat als Priester glückliche Menschen sind. Das sollte man durchaus einmal zu bedenken geben: Die gibt es.

Genauso wie es die unglücklichen gibt.

Wanske: Genau. Zwei Seiten, eine Medaille, wie das bei verheirateten Paaren auch der Fall ist. Häufig haben sich Reformansätze in der Kirche so verwirklicht, dass ein sehr dringendes Bedürfnis in dieser Richtung verspürt wurde. Es hat ja nie aus Gutdünken jemand gesagt: Jetzt führen wir diese und jene Neuerung ein. Es war eher so, dass deutlich wurde: Wenn wir das nicht machen, nehmen wir uns große Chancen. Denken Sie an die Einführung der Pfarrgemeinderäte: Da hat nie ein Papst gesagt: Ihr müsst jetzt unbedingt auf eine breite Beteiligung des Kirchenvolks setzen. Es war umgekehrt, man hat gesehen: Wenn wir das nicht machen, berauben wir uns vieler Möglichkeiten. Ich glaube, so wird das auch hier einmal funktionieren.

Eine Frage des pastoralen Wegs, die offenbar immer wieder neu gestellt werden muss, lautet: Worin besteht der Auftrag der Kirche? Wie lautet Ihre Antwort angesichts der aktuellen Entwicklungen?

Wanske: Bei den Menschen zu sein. Menschen in ihrem Alltag, ihrem Leben mit dem Evangelium in Berührung zu bringen. Davon zu erzählen, was Glaubende, nicht nur der Pfarrer, sondern eine christliche Gemeinde für sich und ihr Leben als wesentlich erfährt. Und davon anderen mitzuteilen in der Hoffnung, dass ihnen das auch hilfreich ist. Leben zu bereichern, Leben zu ermöglichen: Das ist der Auftrag von Kirche.

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