08. Juni 2018, 12:30 Uhr

Disko-Serie

Prince, Joe Cocker und Milli Vanilli - das war der berühmteste Keller Frankfurts

Das Funkadelic in Frankfurt war ein besonderer Ort. Weltstars gaben sich die Klinke in die Hand, Musikgeschichte wurde geschrieben und eine deutsche Frau rappte "Schweinskram". Eine Zeitreise.
08. Juni 2018, 12:30 Uhr

Wetterauer Diskos

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie öffnen wir noch einmal die Türen.

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Das Wasser läuft die Spiegel herunter, so heiß ist es im Funkadelic. 800 schwitzende Körper reiben sich auf den 180 Quadratmetern aneinander, wenn aus den Boxen »Give It To Me Baby« von Rick James oder »Get Down On It« von Kool and the Gang dröhnt. Leidenschaftlich und ausgelassen feiert sich ein Publikum durch legendäre Nächte direkt an der Frankfurter Zeil. Dort liegt zwischen 1982 und 1996 der Sammelpunkt für schwarze amerikanische Soldaten, deutsche Funk-Liebhaber und Weltstars der Musikszene. Das Funkadelic ist aber auch Geburtsort eines Welthits und gleichzeitig eines der größten Skandale der Musikgeschichte – »Girl you know it’s true«. 

Frank Farian

Der Milli-Vanilli-Entdecker

 

Musikproduzent Frank Farian
Musikproduzent Frank Farian. (Foto: dpa)

Frank Farian, einer der erfolgreichsten Produzenten des Landes (unter anderem Boney M), fragte eines Abends Kerim Saka und einen DJ nach Ideen für einen neuen Song. Sie zeigten Farian den Song »Girl you know it’s true«. Farian kaufte die Rechte, produzierte den Song mit »Milly Vanilly« in seinem Rosbacher Studio neu und versprach den Ideengebern eine Gewinnbeteiligung von 0,1 Prozent. Als der Song in den US-Charts auf Nummer 1 war, zahlte er im Funkadelic für eine Stunde die Getränke. Kosten: 4000 Mark.

DJ Rico Sparx (M.) und Milli Vanilli. (Foto: privat)

Einige Monate später war er mit dem nächsten Song auf Nummer eins gelandet, deckelte diesmal aber bei 2000 Mark ab. 1990 ließ Farian die Bombe platzen: »Milli Vanilly« haben nie selber gesungen. Aufgedeckt wurde der Skandal, weil bei einem Auftritt das Playback hängen blieb.. Matle: »Es war in der Szene bekannt, dass Milly Vanilly nicht selber gesungen haben.«
 

 

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Im Zug vergessene Funk-Platten

Die Geschichte des Funkadelic beginnt unspektakulär. Kerim Saka aus Mörfelden-Walldorf fährt mit der S-Bahn nach Frankfurt zur Schule. Mit ihm im Abteil fährt ein amerikanischer Soldat, der mehrere Schallplatten im Zug liegen lässt. Der damals 21-jährige Saka steckt die Platten ein, hört sie sich an und ist begeistert. Der Funk hat ihn gepackt. Weil er selber gerne in Diskos geht und dort viel Geld liegen lässt, kommt er auf die Idee, seinen eigenen Club zu eröffnen.

Mit seinen Schulfreunden Thomas Weber und Andreas Matlé, heute Pressechef der Ovag in Friedberg, hat er Partner, die in das Projekt investieren. Saka findet den Gewölbekeller in der Brönnerstraße, einer Seitenstraße der Zeil, der in den kommenden 14 Jahren Heimat der heißesten Black-Partys der Stadt ist.

 

Joe Cocker

Der Verirrte

»Joe Cocker hatte sich verlaufen«, erinnert sich Matle. Nach einem Konzert wollte Cocker eigentlich in einen rockigen Club, doch seine beiden Begleiter schleppten ihn ins Funkadelic. Cocker wollte zwar nicht fotografiert werden, eine Barfrau stellte sich dann aber neben ihn, »da musste er in die Kamera lächeln«, erzählt Matlé. Trotzdem blieb sein Wunsch beim DJ nach rockiger Musik unerfüllt – eine entsprechende Platte gab es im Funkadelic nicht. Cocker starb im Dezember 2014 im Alter von 70 Jahren.

 

Wir hatten alles, was es eigentlich nicht gab

Andreas Matlé

 

»Wir hatten alles, was es eigentlich nicht gab. Den Funk, schwarze DJ’s und schwarze Türsteher. Im Publikum hatten wir knapp ein Drittel schwarze GIs“, erzählt Matlé. Über Mundpropaganda entwickelte sich das Funkadelic schnell zur Größe im Frankfurter Nachtleben. »Es gab viele Frauen, die ein Faible für die Amerikaner hatten. Und deutsche Männer, die die Musik mochten, kamen auf ihre Kosten«, sagt Matlé. Denn in den zwei Clubs innerhalb der US-Kasernen durften Deutsche nur mit einer Bürgschaft eines GI feiern.
 


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26 Mark für zwei Songs

Matlé, der eigentlich Publizistik in Mainz studierte, hatte mit Diskos nicht viel am Hut, aber das Studium erfüllte ihn auch nicht. Ins Diskogeschäft einzusteigen, gefiel seinen Eltern nicht unbedingt, doch der Erfolg gab ihm Recht.
Dabei war es für Matlè und seine Freunde zunächst nicht einfach, an Platten zu kommen: »In Frankfurt gab es nur einen Laden an der Hauptwache, der Funk-Platten verkaufte. Eine Platte mit zwei Songs kostete 26 Mark. Eine teure Angelegenheit.« 

 

Prince

Der Kamerascheue
Prince
Weltstar Prince kam nach einem Konzert ins Funkadelic. (Foto: dpa)

Weltstar Prince kam im Jahr 1988 nach einem Auftritt in der Frankfurter Eissporthalle ins Funkadelic. Im Vorfeld macht er unmissverständlich klar: Keine Fotos. Das funktionierte. Prince saß in der Ecke, wurde von den Gästen erkannt, doch keiner traute sich, ihn anzusprechen. Am Ende zückte er eine Kassette und reichte sie dem DJ. Darauf war ein neuer Song. Prince wollte  herausfinden, wie dieser beim Publikum ankommt. So viel ist überliefert: Die Funk-Fans waren aus dem Häuschen. Prince starb im April 2016 im Alter von 57 Jahren.

 

Wenn eine Frau mit einem Mann nicht tanzen wollte, hat sie das gesagt, und der Mann hat sie in Ruhe gelassen

Andreas Matlé

 

Bis zu 800 Menschen im Keller

Für die schwarzen Soldaten war das Funkadelic ein Ort, wo sie nicht an der Tür abgewiesen wurden, wie es bei vielen anderen Diskos der Fall war. »Bei uns waren sie willkommen«, sagt Matlé. Die Türen öffneten täglich, bis zu 800 Menschen pressten sich am Wochenende in den Keller. »Das würde heute sicherheitstechnisch nicht mehr funktionieren.«, sagt Matlé. Ein Stockwerk drüber verriet der Nebel, der durch die Kellerfenster auf die Straße trat, was sich im Funkadelic abspielte. 

 

Sie wusste manchmal gar nicht, was sie für einen Schweinskram von sich gab

Andreas Matlé

 

Entspannte Stimmung

Dabei blieb die Stimmung immer entspannt. »Wenn eine Frau mit einem Mann nicht tanzen wollte, hat sie das gesagt, und der Mann hat sie in Ruhe gelassen«, erinnert sich Matlé. Eine Frau schrieb im Funkadelic Geschichte. Dorothea Knothe, alias Lady D. Sie war eine Schulfreundin der drei Inhaber, die als Barfrau arbeitete und heimlich an den Plattentellern übte, bis sie die Jungs um einen Auftritt bat. Sie war die erste Frau Frankfurts am DJ-Pult. Von da an war donnerstags immer Ladys-Night. »Das war ein Hingucker. Ein blonde Frau, die auch noch rappte. Sie wusste manchmal gar nicht, was sie gerade für einen Schweinskram von sich gab«, erzählt Matle. Das schlug ein.

 
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Genauso wie die Reggea-Nacht am sonst so schwachen Montag, die Riverboat-Partys auf dem Main und die Duelle von Nachwuchs-DJs, die über mehrere Wochen gegeneinander antraten. Preisgeld für den Sieger: 1000 Mark. Die drei Freunde erfanden ihr Geschäftsmodell immer wieder neu und zogen dadurch neues Publikum an.
Die Geschichte des Funkadelic neigte sich aber langsam dem Ende entgegen.

»Die schönste Zeit waren die ersten fünf Jahre, Es war neu, es war locker, es war gute Stimmung. Danach wurde es allmählich Routine«, sagt Matlé. Die Sperrzeit wurde nach und nach aufgehoben, was bedeutete, dass mancher Gast um 6 Uhr morgens erschien. »Da mussten wir uns langsam verabschieden«, sagt Matlé.

 

 

Amerikaner gingen, Drogen kamen

In den frühen 90ern wurde es auf der Zeil ungemütlich. Dealer und Cracksüchtige veränderten kamen, die Amerikaner gingen. Der Abzug der Soldaten im Jahr 1993 war der Todesstoß für das Funkadelic. Die Kundschaft blieb zunehmend aus. »Wir haben uns dann dazu entschlossen, zu verkaufen«, sagt Matlé. Spätere Versuche, das Funkadelic in Karben und Frankfurt neu aufleben zu lassen, scheiterten. Seither ist viel Wasser den Main heruntergelaufen. So wie einst in den Spiegeln am Funkadelic. 

 

Moses Pelham

Der Frankfurter Junge
Moses Pelham
Moses Pelham (Foto: dpa)

Bevor Moses Pelham, alias Moses P., Xavier Naidoo und Sabrina Setlur produzierte und mehrere Soloalben sowie eines mit der Band Glashaus veröffentlichte, drehte er in der Brönnerstraße an den Plattentellern. Bei den DJ-Duellen kämpfte der Frankfurter Junge um die Gunst des Publikums. Abseits seines musikalischen Schaffens geriet Pelham 1997 in die Schlagzeilen, als er Stefan Raab im Anschluss an eine Echo-Preisverleihung das Nasenbein brach. 2017 wurde der heute 47-Jährige mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. 

 

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