15. Juni 2019, 18:00 Uhr

Liebe und Sex

Porno, Krebs, Potenzprobleme: Das sagt der Männerarzt

Potenzprobleme, vorzeitiger Samenerguss, der Porno als Vorbild für den eigenen Sex - Hans-Michael Bechstein hört jeden Tag davon. Der Bad Nauheimer Urologe im Gespräch.
15. Juni 2019, 18:00 Uhr
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Von Christoph Agel
Beim Arzt muss Mann schon mal die Hose runterlassen. Beim Urologen geht es aber nicht nur um Vorsorge, sondern auch um Gespräche über die Sexualität. (Fotos: Klingelhöfer/Merz)

In einem gewissen Alter sucht man nur Sex, aber noch keine Liebe, und Partnerschaft schon gar nicht.« Hans-Michael Bechstein muss es wissen, schließlich sitzen dem Urologen in seiner Bad Nauheimer Facharztpraxis täglich viele Männer gegenüber. Junge, alte und mittelalte. Dann geht es um Probleme, die welche sind, und um Probleme, die keine sind. Die Mystik um das, was sich untenrum abspielt, das Gerede von der Penislänge und dem Dauerständer - alles ein Produkt des Pornokonsums?

Der kann zum Problem werden, wenn Mann denkt, dass auch im echten Leben funktionieren muss, was die Pornostars vor der Kamera schaffen. Was sich die Darsteller für eine lange Erektion in den Penis gespritzt hätten, das sehe man nicht, sagt Bechstein. »Deswegen kriegen manche da wirklich einen Komplex, denken: Das muss doch so funktionieren.« Es sei schwierig, den Leuten klarzumachen, dass der Film fern jeglicher Realität sei. »Der normale durchschnittliche Geschlechtsverkehr findet bei den Deutschen immer noch im Schlafzimmer statt, nicht auf der Motorhaube.«

Was Pornos suggerieren

Wer viele Pornos schaut, denkt vielleicht so manches Mal auch, dass der eigene Samenerguss viel zu früh kommt. Bechstein gibt Entwarnung: Klar sollte ein Paar versuchen, gemeinsam zum Orgasmus zu kommen, aber »es ist nicht die Pflicht des Mannes, die Frau zum Orgasmus zu bringen«. Entwarnung Nummer zwei: »Alles, was länger ist als eine Minute vom Beginn des Geschlechtsverkehrs bis um Orgasmus, ist medizinisch gesehen in Ordnung.«

Das Gegenteil des (vermeintlich) vorzeitigen Samenergusses ist es, wenn es mit der Erektion nicht klappt. Von Potenzproblemen seien zwar vereinzelt auch Männer zwischen 20 und 35 Jahren betroffen, deutlich gehäufter sei dies aber bei 45- bis 55-Jährigen der Fall, erläutert Bechstein. Die Scheidung von der ersten Frau sei gerade durch, jetzt komme die zweite Partnerin, und der Mann denke, alles müsste noch so funktionieren wie in der heißen Anfangsphase damals mit der ersten Frau. »In dem Moment, wo es anfängt, im Kopf zu rumoren, gibt es unten das Problem.« 20 bis 30 Prozent der Potenzstörungen seien körperlich bedingt, »70 bis 80 Prozent kommen vom Kopf.« In den seltensten Fällen sei die Partnerin der Grund.

Gleichgeschlechtliche Kontakte

Stichwort Sex und das Alter: Bei den meisten Jungs sind laut Bechstein die ersten sexuellen Erfahrungen gleichgeschlechtlicher Natur. »Da ist nichts, worüber im Freundeskreis gesprochen wird, aber aus Studien weiß man es.« Übrigens habe das nichts mit Homosexualität zu tun, vielmehr würden diese Erfahrungen erst mal gar nicht unter Sexualität abgespeichert. Und was ist mit dem Sex im Alter? Geht da mehr, weil die Menschen länger fit sind? Ja, sagt Bechstein. Verallgemeinern lasse sich da aber nichts. »Die einen haben mit 80 noch ein reges Sexualleben, bei den anderen ist mit 50 zu Hause tote Hose.«

In Bechsteins Praxis geht es nicht nur um den Sex als solchen, sondern beispielsweise auch um Vorhautverengung bei Jungs oder um die Hodenkrebs-Untersuchung. Dieser Tumor trete besonders oft bei 15- bis 25-Jährigen auf, erklärt der Urologe. Bis zu den gesetzlich vorgesehenen Vorsorge-Untersuchungen klaffe allerdings ein großes Loch, beklagt Bechstein. Mädchen würden von ihren Müttern zum Gynäkologen begleitet. Und Jungs? Und junge Männer? Eventuell bekomme er sie zu Gesicht, wenn sie wegen Vorhautproblemen vorbeischauten, sagt Bechstein. Oder weil sie sich zwischen 30 und 50 sterilisieren lassen wollen. Bechstein bietet extra eine Jugendsprechstunde an, in der die Eltern nicht dabei sein müssen. Da kann man offen Fragen stellen.

Das ist überhaupt ein Anliegen des Bad Nauheimer Facharztes: Es gibt keine dummen Fragen, und »nichts ist wichtiger als die sexuelle Neugier«. Die Patienten können bei ihm sprechen, wie sie mögen: »Wenn sie nicht vom Sex reden, sondern vom Poppen, dann sollen sie das tun.«



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