06. September 2019, 18:32 Uhr

Politisch korrekt ist anders

06. September 2019, 18:32 Uhr
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Von Harald Schuchardt
Kreuz und quer durch die deutsche Vergangenheit geht es in Sebastian Schnoys Programm im Alten Hallenbad. Doch manchem Besucher bleibt das Lachen im Halse stecken. (Foto: lod)

Vor 70 Jahren entstand die Bundesrepublik Deutschland. Das nicht ganz runde Jubiläum ist für den mehrfach preisgekrönten Kabarettisten Sebastian Schnoy Anlass genug, sich in seinem aktuellen Programm »Und plötzlich Demokratie« ausführlich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

Am Donnerstagabend gastierte der Hamburger und bekennende Norddeutsche im Theater Altes Hallenbad. Zwei Stunden erlebten die Besucher einen kabarettistischen Ritt durch die deutsche Vergangenheit, die für den 50-jährigen schon lange vor Gründung der Bundesrepublik beginnt.

Dabei überschreitet Schnoy hin und wieder ganz bewusst Grenzen, er provoziert mit aberwitzigen Vorschlägen und nicht gerade üblichen Vergleichen, wobei ihm seine intensive Beschäftigung mit der deutschen und europäischen Geschichte zugutekommt.

»Lasst uns die Dinge, die wichtig sind mit Tschingderassabum feiern«, verkündet Schnoy gleich zu Beginn seines Auftritts. Da trägt er das Grundgesetz noch unterm Arm und fordert neben Bibel- und Korankreisen auch Grundgesetzkreise, in denen über die Verfassung diskutiert wird.

Kreuz und quer geht es weiter durch die deutsche Vergangenheit, beginnend bei der Einführung des Frauenwahlrechts in der Weimarer Republik vor 100 Jahren. »Das wäre doch einen Feiertag wert«, verkündet Schnoy, der auch als Buchautor äußerst erfolgreich ist. Drei seiner Bücher schafften es auf die Spiegel-Bestsellerliste.

»Demokratie ist anstrengend, so wie Sport: Man müsste es machen, macht es aber dann doch nicht«, erklärt Schnoy, der im Verlauf des Abends eher selten auf das Grundgesetz zurückgreift. Viele ganz unterschiedliche politische Themen greift er auf, vertieft sie mehr oder weniger, um im nächsten Moment mit einer »Lockerungsübung zur Einführung der Monarchie als Demokratiepause« die Besucher mit in sein Programm einzubinden.

Das gelingt ihm immer wieder mal exzellent, was für viele Lacher sorgte. Doch manchem bleibt auch schon mal das Lachen im Halse stecken, vor allem im zweiten Programmteil. So verteidigt er die Schlepper, die Flüchtenden gegen Geld helfen, was in einem Vergleich endet, der so manchen Zuhörer irritiert: »Hätte es in der Nazizeit Schlepper gegeben, würde Anne Frank vielleicht noch leben.«

Mit seiner Feststellung, dass das Holocaustleugnen verboten sei, während das Bestreiten des Klimawandels keine Straftat sei, traf er sicher nicht nur auf Zustimmung. Auch mit seinen Hitlerwitzen, die er immer wieder einstreut, will er bewusst provozieren, ebenso mit seinen Vorschlägen, Russland und die Türkei doch einfach in die EU aufzunehmen und so Erdogan zu neutralisieren. »Dann haben wir Frieden«, verkündet er, nachdem er zuvor die noch heute vorhandene Angst, dass die Russen kommen würden, geradezu genial zerlegt und ad absurdum führt.

»Wie sollen sie denn zu uns kommen, über marode Brücken?«, fragt er und beschäftigt sich mit der Angst des linken Lagers vor der neuen Technologie, von Google bis WhatsApp. Die Protestwut der Deutschen ist ebenso eines seiner Themen, wie der Deutschen liebsten Eigenschaft: »Die Bescheidenheit«.

Den aufkommenden Rechtsextremismus beschreibt Schnoy so: »Es gibt nicht so viele Rechte, wie man denkt, denn auch zum Lügen braucht man schon etwas Intelligenz.« Politisch korrekt ist anders, doch Schnoy gibt sich ganz bewusst etwas anarchisch. Dafür bekommt er schließlich langen Schlussapplaus der Besucher, die er abschließend auffordert, auch im Alltag etwas Anarchie zu betreiben: »Werfen Sie Ihre leeren Flaschen doch mal nach 19 Uhr in den Container.«



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