Wetterau

Politikerin erlebten eine zugewandte Persönlichkeit

Der Rücktritt von SPD-Chefin Andrea Nahles bewegt die Menschen bundesweit. Einige Journalistinnen sehen im Umgang mit ihr auch Frauenfeindlichkeit. Was sagen Frauen in der Wetterau dazu?
05. Juni 2019, 14:00 Uhr
Petra Ihm-Fahle
Erinnerung an den Landtagswahlkampf im Oktober 2018: Die damalige SPD-Vorsitzende mit FAB-Geschäftsführerin Karin Frech in Friedberg.	(Archivfotos: cor/ihm)
Erinnerung an den Landtagswahlkampf im Oktober 2018: Die damalige SPD-Vorsitzende mit FAB-Geschäftsführerin Karin Frech in Friedberg. (Archivfotos: cor/ihm)

Als Karin Frech, Geschäftsführerin der FAB (Frauen, Arbeit, Bildung) in Friedberg, vom Rücktritt der SPD-Chefin Andrea Nahles hörte, war sie bestürzt. Frech lernte Nahles kennen, als die Sozialdemokratin kurz vorm letzten Landtagswahlkampf zu Besuch bei der FAB war (die WZ berichtete). »Frau Nahles hat sehr gute Sacharbeit geleistet, beispielsweise mit der Einführung des Mindestlohns, und ist in den eigenen Reihen so angegangen worden - das macht mich fassungslos.«

Wie Frech sagt, habe sie Nahles als kompetente, sehr zugewandte Persönlichkeit erlebt. »Unser ganzes Team hat sie sehr positiv empfunden.« Es stelle sich nun die Frage: »Wie wollen wir in der Gesellschaft in Zukunft miteinander umgehen?« Nahles habe zu ihr gesagt: »Wir haben ganz viel erreicht, die ›Groko‹ ist erfolgreich. Aber es kommt draußen nicht an.« Frech hält die große Koalition aus CDU und SPD im Bundestag für ein gutes Beispiel, wie unterschiedliche Parteien zusammenarbeiten können. Dass Nahles die erste Frau an der Spitze der Bundes-SPD war, sei ihr zunächst nicht bewusst gewesen. »Wir haben auch über die Frauenquote gesprochen und dass der Frauenanteil im Bundestag zurückgeht«, erzählt Frech.

Von Männern dominierte Gesellschaft

Die Gesellschaft sei überwiegend männlich geprägt, Frauen spielten immer noch eine untergeordnete Rolle. Angela Merkel habe sich zwar als Kanzlerin durchgesetzt, werde aber als »Mutti« bezeichnet. »Für Frauen ist es schwieriger, in Top-Positionen zu kommen«, konstatiert Frech. Allerdings erlebe sie auch, dass Frauen dies seltener wollen als Männer. Die FAB-Chefin plädiert deshalb für eine paritätische Besetzung in allen Top-Entscheider-Positionen in Politik und Wirtschaft. Äußerungen deutscher Sozialdemokraten wie Olaf Scholz, Manuela Schwesig und Karl Lauterbach, die im Fall Nahles auch Frauenfeindlichkeit sehen, würde Frech eher nicht unterschreiben. »Ich sehe den Menschen und ihre Rolle. Nahles wird in schändlicher Art und Weise für das Versagen von ganz Vielen verantwortlich gemacht.«

Einige Journalistinnen empfinden diesen Aspekt offenbar anders, beispielsweise Cerstin Gammelin von der Süddeutschen Zeitung. »Als Frau an der Spitze hatte es Nahles doppelt schwer«, meint sie. Feministin Alice Schwarzer richtet in ihrem Beitrag zum Rücktritt von Nahles ein besonderes Augenmerk auf »Die SPD und die Frauen«: Die Genossen täten auch nach 156 Jahren noch so, als seien sie »ein Männerverein, für den Mutti währenddessen zu Hause schon mal das Essen kocht«. Eine Sichtweise, die Vize-Landrätin Stephanie Becker-Bösch deutlich zurückweist. »Die SPD ist die einzige Partei, die uneingeschränkt für Frauenrechte und Gleichberechtigung eintritt«, sagt Becker-Bösch. Sie sei die erste und bisher einzige Frau an der Spitze des Kreistages und erste Bürgerin des Kreises gewesen. »Das zeigt, dass die SPD Frauen mit Männern komplett gleich setzt und das Können der Personen in den Fokus stellt.« Aus ihrem Landratswahlkampf könne sie allerdings sagen, dass die Gesellschaft Frauen in der Politik einen anderen Stellenwert zumisst als Männern. Dies hätten ihr Aussagen wie »Ein Mann ist eben ein Mann« gezeigt.

Äußerlichkeiten werden bewertet

Marion Götz, Erste Stadträtin Friedberg, sagt: »Natürlich ist die SPD nicht per se frauenfeindlich, ebenso wenig wie pauschal das Gegenteil behauptet werden kann.« Ob irgendwo Frauenfeindlichkeit bestehe oder nicht, sei wie bei allen Feindseligkeiten abhängig von Individuen, Strukturen, Prozessen und dem jeweiligen Umfeld. Dies gelte für alle anderen Parteien, Verbände und Institutionen aber auch. »Ich persönlich erlebe keine Frauenfeindlichkeit bezogen auf mich und SPD-Frauen in meinem Umfeld«, erklärt Götz. Das sage aber nichts darüber aus, ob an anderen Stellen und auf anderen Ebenen Frauenfeindlichkeit bestehe oder nicht oder ob Nahles nicht dennoch diskriminiert wurde. Götz: »Dass bei Frauen zuweilen Äußerlichkeiten bewertet und Verhaltensweisen kritisiert werden, die bei männlichen Kollegen keine Erwähnung finden würden, ist auch heute noch eine immer wieder zu beobachtende gesellschaftliche Realität.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Politikerin-erlebten-eine-zugewandte-Persoenlichkeit;art472,597990

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