20. August 2019, 11:00 Uhr

Umweltfreundliche Umrüstung

Pilotprojekt: Bulli fährt mit Strom

Der Bad Nauheimer André Reichhold ist technikaffin und macht sich Gedanken über Klimaschutz. Jetzt hat der Ingenieur einen gebrauchten VW-Bus auf E-Antrieb umgerüstet. Eine Marktlücke?
20. August 2019, 11:00 Uhr
Tankt mit Strom, nicht mit Diesel: André Reichhold mit seinem VW-Bus-Prototyp, den er in seiner Freizeit mit einem Tesla-E-Antrieb ausgestattet hat. (Foto: Nici Merz)

Als Kind hat André Reichhold gerne gebastelt, als Jugendlicher interessierte er sich näher für Fahrzeugtechnik. Folgerichtig lernte der Bad Nauheimer den Beruf des Mechatronikers, bevor er Studiengänge in Elektrotechnik und Betriebswirtschaft nachlegte. »Heute arbeite ich bei einem Maschinenbaubetrieb in Karben«, berichtet der 35-Jährige.

Die fundierte Ausbildung kommt Reichhold beruflich und bei seinem Hobby zugute. Nach wie vor beschäftigt er sich mit Autos und deren Innenleben. Zudem macht er sich als Familienvater mit zwei kleinen Kindern Gedanken darüber, wie Mobilität klimaneutral gestaltet werden kann. Früher hatte der Ingenieur einen VW Golf mit E-Antrieb geleast. »Doch für uns bietet ein VW-Bus mehr Platz, deshalb sind wir umgestiegen.« Dann kam der Dieselskandal. Für den gebrauchten Bulli drohte ein Fahrverbot in Innenstädten. »Dieser Skandal war der Anstoß, einen VW-Bus auf Elektroantrieb umzurüsten«, sagt Reichhold. Ein solches Fahrzeug wird vom Hersteller nicht angeboten.

Hilfsbereiter TÜV

Zunächst kaufte er einen zweiten Bulli, den die Familie in der Umbauphase fuhr. Für sein Projekt, das im September 2018 konkret wurde, nutzte der Bad Nauheimer einen 2009 gebauten Transporter mit Dieselmotor. Der Ingenieur setzte sich ein ehrgeiziges Ziel. »Ich wollte den ersten VW-Bus überhaupt mit Tesla-E-Antrieb bauen. Dabei handelt es sich um ein Automatik-Fahrzeug - einen Gang für vorwärts, einen für rückwärts.«

Planung und Umbau verschlangen etwa ein halbes Jahr. Zunächst nahm Reichhold Kontakt mit dem TÜV auf, um alles über technische und bürokratische Bestimmungen zu erfahren. Die Mitarbeiter hätten sich sehr kooperations- und hilfsbereit verhalten. »Was die Umrüstung selbst anging, hatte ich keine Bedenken«, sagt der 35-Jährige. Vor der Arbeit am Bus musste er ermitteln, welche Händler die nötigen Teile liefern. Gebrauchte Tesla-E-Motoren mit einer Laufleistung von wenigen tausend Kilometern sind ebenso zu haben wie andere Teile.

Akku direkt aus China

»Am zeitraubendsten war die Beschaffung des Akkus, den ich beim Hersteller in China geordert habe.« Er entschied sich dafür, die Batterie aus 46 Einzelzellen selbst zu bauen. Macht eine Zelle schlapp, kann sie ausgetauscht werden. Der Akku hat im Winter eine Reichweite von 140 Kilometern, im Sommer sind es mehr. Reichholds Angaben zufolge wäre im Bulli genug Platz, um eine Batterie mit einer 800-Kilometer-Reichweite einzubauen. »Für die Fahrt zur Arbeit in Karben reicht die kleine Version. Abends wird die Batterie mit einem normalen Stromanschluss aufgeladen.« Die Motorleistung ist mit dem Tesla-Antrieb von 66 auf 80 kW gestiegen. Weil der Bulli jetzt 240 Kilogramm leichter ist, beschleunigt er viel besser als früher.

Für den Umbau opferte Reichhold viel Freizeit. Seine Familie hat mitgezogen, auch wenn sie ihn über Monate seltener als gewohnt zu Gesicht bekam. »Geschraubt habe ich in einer Halle in Oppershofen - wenn die Kinder im Bett waren. Ab und zu war ich bis nachts um halb drei beschäftigt«, erzählt der Ingenieur. Zeitweise benötigte er Hilfe von Freunden, etwa beim Einbau des 120 Kilogramm schweren Akkus. Vor gut drei Wochen war alles fertig, die Abnahme beim TÜV dauerte nur drei Stunden. Seitdem wurden mit dem Prototyp gut 400 Kilometer zurückgelegt, Probleme gibt es nicht.

Oldtimer-Besitzer als Kunden?

Als nächstes will er den zweiten VW-Bus der Familie umrüsten. Das wird schneller gehen, weil alle Vorarbeiten erledigt sind und nur noch per Mausklick bestellt werden muss. Der Bad Nauheimer könnte sich vorstellen, den Umbau von Gebrauchtwagen, zum Beispiel von Liebhabermodellen wie dem VW-Bus, zur Nebenerwerbsquelle zu machen. Schon während der Arbeit am Bulli habe es Anfragen von Interessenten gegeben.

Vor allem Oldtimer, die extrem spritfressend und umweltschädlich sind, sieht der Ingenieur als Marktlücke. Prinzipiell könne jedes Fahrzeug auf E-Antrieb umgerüstet werden. Reichhold hat mit dem Besitzer einer Firma in Offenbach gesprochen: »Die sind auf den Umbau der Ente spezialisiert und haben Aufträge für die nächsten vier Jahre.«

Von Kfz-Steuer befreit

Kleintransporter mit Elektroantrieb werden einige angeboten. Unter anderem haben VW, Mercedes, Renault und Nissan solche Fahrzeuge im Programm. Es drängen aber auch Produzenten auf den Markt, die sich auf dieses Segment spezialisiert haben. Volkswagen will seinen T 6-Bulli ab Herbst 2019 mit E-Motor verkaufen. Neuwagen mit diesem Antrieb sind allerdings nach wie vor sehr teuer. Dagegen gibt es kaum Firmen, die eine Umrüstung gut erhaltener Gebrauchtwagen ermöglichen. Eine Ausnahme ist das Start-up Voltimer in Blaubeuren (Baden-Württemberg). Diese Firma bietet seit etwa drei Jahren den Umbau von Oldtimern an und verkauft aus Südamerika importierte Neuwagen, die mit E-Antrieb ausgerüstet werden. Der Bad Nauheimer Ingenieur André Reichhold sieht eine große Nachfrage auf diesem Gebiet, vor allem bei Oldtimer-Besitzern. Beim VW-Bus schätzt er die Kosten für die einfachste Version auf ungefähr 20 000 Euro. Allerdings sinken die Ausgaben für den Unterhalt durch Befreiung von der Kfz-Steuer und geringere Energiekosten. Nähere Informationen zur Umrüstung bietet Reichhold auf der Internetseite www.e-bus.jimdosite.com.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Akkus
  • Batterien
  • Elektro-Antrieb
  • Gebrauchtwagen
  • Ingenieure
  • KFZ-Steuer
  • Klimaschutz
  • Neuwagen
  • Produktionsunternehmen und Zulieferer
  • Renault
  • TÜV
  • VW
  • VW-Bus
  • Volkswagen AG
  • Bad Nauheim
  • Bernd Klühs
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 3 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.