18. April 2019, 08:00 Uhr

WZ-Interview

Pfarrerin Domnick: Fasten schafft Räume

Die Fastenzeit geht zu Ende. Keine Schokolade, kein Alkohol, kein Fernseher: Beispiele, wie Menschen Verzicht üben. Wieso ist das eine wertvolle Erfahrung? Pfarrerin Domnick aus Friedberg weiß es.
18. April 2019, 08:00 Uhr
In der Fastenzeit, die am Samstag endet, gibt es viele Möglichkeiten des Verzichts, zum Beispiel Süßigkeiten, Alkohol und Nikotin. (Foto: dpa)

Frau Domnick, was bedeutet das Fasten für Sie?

Susanne Domnick: Fasten hat für mich immer mit Befreiung zu tun, mit dem Thema Freiheit. Frei zu werden von etwas, mich öffnen können und bewusster wahrzunehmen. Das Reduzieren macht etwas mit mir. Es schafft einen Raum, der vorher besetzt ist. Und den muss ich nicht gleich wieder mit etwas füllen.

Welche Rolle spielt Fasten in der evangelischen Kirche?

Domnick: Evangelisch sprechen wir von Passions-, nicht von Fastenzeit. Das Fasten hat in der protestantischen Tradition weniger Raum. Passionszeit richtet den Fokus eher auf das Kreuzesgeschehen, die Erinnerung an den Weg zum Kreuz, den Tod Jesu, Leiden in der Welt. Es ist eher eine geistige Auseinandersetzung, vielleicht weniger körperlich. Dass sich die protestantischen Kirchen den Fastenaktionen so geöffnet haben, hat sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Früher war dies eher eine katholische Tradition. Eine Aktion wie »Sieben Tage ohne Lügen« ist Fasten im übertragenen Sinne.

Wie fasten Sie?

Domnick: Ich faste seit vielen Jahren nicht mehr im Sinne von Ernährung. Als jüngere Frau habe ich das viel praktiziert, heute nicht mehr. Die Fastenaktionen empfinde ich immer als sehr spannende Anregungen für neues Denken. Es schafft neue Räume im Wahrnehmen und Empfinden. Und wer das mit körperlichem Fasten ergänzt und verstärkt: spannend.

Und wie handhaben Sie es heute?

Domnick: Ich lese anders – langsamer. Sonst verschlinge ich Bücher. Und in der Passionszeit verlangsame ich mein Tempo. Einen Bibeltext lese ich dann aufmerksamer, nehme mir dafür mehr Zeit.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es?

Domnick: Es gibt viele Familien, die Fernsehfasten machen und sich sonntags stattdessen eine Couchzeit nehmen. Oder Familien mit Handyfasten. Autofasten machen auch viele. Der Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten ist eine interessante Herausforderung.

Haben Sie auch schon körperlich gefastet‹?

Domnick: Ja, das habe ich. Und ich fand es gar nicht so schwer. Wenn man die ersten drei Tage gefastet hat, ist es eher eine soziale Frage: auf das Essen zu verzichten, wenn man beieinander sitzt. Die erste Freude nach dem Vollfasten war für mich immer Brot. Das fand ich eine sehr religiöse Erfahrung, denn Brot und Wein ist unser Heiligstes. Ich faste übrigens immer vor dem Abendmahl. Dann frühstücke ich nicht, denn ich finde, es kommt anders in den Körper, wenn ich keinen Kaffee getrunken habe.

Hat Sie das Vollfasten viel Energie gekostet?

Domnick: Im Gegenteil. Ich habe beispielsweise mal gefastet, als mein Sohn sehr krank war. Und es ist mir so leichtgefallen, dieses Kind zu pflegen. Ich brauchte keine Energie mehr für Verdauen und Kochen und habe mich für mein Kind frei gemacht. Beim Fasten ist das Interessante, dass man weniger Schlaf braucht. Das mit dem Vollfasten würde ich mir wieder überlegen, wenn ich einen kranken Angehörigen zu pflegen hätte.

Wie kann das Fasten Menschen weiterbringen?

Heilpraktikerin Tina Ohl (l.) und Pfarrerin Susanne Domnick wissen um die wohltuende Wirkung des Fastens.	(Foto: ihm)
Heilpraktikerin Tina Ohl (l.) und Pfarrerin Susanne Domnick wissen um die wohltuende Wirku...

Domnick: Das wichtige Stichwort ist das Thema Üben und Einüben. Dies habe ich in all den Fastengruppen in den Jahren hier erlebt. Es ist wie ein Musikinstrument oder eine Sprache zu lernen. Es hat etwas mit der Regelmäßigkeit zu tun – das macht auch die Wirkung. Und ich finde, dass immer etwas Unvorhergesehenes passiert. Es ist immer neu, es öffnet sich etwas, das vorher nicht absehbar war.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Domnick: Wir hatten mal jemanden in der Gruppe, der seine kranke Frau pflegte. Und er hat sich in der Gruppe entschieden, sich endlich Hilfe zu holen und es nicht mehr alleine zu machen. Dann gab es eine Frau, die zum ersten Mal in die Fastengruppe kam. Und zum ersten Mal hat sich nach acht Jahren ihr Sohn wieder gemeldet. Da ist in ihr etwas passiert, ist sie weich geworden. Ich glaube nicht an Zufälle. Sondern ich würde sagen, dass wir voneinander spüren können, wie offen unser Herz ist und dass es diese innere Verknüpfung gibt.

Welche Haltung ist in Fastenzeiten nützlich?

Domnick: Man sollte immer der Frage nachgehen, was der eigenen Entlastung und Freiheit dient. Wenn ich mich damit kasteie, würde ich sagen: Lass’ es.

 

Info

Sich von der Last befreien

Pfarrerin Susanne Domnick bot früher Fastenkurse an, irgendwann gehörte dies aber nicht mehr zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Deshalb ist sie froh über das Angebot von Heilpraktikerin Tina Ohl aus Friedberg, die während der Passionszeit Kurse im Basenfasten in ihrer Praxis gibt. Denn Ohl verbindet dies mit einer geistlichen Komponente. »Fasten hat für mich viel mit Entlasten zu tun: Mich von einer Last zu befreien, die ich sonst zu mir nehme«, sagt die 44-Jährige. Beim Basenfasten ist eine Nahrungsumstellung der Inhalt, doch über das Körperliche komme immer auch ein geistiger Prozess in Gang. »Etwa, wenn ich versuche, mich mit etwas zu füllen, aber im Grunde versuche, eine Leere zu füllen«, sagt Ohl. (ihm)

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