01. November 2018, 20:57 Uhr

Pestpogrom und Gerichtsverfahren

01. November 2018, 20:57 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Lothar Kreuzer (r.) zeichnet (v. l.) Dieter Schäfer, Georgine Groth sowie Dorothee und Werner Gold aus. (Fotos: pv)

Zur ersten Vortragsveranstaltung im Winterhalbjahr 2018/2019 konnte der Friedberger Geschichtsverein Dr. David Schnur als Referenten begrüßen. Der Leiter des Stadtarchivs Schwäbisch-Gemünd hat sich in seiner Dissertation mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Juden in Frankfurt und der Wetterau im 14. Jahrhundert befasst.

Im Bibliotheksbau sprach er speziell über die Friedberger Judengemeinde, wozu er die im Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrten Gerichtsbücher der Reichsburg Friedberg benutzte. Die Aufzeichnungen setzen im Jahr 1369 ein und reichen mit einer mehrjährigen Unterbrechung bis 1429. Davon betreffen die Juden im Zeitraum bis 1390 etwa 1000 Einträge. Wie der Referent berichtete, weist die Friedberger Mikwe, deren Baubeginn auf etwa 1260 datiert wird, auf die Existenz einer florierenden und vermögenden jüdischen Gemeinde noch vor ihrer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1275 hin. Allerdings brachte Schnur auch jüngst geäußerte Zweifel an der Datierung um 1260 zur Sprache, sodass der Bau des Judenbades auch etwa 100 Jahre später anzusetzen sein könnte.

Die Friedberger Judengemeinde gehörte bis ins 15. Jahrhundert dem Friedhofsbezirk der Frankfurter Juden an, sodass sie ihre Bestattungen auf dem dortigen Friedhof vornehmen durfte. Die Aufzeichnungen des Burggerichts beginnen, nachdem aufgrund des Pestpogroms von 1349 die jüdische Ansiedlung in Friedberg unterbrochen und erst in den 1360er Jahren wieder aufgenommen worden war. In den Protokollen tauchen Juden entweder als Kläger oder Beklagte auf, oder es machten christliche Kläger neben der Hauptforderung den sogenannten Judenschaden geltend, das heißt die Zinsen, die der Kläger für ein bei Juden genommenes Darlehen zahlen musste, weil der Beklagte seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen war.

Tilgung von »Judenschulden«

Die zahlreichen Einträge erlauben es, die wirtschaftlichen, sozialen und familiären Verhältnisse innerhalb der jüdischen Gemeinde zu analysieren. So fand der Referent heraus, dass christliche Frauen entgegen einem kirchlichen Verbot als Mägde im Dienste jüdischer Familien standen. Soweit Juden vor dem Gericht Kreditforderungen einklagten, handelte es sich meist um ein- bis knapp zweistellige Guldenbeträge. Die geltend gemachten Zinsen lagen nicht nur in Friedberg üblicherweise über 40 Prozent jährlich, sodass die Zinsen schon nach kurzer Zeit die Hauptforderung überstiegen. Die dadurch entstehende enorme Verschuldung von Christen führte dazu, dass König Wenzel zweimal sogenannte »Judenschuldentilgungen« anordnete, von denen die zweite 1391 auch für Friedberg mit der Wirkung erlassen wurde, dass die Einwohner von Burg und Stadt von ihren »Judenschulden« befreit wurden. Sämtliche Schuldtitel wurden annulliert. Noch im selben Jahr begannen vor dem Burggericht Klagen von Christen, die von Juden Geld zurückverlangten. Auffällig ist, dass die Klagen am häufigsten gegen Jüdinnen gerichtet waren.

In der Diskussion stellte Schnur heraus, dass sich keine diskriminierende Behandlung der Juden vor dem Burggericht oder vor anderen Gerichten habe feststellen lassen, sondern diese nicht schlechter behandelt worden seien als christliche Parteien. Vor dem Vortrag hatte der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Lothar Kreuzer, langjährige Mitglieder für 25- und 40-jährige Vereinszugehörigkeit geehrt. Reinhard Schartl



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos