18. Juni 2019, 11:00 Uhr

Gegen rechts

»Omas gegen rechts« setzen Zeichen in Bad Nauheim

Margot Andres und Peter Mayer haben als Kinder das Dritte Reich miterlebt. In der Seniorenresidenz am Kaiserberg in Bad Nauheim engagieren sie sich für »Omas gegen rechts«.
18. Juni 2019, 11:00 Uhr
Margot Andres und Peter Mayer wollen sich gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft engagieren. Wichtig ist ihnen der Dialog mit der Jugend. (Foto: ihm)

Margot Andres kann sich noch erinnern, wie ihr Vater, Sozialdemokrat und Stadtrat in Cottbus, 1933 eine Rede gegen die Nazis gehalten hat. SS- und SA-Männer schlugen ihn zusammen, die Familie musste flüchten. Margot Andres war nie in einer Partei, doch angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft will die 91-Jährige etwas tun. Sie will sich für Bad Nauheim in der überparteilichen Bewegung »Omas gegen rechts« einbringen. Andres lebt in der Seniorenresidenz am Kaiserberg. Gleich ist eine Sitzung des Einrichtungsbeirats terminiert, zu der sie Vertreterinnen der »Omas gegen rechts« Wetterau eingeladen hat: Vorsitzende Angelika Ungerer aus Bad Vilbel und Marita Kanne aus Bad Nauheim. Außerdem kommt Sven Daniel, Leiter des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus beim Landesamt für Verfassungsschutz.

Zuvor spricht Andres mit der WZ - zusammen mit Peter Mayer, der ebenfalls in der Seniorenresidenz lebt. Denn die Initiative soll sich nicht auf Frauen begrenzen - alle, die politisch interessiert sind und das gleiche Anliegen haben, dürfen mitmachen. Ort des Gesprächs ist das Büro von Residenzleiterin Samirah Pöpel, die das Projekt unterstützt. Andres erzählt: »Ich hatte einen Artikel über ›Omas gegen rechts‹ gelesen - das hat mich interessiert.« Nach ersten Kontakten mit der Wetterauer Vorsitzenden Ungerer beschloss sie, sich mit Akteurinnen und Akteuren der Seniorenresidenz zu engagieren.

Die Sitzung soll ein Auftakt sein, um ins Gespräch zu kommen und das Interesse auszuloten. Auch Vertreter der katholischen Jugend Sankt Bonifatius werden da sein. »Jugend und Alter gehören zusammen«, sagt Andres. Als Jugendliche habe sie den Krieg erlebt, und sie wolle nicht, dass junge Menschen so etwas mitmachen müssen.

Peter Mayer geht es ebenso. »Das, was wir von 1933 bis 1945 erlebt haben, darf sich nicht wiederholen«, betont der 82-Jährige. Vieles, was sich heute politisch bewege, sei nicht auf der Ratio, sondern auf Emotionen aufgebaut.

Im Saal begrüßen Andres, Mayer und Pöpel Besucher. Sven Daniel vom Verfassungsschutz bekennt: »Ich bin sehr gespannt. Es ist das erste Mal, dass ich als Verfassungsschützer in solch einem Format in den Dialog trete.« Wie er berichtet, sei Rechtsextremismus wieder ein aktuelles Thema und gesamtgesellschaftlich relevant. »Das hat mit der Flüchtlingswelle seit 2015 zu tun«, erläutert er. Rechtsextremismus sei nicht mehr isoliert, anders als früher. »Wir haben eine Entgrenzung, es ist nicht mehr auf den klassisch nationalsozialistischen Bereich reduziert.« Es gebe vielmehr eine Grauzone. Als Beispiel nennt Daniel Chemnitz, wo sogenannte Wutbürger neben Vertretern der neuen und alten Rechten demonstriert haben. Angelika Ungerer stellt nun ihre Gruppe vor. Weltweit sei über die »randalierenden Omas« berichtet worden. Sie stellt klar: »Wir sind eine Generation mit Haltung. Wir sind alt, aber laut.« Eine Jugendliche meldet sich: Sie fände es gut, wenn sich die Politik stärker mit der AfD auseinandersetzen würde. »Die Akzeptanz der anderen Meinung finde ich wichtig.« Ihrer Ansicht nach sollten Vertreter der AfD ebenso oft in Talkshows auftreten wie die anderer Parteien. »Dann merken die Menschen, dass sie keine Inhalte haben. Sie können sich nicht mehr als Opfer darstellen und über ›die bösen Medien‹ schimpfen.« Dass die NPD nicht verboten wurde, findet die junge Frau richtig, denn dies hätte ihrer Ansicht nach eher gegenteilige Reaktionen zur Folge.

Extremisten keine Bühne geben

Wie Verfassungsschützer Daniel erwidert, sei Diskurs wichtig. Es müsse zwischen Extremisten und Populisten unterschieden werden. Der Verfassungsschützer warnte in diesem Zusammenhang davor, Extremisten eine Bühne zu bieten. »Denn der eine oder andere versteht es, sich gut zu vermarkten.« 1923, sagt Margot Andres, hätten viele Menschen über Hitler gemeint: »Lasst ihn mal reden, das wird sich schon totlaufen.« Sie habe die Diktatur erlebt.

Eine Diskussion entwickelt sich zwischen Podium und den knapp 20 Zuhörern. Mit der Resonanz ist Andres zufrieden - insbesondere der jungen Leute: »Sie sind unsere Zukunft.«

Ziele und Kontakt

Die »Omas gegen rechts« wollen Kontakt zu Bad Nauheimer Schulen suchen, um in Powi- und Geschichtsklassen in den Dialog zu treten. Künftige Veranstaltungen in der Seniorenresidenz wird die Einrichtung rechtzeitig bekannt machen. Wer bei »Omas gegen rechts« mitmachen will, erhält Kontakt über Angelika Ungerer (E-Mail an OGR-Wetterau@gmx.de). Die Bewegung entstand 2017 in Österreich, Gründerinnen sind Pfarrerin Monika Salzer und Journalistin Susanne Scholl. Ziele sind laut Wikipedia der Erhalt der parlamentarischen Demokratie, Einsatz für gleiche Rechte von Frauen, Männern und Kindern, Respekt und Achtung für andere, ungeachtet deren Religion oder ethnischer Zugehörigkeit, Auftreten gegen Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Faschismus, Eintreten von älteren Frauen als Gruppe für nachfolgende Generationen, um drohendem Sozialabbau, »Aushungern« vieler älterer Frauen und ausgrenzender Bildungspolitik zu begegnen.

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