19. April 2018, 23:00 Uhr

Neubaugebiet in Friedberg

Ohne eigenen Heizkessel: Nahwärme für Häuslebauer

Sie gilt als »energieeffizient, sauber und emissionsarm«: Auch in Friedberg soll nun eine Nahwärmeversorgung angeboten werden, wenn das Neubaugebiet am Steinern Kreuz erweitert wird.
19. April 2018, 23:00 Uhr
Wo jetzt noch Ackerland ist, werden bald Einfamilienhäuser stehen. Das Neubaugebiet »Steinern Kreuzweg« im Westen von Friedberg, die letzte Erweiterung am Steinern Kreuz, soll mit Nahwärme versorgt werden. (Foto: Nici Merz)

Der dritte und letzte Abschnitt des Neubaugebiets »Am Steinern Kreuz« im Westen der Kreisstadt Friedberg wird gerade geplant, der Bebauungsplan »Steinern Kreuzweg« ist in Arbeit. Dem Rathaus liegen schon zahlreiche Anfragen von Bauwilligen vor. Diese können ihre Eigenheime womöglich mit Nahwärme versorgen: Ein eigener Gaskessel im Keller ist dann nicht nötig. Die Wärme wird von einer Heizzentrale über spezielle Rohre direkt in die Häuser geliefert. Am Dienstagabend wurde das Konzept, das Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) schon länger verfolgt, in den Räumen der Stadtwerke Friedberg vorgestellt.

Die Zahl von Eigenheimbauern, die auf Gasversorgung setzen, ist rückläufig. Hält der Trend an, wird die Bereitstellung dieser Energietechnik für die Stadtwerke unrentabel. Um dies zu verhindern, haben die Stadtwerke Friedberg mit dem Fachingenieur Klaus Mungel aus Aschaffenburg eine Studie erstellt. Mungel betreut im Rhein-Main-Gebiet mehrere Nahwärmekonzepte von Stadtwerken und privaten Kunden; auch die Photovoltaikanlagen am Stadtwerke-Gebäude in der Straßheimer Straße hat er geplant.

Geringer Wärmeverlust

Im dritten und letzten Teil des Neubaugebiets, das einmal die Anna-Kloos- mit der Heinrich-Busold-Straße verbindet, sind rund 85 Grundstücke eingeplant. Die Energiesparverordnung schreibt Bauherren strenge Standards beim Hausbau vor, im »Steinern Kreuzweg« etwa ist das Minimum ein KfW 70-Standardhaus. So lässt sich errechnen, dass für das Neubaugebiet eine Heizleistung von rund 600 Kilowatt benötigt wird. Diese Leistung wird von einer Heizzentrale geliefert, die meist aussieht wie eine Doppelgarage und, wenn sie ein Giebeldach erhält, in Wohngebieten lediglich durch den metallenen Schornstein auffällt.

Die Heizzentrale wird mit Erdgas befeuert, zusätzlich gibt es ein Blockheizkraftwerk mit Spitzenlastkessel. Wasser wird auf 70 bis 80 Grad aufgeheizt und mit einer Fernwärmeleitung in die Häuser gepumpt. Diese spezielle Leitung, die zusammen mit Kanal, Strom und Telefonleitungen verlegt werden kann, beinhaltet zwei Röhren für Vor- und Rücklauf. Der Wärmeverlust liege auf 100 Metern bei 0,2 Grad, sagte Mungel.

1220 Euro Einsparung im Jahr

In den Kellern der Ein- oder Mehrfamilienhäuser landet das heiße Wasser in einer Wärmeübergabestation: ein kleiner, schmaler Schrank, der nicht viel Platz benötigt. Eine eigene Heizungsanlage im Keller ist nicht erforderlich. Wer auf Nummer sicher gehen will, stellt sich einen 200-Liter-Warmwasserspeicher daneben. »Für Familien mit vier Töchtern ist das sinnvoll«, meinte ein Stadtverordneter mit entsprechender Erfahrung. Im Normalfall kann auf den Warmwasserspeicher aber verzichtet werden. Man können »ewig« duschen, das Wasser werde nicht kalt, versprach Mungel.

Die Stadtverordneten zeigten sich von dem Konzept überzeugt, auch weil der Kostenvergleich positiv ausfällt: Bei einem Erdgas-Brennwert-Gerät liegen die Jahresgesamtkosten laut einer Musterrechnung bei 3382 Euro für den Hausbesitzer. Bei einer Luft-Wasser-Wärmepumpe wären es 2841 Euro, bei der Nahwärmeversorgung sind es nur noch 2162 Euro – 1220 Euro weniger als die teuerste Variante. Für junge Familien, die gerade gebaut haben, sehr viel Geld.

Keine Verzögerung bei der Erschließung

Fällt die Stadtverordnetenversammlung am 3. Mai einen Grundsatzbeschluss, werden sich die Betriebskommission der Stadtwerke und danach die Parlamentsausschüsse mit dem Thema beschäftigen und die Detail festlegen. Laut Bürgermeister Dirk Antkowiak wird es dadurch zu keiner Verzögerung bei der Entwicklung des Baugebiets kommen. »Ich habe das Thema frühzeitig angeschoben. Die Verwaltung wird parallel zur Änderung des Bebauungsplans die Erschließung vorantreiben.«

Aus den Reihen der Stadtverordneten gab es am Rande der Veranstaltung Lob für den Rathauschef. Normalerweise erfahre man solche Details erst, wenn die Betriebskommission sich entschieden habe, hieß es. Das jetzige Verfahren sei sehr transparent.

 

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Beispiele für Nahwärmekonzepte

Der Fachingenieur Klaus Mungel stellte den Stadtverordneten Beispiele von Nahwärmekonzepten aus der näheren Umgebung vor. Die Nahwärmeversorgung in der Gartenfeldsiedlung in Bad Homburg etwa laufe seit 1973, die Stadt habe den Gaspreis für die Verbraucher nach der Umstellung um 17 Prozent senken können. Auf die Frage, wieviele komplette Ausfälle von Anlagen er bereits erlebt habe, antwortete Mungel: »Null.« In Bad Homburg gebe es Übergabestationen, die auch nach 40 Jahren noch in Betrieb seien. Und noch ein Vorteil birgt das Konzept: Liefern die Stadtwerke das Gas nicht direkt an die Kunden, sondern in Form von Wärme, können die Kunden auch nicht abspringen und zu einem vermeintlich günstigeren Gas-Anbieter aus dem Internet wechseln. Das sichere die Zukunft der Stadtwerke. (jw)

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