Wetterau

Ohne Tütensuppe geht es nicht

Zu einer Koch-Show der besonderen Art hatten die »Kulturtaucher« vom Alten Hallenbad geladen. Die Kulturgruppe um Andrej Seuss bewies mit dem Engagement des Frankfurter Stalburg-Theaters und ihrem Erfolgsstück »Wer kocht, schießt nicht« erneut ein sicheres Händchen – die ehemalige Schwimmhalle war ausverkauft. Das Ein-Personen-Stück von Micki Herl unter der Regie von Manfred Roth bot eine Paraderolle für den Vollblutschauspieler Ilja Kamphues. Auf der Bühne war eine Küche mit Kochherd aufgebaut. Mit Töpfen, Tüten mit Fertiggerichten, aber auch Essig und Öl, Mehl, Lauchstangen und Karotten.
01. November 2018, 20:57 Uhr
Haimo Emminger
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Eine echte Küche hat Micki Herl auf der Bühne aufgebaut. Und gekocht hat der Schauspieler auch. (Foto: emh)

Zu einer Koch-Show der besonderen Art hatten die »Kulturtaucher« vom Alten Hallenbad geladen. Die Kulturgruppe um Andrej Seuss bewies mit dem Engagement des Frankfurter Stalburg-Theaters und ihrem Erfolgsstück »Wer kocht, schießt nicht« erneut ein sicheres Händchen – die ehemalige Schwimmhalle war ausverkauft. Das Ein-Personen-Stück von Micki Herl unter der Regie von Manfred Roth bot eine Paraderolle für den Vollblutschauspieler Ilja Kamphues. Auf der Bühne war eine Küche mit Kochherd aufgebaut. Mit Töpfen, Tüten mit Fertiggerichten, aber auch Essig und Öl, Mehl, Lauchstangen und Karotten.

Das Arbeitsamt hat Dr. Theodor Kögel zu »Schnell & Lecker« geschickt, einem Hersteller von Fast Food und Fertigprodukten. Der Gastwirtssohn aus dem Sauerland und begnadete Hobbykoch, Molekularbiologe und Ernährungswissenschaftler, bekommt vom Verkaufsleiter der Firma – ebenfalls von Kamphues gespielt – Instruktionen, wie er die Menschen von den Vorzügen des modernen Kochens überzeugen kann. Dazu demonstriert er, wie mühsam es ist, selbst zu kochen, während man doch eines der nahrhaften und preissparenden Fast Food Erzeugnisse einfach anwärmen kann. Schließlich sind die Omas an allem schuld, weil sie die Vitamine weggekocht haben, »sogar an Kriegen«, während S&L »die Vitamine greift, umzingelt und gezielt in das Produkt bringt«. Die Emanzipation war erst möglich, seitdem es Fast Food gibt.

Seitdem die kochenden Großmütter tot sind, werden die Menschen älter, obwohl angeblich das Essen immer schlechter geworden sein soll. Unfug! Und dann schält er den gemeingefährlichen Lauch mit Erdresten am Ende. Lauch aus der Normandie! Da denkt man an D Day, »Sie meinen, dem Sprössling mit einer Karotte was Gutes zu tun? Aber, machen Sie sich keine Gedanken – wir bei S&L sorgen für Sie«! Nach solcher Hinweise mehr soll der neue Mitarbeiter loslegen. Sichtlich gequält, aber pflichtbewusst erklärt der jetzt mit Kochmütze und Schürze ausgestattete Wissenschaftler dem Publikum als potenziellen Käufern, dass man ein »fastes Food«, nämlich ein Spargelcremesüppchen aus der Tüte genießen wolle. Beim Lesen der Zutatenliste, meist chemische Begriffe, stockt ihm der Atem, und das Publikum bricht in Gelächter aus, als es heißt, »S&L kann zaubern: Sechs Prozent Spargel, also drei Gramm für zwei Teller Suppe, das können Omas nicht«.

Anfangs schlägt sich Kögel tapfer, doch schon bald läuft seine Vorführung aus dem Ruder und wird zu einem Vortrag über die Problematik der modernen Nahrungsaufnahme. »Wussten Sie, dass 90 Prozent der Hühnchen in den USA geschreddert und als Nuggets zusammengesetzt angeboten werden?«

Hähnchen zum Probieren

Kamphues versteht es hervorragend, die Zwiespältigkeit zu demonstrieren, die zwischen ihm und den Vorstellungen seines potenziellen Arbeitgebers besteht.

Der Monolog dreht sich weiter um Lebensmittel zwischen Billigangebot und Moral. Es wird zunehmend ein kulinarischer Abend für Auge und Magen. Schließlich fragt Kögel unvermittelt ins überraschte Publikum: »Wir haben gekocht, hat jemand Hunger?« Er muss mehrfach nachfragen, ehe sich ein Mutiger meldet. Der isst auf der Bühne das offensichtlich leckere Hähnchen mit Nudeln, dazu gibt es noch Wein, während der Schauspieler an die Produkte von »S & L« erinnert, die man fast schon wie Medikamente zweimal täglich einnehmen kann. Größer kann der Kontrast nicht sein. Der Lohn für die überragende Leistung des Schauspielers ist begeisterter Applaus des Publikums, das die von der Bühne wabernden, anregenden Küchenaromen mitnimmt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Ohne-Tuetensuppe-geht-es-nicht;art472,508777

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