28. Februar 2019, 05:00 Uhr

Unbedingt Abi?

Ohne Empfehlung aufs Gymnasium?

Eltern der künftigen Fünftklässler entscheiden, welchen Bildungsweg ihr Kind einschlagen soll. Die Empfehlung wird jedoch regelmäßig von ihnen ignoriert – auch in der Wetterau.
28. Februar 2019, 05:00 Uhr
Viele Eltern ignorieren die Empfehlung der Grundschulen und schicken ihr Kind auch ohne Empfehlung auf ein Gymnasium. (Foto: Schepp)

Das Zauberwort heißt Abitur. Und der Weg zur Hochschulreife führt übers Gymnasium. Weil diese Aussagen für viele Eltern in Stein gemeißelt sind, gibt es alle Jahre wieder Dutzende Erziehungsberechtigte, die ihren Nachwuchs nach der vierten Klasse aufs Gymnasium oder eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe schicken, obwohl ihr Kind von der Grundschule gar keine Gymnasialempfehlung erhalten hat.

Auch im Wetteraukreis ist das immer wieder der Fall. Eltern würden ihr Kind sogar auf das Gymnasium schicken, obwohl es nur eine Hauptschulempfehlung bekommen habe, sagt Peter Schäfer, stellvertretender Schulleiter der Henry-Benrath-Schule (HBS) in Friedberg. »Es ist durchaus in Ordnung, dass Eltern den höchstmöglichen Schulabschluss anstreben. Es gibt aber viele Wege zum Abitur«, sagt der stellvertretende Gesamtschulleiter.

Gleiches kennt Brigitte Jung-Hengst, Leiterin der Ernst-Ludwig-Schule (ELS) in Bad Nauheim: »In der Regel ist es so, dass die Eltern es besser wissen als die Grundschule. Die Grundschullehrer könnten es nicht richtig einschätzen.« Der Besuch des Gymnasiums wirke als Türöffner für das Abitur. »Viele Eltern wissen nicht, dass es mehrere Wege gibt, das Abitur zu machen«, sagt die Chefin des Gymnasiums.

 

Verklärter Blick der Eltern

Gerade die Kompetenz der Klassenlehrer an Grundschulen wird in den Beratungsgesprächen in Zweifel gezogen. Das führt so weit, dass in manchen Klassen der Lehrer gar keine richtige Empfehlung mehr ausspreche und sich auf die Lehrerkonferenz berufe, berichtet eine Mutter, für deren Kind nun der Gang auf die weiterführende Schule ansteht. »Es kam uns komisch vor«, sagt sie. Sie habe das Gefühl gehabt, dass die Lehrer sich schützen und Ärger vermeiden wollten. »Vor vier Jahren, bei meinem anderen Kind, sind Eltern ausfällig und wütend geworden und haben Türen geknallt.«

»Ich denke, die Sichtweise der Lehrer auf die Kinder ist objektiver, und die Einzelleistungen zu Hause entsprechen nicht unbedingt der Leistung in der Schule«, erklärt eine andere Mutter. Sie selbst ist Förderschullehrerin und kennt das Problem von beiden Seiten. Die Leistungen zu Hause seien oft nur mit Unterstützung der Eltern möglich. Allerdings sähen die Eltern dies oft nicht, hätten einen verklärten Blick auf ihr Kind. Die Förderschullehrerin sieht es kritisch, wenn der Alltag nur noch aus Nachhilfe bestehe und das Kind nicht mehr Kind sein könne. Bei Überforderung suchten sie sich andere Felder, um erfolgreich zu sein. Das könne im Sport sein oder aber sich negativ im Unterricht auswirken.

 

Es tut den Kindern oft nicht gut. Sie sind nicht glücklich

Brigitte Jung-Hengst, Schulleiterin ELS

 

Laut Schäfer gibt es Schüler, die durchaus mehr Zeit für Lernen brauchen. »Das ist oft für die Schüler frustrierend, wenn sie den Anspruch nicht schaffen.« Demotivation und Frustration würden zu einem Problem werden. »Wir haben eine Reihe von Kindern, die nicht besonders glücklich sind«, erklärt Jung-Hengst. »Es hat einen Grund, dass es eine Empfehlung gibt.« Gerade in der Pubertät werde dies zum Problem. »Es tut den Kindern oft nicht gut. Sie sind nicht glücklich.«

Um solche Frustrationserlebnisse zu vermeiden, appelliert der Verband Bildung und Erziehung (VBE) an die Eltern, ihre Kinder nicht zu überfordern. Die Erziehungsberechtigten sollten das Wohl der Kinder im Auge behalten. »Gut gemeint ist nicht immer gut«, betont Landesvorsitzender Stefan Wesselmann. Kinder, die überfordert seien und eine Reihe von Misserfolgen erlebten, »verlieren oft dauerhaft die Lust am Lernen, so dass sie auch an einer anderen Schule nicht unbedingt einen erfolgreichen Neustart hinlegen«, warnt der VBE-Vorsitzende.

Sabine Madre, Mutter von zwei Kindern, hatte für ihre Tochter eine Gymnasial- und für ihren Sohn eine Realschul-Empfehlung bekommen. »Ich habe mich an die Empfehlungen gehalten, weil die mit meiner Einschätzung übereingestimmt haben.« Natürlich sei die Einschätzung auch teilweise von den Lehrern abhängig, aber die Realschule sei in Madres Augen »ja auch nicht schlecht«. Auch damit könnten die Kinder noch Abitur machen. »Ich habe lieber ein fröhliches Kind als ein trauriges.«

 

Info

So läuft die Entscheidung

In den kommenden Tagen stehen in den Grundschulen Klassenlehrerkonferenzen an. Hier wird die endgültige Empfehlung für die weiterführende Schule der Viertklässler ausgesprochen und sowohl an Eltern, als auch an die von den Eltern genannten Wunsch-Schulen weitergegeben. Sollte diese Empfehlung nicht mit dem Wunsch der Eltern übereinstimmen, gibt es nochmal ein Beratungsgespräch. Letztlich entscheiden die Eltern über den weiteren Bildungsweg ihres Kindes und welche Schulform es künftig besuchen wird.

 

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