29. August 2017, 14:00 Uhr

WZ-Kolumne

Ökologische Austerität

Unser Kolumnist Andreas Arnold über Plastikteile im Nasi Goreng, die Erklärung für eine steigende Geburtenrate und unseren genetischen Abstand zu Austern.
29. August 2017, 14:00 Uhr
Andreas Arnold
Anfang des Monats hörte ich im Radio von einem Rückruf. Im Nasi Goreng von Netto wurden Plastikteile gefunden. Einige Zeit zuvor war es das »Schlemmerfilet Champignon«. Ich musste schmunzeln. Natürlich, weiß ich, dass es sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um Teile aus der Produktion handelt, aber die Garnelen in der Reispfanne und der Fisch im Backofengericht enthalten doch ohnehin schon Plastik. Plastikmüll gelangt ins Meer, wird dort durch Umwelteinflüsse zerkleinert, bis er aussieht wie etwas, von dem man als Meeresbewohner satt werden könnte, und gerät so in deren Mägen und Därme.

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Die erwartete Radiomeldung wäre doch eher: »In der Charge mit der Nummer 123456 wurde kein Plastik gefunden. Greifen Sie zu, solange der Vorrat reicht!« In zahlreichen Seefischsorten, Garnelen, Austern, Krebsen und sogar pflanzenfressenden Seeschnecken wurde bereits Mikroplastik gefunden. Forscher des »Französischen Forschungsinstituts für die Nutzung der Meere« in Nantes stellten im letzten Jahr im Versuch fest, dass weibliche Austern, die Mikroplastik ausgesetzt waren, 38% weniger Eier produzierten und die Spermien der männlichen Exemplare um 23% langsamer waren. Ha! Hier haben wir die Erklärung für unsere steigende Geburtenrate. Die Rate ist seit dem Jahr 2011 von 1,39 Kindern pro Frau auf 1,5 gestiegen, weil unser Pro-Kopf-Fischkonsum in Deutschland im gleichen Zeitraum von 15,4 auf 13,9 Kilogramm pro Kopf gesunken ist. Echt? Ach, wen kümmern Kausalitäten in Zeiten von »Fake-News«, wenn es Korrelationen gibt? Spaß beiseite! Es wurde zum Glück noch kein Mikroplastik im Muskelfleisch, also im verzehrbaren Anteil von Fischen gefunden. Auch ist nicht gesichert, wie sich Mikroplastik überhaupt gesundheitlich im Menschen auswirkt. Fest steht jedoch, dass Mikroplastik Umweltgifte, wie Dioxine und andere Chlorverbindungen, aus dem Meer an sich bindet. Auch diese geraten unter anderem dadurch in die Speisefische und damit leider auch ins Muskelfleisch und auf unsere Teller. Je größer der Raubfisch, desto höher die Konzentration. Vom Verzehr von Thunfisch und Heilbutt wird Risikogruppen schon seit Jahren abgeraten.

Also weniger Fisch und alles ist gut? Leider nein! Funde von Mikroplastik in Honig, Milch, Trinkwasser, Bier und Softdrinks zeigen das Dilemma auf. Unsere Klärwerke sind technisch kaum in der Lage, Mikroplastik effektiv auszufiltern. Die technischen Möglichkeiten gibt es, jedoch wäre die Filterung in Anbetracht unseres Wassergebrauchs zu geld- und zeitintensiv. Immerhin fließen pro Kopf in Deutschland gut 120 Liter Wasser durch den Hahn.

Also bleibt leider nur übrig, einerseits darauf zu hoffen, dass unser genetischer Abstand zu den Austern groß genug ist, und andererseits dafür zu sorgen, dass der von uns mitverantwortete Anteil am Plastikeintrag in die Gewässer möglichst sinkt: Bannen von Kosmetika mit Mikroplastik (ein Einkaufsratgeber findet sich unter https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/bund-einkaufsratgeber-mikroplastik), Reduktion von synthetischer Kleidung, denn bei jedem Waschvorgang – ganz massiv bei Fleece – lösen sich Plastikfasern ins Abwasser, und zuletzt Vermeidung von unnötigen Plastikverpackungen insgesamt.
Angenommen wir stoppten in dieser Sekunde weltweit den Plastikeintrag in die Meere, dann wäre der dort schon vorhandene Kunststoff bereits für unsere Enkel in 16. Generation nicht mehr sichtbar. Zwar baut es sich nicht vollständig ab, aber das ist dann wohl das Problem der Austernliebhaber im Jahr 2467.

 
Autor, Poetry Slammer und Schauspieler Andreas Arnold schreibt in der WZ-Kolumne »Arnold hält nach« über seine Gedanken   im Versuch, sein Leben nachhaltiger zu gestalten. Seit 2013 schreibt er dazu auch im Blog (www.plastic-diary.andreas-arnold.net oder www.facebook.com/PlasticDiary/).

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