25. Juni 2019, 19:12 Uhr

Nichts ist so, wie es scheint

Gerne hätte man so jemand: Einen Diener oder ein Hausmädchen. Das würde das Leben leichter machen. Verena Rossbacher war selber früher Hausmädchen, hat in diesem, wie sie sagt, altmodischen Beruf gearbeitet. Das hat die Autorin auf die Idee gebracht, einen Diener zur Hauptfigur ihres neuen Romans zu machen. Den stellt sie heute bei »Erlesenes in Bad Nauheim« vor. Und gleich zu Anfang wird es richtig blutig.
25. Juni 2019, 19:12 Uhr
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Von Sabine Bornemann
»Zürich ist sicher eine Stadt, die mir noch sehr präsent ist, da ich selbst einige Jahre dort gelebt habe.« Autorin Verena Rossbacher erinnert sich gerne an diese Zeit und lässt ihren neuen Roman in Zürich spielen. (Fotos: dpa/Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Der erste Satz Ihres Buches »Ich war Diener im Hause Hobbs« klingt wie aus einem Krimi »Ich fand ihn drüben im Gartenhaus«, und es geht weiter mit einer Leiche und viel Blut. Da mag der geneigte Krimi-Fan gleich weiterlesen. Dennoch ist Ihr neues Buch kein Krimi. Wieso haben Sie diesen Einstieg gewählt?

Verena Rossbacher: Das stimmt, es ist sicher kein klassischer Krimi. Doch gibt es zwei Tote und die Unklarheit darüber, wie es dazu kam. Es gibt die typische Krimifrage des »Who-dunnit«, obwohl es keinen Mörder gibt und keinen Detektiv. Aber es gibt Unklarheiten, Verborgenes in der Vergangenheit und einen jungen Mann, Krischi Kauffmann, der das Ganze ans Licht holt.

Was hat Sie dazu bewogen, über den Beruf und die Erfahrungen eines Dieners zu schreiben?

Rossbacher: Ein Diener ist eine wirklich sehr dankbare Figur - er ist überall involviert und dennoch gehört er nicht dazu. Er lebt im intimen Kreis einer Familie, kaum etwas bleibt ihm verborgen, aber er ist nicht »Part of the Game«. Ich habe selbst für einige Zeit als Hausmädchen in einem Zürcher Haushalt gearbeitet, die Perspektive eines Bediensteten ist mir nicht fremd und ich hege nach wie vor eine gewisse Faszination für diesen altmodischen und dennoch total aktuellen Berufszweig.

Was hat Sie gereizt, das Thema und die Figur des Dieners literarisch umzusetzen?

Rossbacher: Erzählerisch ist es erst mal sehr reizvoll, es gibt einem die Möglichkeit, eine Geschichte von außen zu erzählen und dabei über sämtliche Details in Kenntnis zu sein. Und in dieser konkreten Geschichte ist es umso interessanter, da Krischi Kauffmann zwar anfangs glaubt, eine Geschichte zu erzählen, in der er der reine Beobachter ist, tatsächlich aber muss er während des Erzählens feststellen, dass dem nicht so ist. Die Tat reicht weit in seine eigene Kindheit hinein und er muss sich die Frage nach der Schuld stellen.

Was ist das Besondere an der Familie Hobbs?

Rossbacher: Es ist im Grunde nichts Besonderes an ihr - abgesehen vielleicht davon, dass sie sehr reich und sehr privilegiert ist. Wie in vielen Familien gibt es Ungesagtes und Ungelöstes in der Vergangenheit - auch das ist eigentlich nichts Besonderes, wie schnell geschieht es, dass Dinge verborgen bleiben, sei es aus Scham, aus Eitelkeit, aus Furcht vor den Konsequenzen.

Und an Diener Christian?

Rossbacher: Auch an Christian ist nichts wirklich Bemerkenswertes. Er ist ein junger Mann, der von sich sagt, keine besonderen Ambitionen zu haben und wenig Ehrgeiz. So ganz stimmt es nicht mit dem überein, was wir als Leser über ihn erfahren.

Sie lösen das Puzzle um den Tod und die Geschichte langsam auf. Wie schwer war es, diese Fäden zunächst im Buch »zusammenzuweben«?

Rossbacher: Oh ja, das ist so eine Sache. Es hat mich für dieses Buch wirklich beschäftigt, ich wollte, dass diese Geschichte sich spannend liest, ich wollte einen gut funktionierenden Plot, und eine sinnvolle Auflösung - und das zu bauen ist schlussendlich einfach relativ langweilige Konstruktionsarbeit.

Sie sind erfolgreiche Autorin. Das ist Ihr dritter Roman. War Autorin schon immer Ihr Berufswunsch?

Rossbacher: Sagen wir so: Ich wollte Lehrerin werden, als ich in die Schule kam - ungefähr zwei Wochen lang, dann war mir völlig klar, mein Leben nicht mit lästigen Schülern wie mir verbringen zu wollen. Ich wollte Archäologin werden, als ich von der Grabhebung Tutanchamuns las - und war vollkommen ernüchtert, als mir klar wurde, dieser Beruf bedeutete in erster Linie, mit winzigen Pinseln unter einer brütend heißen Sonne zu sitzen und noch winzigere Scherben zu entstauben. An diesem Zeitpunkt entschloss ich, Autorin zu werden und in der Tat, dieser Beruf hat mich bisher noch kein bisschen enttäuscht.

Könnten Sie sich vorstellen, etwas anderes zu machen?

Rossbacher: Nein. Mitunter liebäugele ich damit, ein Café zu eröffnen und backend ein viel glücklicherer Mensch zu werden, aber dann fällt mir ein, dass ich schon so glücklich bin und lass es wieder.

Sie sind selber in der Schweiz aufgewachsen, lassen Ihren Roman in Zürich spielen. Haben Sie viel vor Ort recherchiert?

Rossbacher: Zürich ist sicher eine Stadt, die mir noch sehr präsent ist, da ich selbst einige Jahre dort gelebt habe. Abgesehen davon halte ich mich aber ehrlich gesagt nie so wirklich an die konkreten Verhältnisse,. Ich benutze Städte und Orte, die es real gibt und baue sie mir aber auch jeweils so, wie ich sie für das Buch brauche. Ich erhebe keinen Anspruch auf absolute Realitätsabbildung.

Haben Sie, neben den eigenen Erfahrungen als Hausmädchen, sich mit dem Beruf des Dieners auseinandergesetzt?

Rossbacher: Es war einerseits relativ viel Recherche - zur Tradition des Butlers und der Veränderung seines Berufsbildes in den letzten Jahrzehnten und dazu zum Beruf des Butlers heute - und andererseits basiert es wie schon gesagt auf meinen ganz persönlichen Erfahrungen in diesem Berufsfeld.

Sie danken Ihrer Tochter Flora. Wie viel Einfluss hat Ihre Familie auf Ihre Texte?

Rossbacher: Wie die meisten Autoren benutze natürlich auch ich schamlos den bezaubernden Alltag meiner Mitmenschen, um meine Figuren zu bauen. Abgesehen davon wäre es mir nicht möglich, diesen Beruf auszuüben ohne die vielfältige Unterstützung meiner Familie.

Wann arbeiten Sie am liebsten und wo entstehen die besten Geschichten?

Rossbacher: Ganz langweilig: ich arbeite am liebsten in meinem Arbeitszimmer, ich liebe Alltag, am besten gefällt es mir, dem Schreiben quasi als Nine-to-five-Job nachzugehen, das heißt, ich setze mich morgens hin, mache zu Mittag Pause und schalte um vier den Computer aus.

Wenn Sie in die Wetterau zur Lesung reisen, werden Sie Zeit haben, sich Bad Nauheim anzusehen?

Rossbacher: Ich denke, ich habe am Tag nach der Lesung ein wenig Zeit, mich umzuschauen, bevor ich weiter nach München reise.

Arbeiten Sie schon an einem neuen Werk und wenn ja, worum wird es gehen, wenn Sie das verraten dürfen?

Rossbacher: Das ist so eine Sache. Im Grunde ist es ja immer totaler Unsinn, was Autoren über ihre unfertigen Projekte daherschwafeln, es ist einfach ein verzweifelter Versuch, sich selber bei der Stange zu halten, lassen wir das also lieber, es klänge total erbärmlich.



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