06. Februar 2019, 20:38 Uhr

»Nicht alles war dufte«

06. Februar 2019, 20:38 Uhr
Dr. Klaus Riemer aus Bad Nauheim hat mit den Schülern gesprochen. Mit dabei sind Andrea Schreiber-Guth, Leiterin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften der Weidigschule (l.) und Erste Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch. (Foto: prw)

Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs der Weidigschule hörten gebannt zu, was Dr. Klaus Riemer über seine Kindheit und Jugend zwischen 1931 und 1953 zu erzählen hatte. Riemer wurde 1931 in Berlin geboren, lebt heute in Bad Nauheim und gibt seine Erlebnisse, die er im Nationalsozialismus, in der DDR-Diktatur, beim Mauerbau und beim Mauerfall erlebt hatte, gerne weiter.

»Nicht alles war dufte«, hat der promovierte Theaterwissenschaftler Dr. Klaus Riemer seinen Vortrag betitelt und erklärt den Schülerinnen und Schülern des Abiturjahrgangs, dass dieser typische Berliner Ausdruck vom jiddischen »tov« kommt. Überhaupt sei Berlin nicht erst heute sondern schon zu seiner Zeit eine multikulturelle Stadt gewesen. Nicht anders bei den Spielkameraden, »wir waren eine gemischte Kinderclique«, sagt Riemer und erinnert sich an Edith, ein jüdisches Mädchen aus der Nachbarschaft, in das sich der damals Siebenjährige so verliebte, dass ihm beim Umfüllen der Milch – seine Eltern betrieben einen Milchladen – die Hand zitterte, wenn Edith in den Laden kam. »Dass Edith und ihre Mutter in Auschwitz vergast wurden, habe ich erst später, zwei Jahre nach dem Krieg erfahren.« Seine Eltern waren keine überzeugten Nazis, zu ihren Kunden und Geschäftsfreunden gehörten ganz selbstverständlich auch Juden. Die Reichspogromnacht erlebt er zu Hause, auf der Klappcouch. Am nächsten Tag sieht er auf der Straße zerbrochene Schaufensterscheiben, zertrümmerte Türschilder und ist fassungslos.

Weil Berlin schon früh von Bombenangriffen betroffen ist wird die Aktion »Kinderlandverschickung« ins Leben gerufen. Klaus Riemer kommt zunächst nach Ahlbeck auf der Ostseeinsel Usedom. Weil aber Peenemünde, wo Ingenieure der Heeresversuchsanstalt an der Vergeltungswaffe V2 arbeiten, in unmittelbarer Nähe liegt und britische Luftangriffe befürchtet werden, kommen die Kinder in den polnischen Wintersportort Zakopane.

Porträt von Lenin und Stalin

Mit näherkommender Front werden die jungen Gymnasiasten noch einmal verlegt, diesmal in die Tschechoslowakei, von dort geht es später nach Österreich, wo für Klaus Riemer im April 1945 mit dem Einmarsch der Amerikaner der Krieg zu Ende ist.

Nach dem Krieg kehrt Riemer zurück in das zerstörte Berlin. Das Elternhaus wird notdürftig hergerichtet, der Laden im Osten Berlins wiedereröffnet und Klaus geht wieder aufs Gymnasium. Nach dem Abitur macht Riemer eine Grafikerausbildung in Ost-Berlin, arbeitet bei der Handelsorganisation (HO) und malt für die Werbung drei Meter große Porträtbilder von Lenin und Stalin oder vom DDR Präsidenten Wilhelm Pieck. »Zwang und Druck waren gleich. Über diese Arbeit mit den Porträts bin ich richtig krank geworden.«

Als es am 17. Juni 1953 wegen der Streiks gegen die hohen Arbeitsnormen in der DDR zu einem Volksaufstand kommt, beschließt Riemer in den Westen zu gehen. An der Freien Universität in Berlin studiert er Theaterwissenschaft, Germanistik, Psychologie, Kunstgeschichte und Publizistik.

Rund zwei Stunden erzählte Riemer aus seiner Vergangenheit, betonte, wie wichtig es ist, im anderen den Menschen zu sehen, dabei aber nicht blauäugig zu sein:

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