12. November 2018, 14:00 Uhr

Naturschutz mit dem Bagger?

Im größten Naturschutzgebiet der Wetterau wird gebaut. Im Bingenheimer Ried steht kein Wasser, sondern ein Bagger. Warum darf das schwere Gerät dort fahren, wo Spaziergänger keinen Zutritt haben? Was sagen Naturschützer dazu – und wem soll das helfen?
12. November 2018, 14:00 Uhr

Wo normalerweise das Schnattern von Gänsen und Enten zu hören ist, brummt ein großer gelber Bagger. Das Bingenheimer Ried ist komplett ausgetrocknet. Auf der matschbraunen Fläche, wo sonst das Wasser etwa 30 Zentimeter hoch steht, schaufelt er unermüdlich Erde auf einen Lkw. »Da vertiefen wir den Graben«, sagt Walter Schmidt, Naturschutzbeauftragter vom Forstamt Nidda. »In einem normalen Jahr kommt man da nicht rein.« Die Trockenheit 2018 macht’s nun möglich – wie zuletzt 2015, 2003 und davor viele Jahre nicht.

Während der letzten Woche wurde in dem Feuchtgebiet südlich von Gettenau Erde ausgehoben; ein Graben sowie einige Mulden gegraben und mit der Erde etwa 15 kleine Inseln aufgeschüttet. Durch die Baumaßnahmen sollen bedrohte Arten wie Kiebitz, Knoblauchkröte und Kammmolch besser vor Fressfeinden wie Fuchs, Waschbär und nichtheimischen Fischarten geschützt sein. Das zuständige Forstamt arbeitet mit der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) und dem NABU in Echzell zusammen.

»Entgegen der landläufigen Meinung kann man ein Gebiet nicht einfach unter Naturschutz stellen, und alles weitere regelt die Natur von selbst«, sagt Stefan Stübing (HGON). Viele Gebiete müsse man pflegen, damit sie ihren einmaligen Charakter behielten – so auch das Bingenheimer Ried. Dort versuche man den natürlichen Auenrhythmus von Überschwemmen im Frühjahr und Austrocknen im Herbst aufrechtzuerhalten.

»Auengebiete trocknen natürlicherweise immer wieder aus und regulieren so den Fischbestand«, sagt Amphibienspezialistin Inga Hundertmark (HGON). Im Ried wird dazu seit vielen Jahren eine Staueinrichtung eingesetzt. Auch die Baumaßnahmen sollen das Wasser in die richtigen Bahnen lenken und dadurch nicht einheimische Fische zu dezimieren. Sie hatten immer wieder der Laich von Kammmolch, Wechsel- und Knoblauchkröte gefressen.

Durch den tieferen Graben soll das Wasser, das aus dem Pfaffensee und von Äckern kommt, künftig schneller abfließen. Die Mulden außerhalb des Überschwemmungsgebietes sollen gänzlich frei von räuberischen Fischen bleiben und sich mit Regen- und Grundwasser füllen. Hundertmark: »Wir wollen die Fressfeinde reduzieren, damit sie die bundesweit bedeutenden Vorkommen der bedrohten Amphibien nicht fressen.«

Rund 5000 Euro wird die Baumaßnahme im Ried kosten, schätzt Forstamtsmitarbeiter Schmidt. Die Kosten trägt das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt. Für die Pflege der zahlreichen Naturschutzgebiete in der Wetterau überweist das RP Geld an das Forstamt – rund eine halbe Million pro Jahr. Das Forstamt beauftragt, koordiniert und zahlt damit die Pflegemaßnahmen.

Das Bingenheimer Ried erstreckt sich über rund 85 Hektar zwischen Echzell und Reichelsheim. Das Niedermoorgebiet in der Horloff-Aue ist seit 1985 Naturschutzgebiet. Es ist Herzstück des Landschaftsschutzgebietes Auenverbund Wetterau, das zum europäischen Schutzgebiets-Netzwerk Natura 2000 gehört. Die überfluteten Wiesen bieten für viele Tiere, vor allem Vögel, Amphibien und Libellen, Möglichkeiten sich fortzupflanzen und Futter zu finden.

»Herbst und Winter sind die besten Zeiten für Pflegemaßnahmen, dann stört man am wenigsten«, sagt Stübing. »Viele Vögel sind im Süden. Insekten und Amphibien ziehen sich in Verstecke zurück.« Zum Schutz von Amphibien und Schlammpeitzgern wird nur die rechte Hälfte des Grabens wird bis auf rund 30 Zentimeter vertieft und nach außen verbreitert, die linke bleibt unberührt, damit mindestens die Hälfte der Fischpopulation überlebt. Allerdings sind von dem seltenen Fisch bei den Arbeiten bisher keine Exemplare entdeckt worden.

Die Arbeiten im Ried sollten noch in der vergangenen Woche abgeschlossen werden. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis der Graben wieder verschlammt. Wenn der Klimawandel noch häufiger solche Trockenjahre beschert, dürfte das zumindestens logistisch kein Problem sein. Dann können die Bagger noch häufiger durchs ausgetrocknete Ried brummen. (Foto: edg)

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