16. Mai 2019, 20:48 Uhr

Nahe am ökologischen Abgrund

16. Mai 2019, 20:48 Uhr
Diskutieren in der Kirche lebhaft über Nachhaltigkeit (v. l.): Kaweh Mansoori, Niko Paech, Dr. Helmut Francke, Thomas Mann und Jan Ovelgönne. (Foto: Petra Ihm-Fahle)

Wenn die Menschheit überleben will, muss sie ihren Lebensstil ändern. Diese Botschaft nahmen die Zuhörer einer Podiumsdiskussion mit, die jüngst in der Bad Nauheimer Wilhelmskirche auf dem Programm stand. Das Netzwerk »Wetterau im Wandel«, in dem auch das ev. Dekanat Wetterau mitarbeitet, und die Europa-Union hatten eingeladen. Im Mittelpunkt stand der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech.

Kein Platz war mehr frei in der Wilhelmskirche, als Dr. Johannes Fertig von der Europa-Union Wetterau sowie Volker Heitmann von »Wetterau im Wandel« die rund 170 Zuhörer begrüßten. Bevor die Politiker Kaweh Mansoori (SPD), Thomas Mann (CDU) und Jan Ovelgönne (Grüne) mit Paech diskutierten, hielt der Bestsellerautor einen Impulsvortrag über die Post-Wachstumsökonomie. »Die Menschheit rast auf einen ökologischen Abgrund zu«, sagte er.

Neue Lebensstile nötig?

Damit künftige Generationen überleben könnten, sei es wichtig, die Wirtschaft um mindestens 50 Prozent zu verkleinern. Das bedeute, fuhr Paech fort, nur noch Dinge zu produzieren, die kaputtgegangen und nicht mehr reparabel sind. »Größtes Problem ist der Klimawandel«, betonte er. Weitere »ökologische Sargnägel« seien Plastikmüll, Elektroschrott und Flächenversiegelung. Um das Zwei-Grad-Klimaschutzziel einzuhalten, müsse jeder Mensch jährlich mit maximal 2,5 Tonnen CO2 auskommen - statt den derzeit 12 Tonnen. Somit frage sich, was Menschen tun können, um nicht über ihre Verhältnisse zu leben. Antworten wie »grünes oder intelligentes Wachstum« hätten aber ebenfalls nur das Ziel, das Wachstum zu steigern. Erster Schritt sei es, Arbeitslosigkeit zu vermeiden, zu der es durch Digitalisierung verstärkt kommen werde. »Das bedeutet aber, Arbeitszeiten drastisch zu reduzieren.« Um mit weniger Geld auszukommen und nachhaltig zu wirtschaften, böten sich neue Lebensstile an. Genügsamkeit, mehr Selbstversorgung und Regionalökonomie gehören laut Paech dazu.

Dr. Helmut Francke moderierte ein lebhaftes Podiumsgespräch. Thomas Mann (CDU) berichtete von seiner Begegnung mit Greta Thunberg vorm Europaparlament. Es sei wichtig, dass Jugendliche für ihre Ziele auf die Straße gehen. Man müsse die jungen Menschen ernst nehmen, dürfe sie nicht abkanzeln. Der hessische Juso-Vorsitzende Kaweh Mansoori hinterfragte die Motive von Prognosen, wonach Digitalisierung die Beschäftigungszahlen stark verändert. Manch ein Wirtschaftsvertreter wolle mit diesen Argumenten beispielsweise gewerkschaftliche Widerstände brechen. Digitalisierung könne sich ökologisch positiv auswirken, so Mansoori. »Home Office würde Treibhausemmissionen durch Verkehr massiv reduzieren.«

Kritik am Referenten

»Welche positive Formulierung würden Sie wählen, um den Wandel als etwas Gutes zu beschreiben?«, erkundigte sich eine Zuhörerin. Der Grünen-Europakandidat Jan Ovelgönne ging darauf ein. »Viel liegt in dem Ausdruck Genügsamkeit: mit dem, was man hat, zufrieden zu sein.« Die heutige Wettbewerbsgesellschaft sei ein Hamsterradrennen, das Menschen krank mache. Ovelgönne: »Was uns am Leben hält, ist Gemeinschaft. Das sind die wirklich wertvollen Dinge.«

Ein Mann fragte nach einer Wahlempfehlung, worauf Paech erwiderte: »Das ist ein Dilemma. Es gibt keine Partei, die gegen Wachstum ist.« Politik sei machtlos, wage das Neinsagen nicht und verteile Geschenke. Diese Aussagen missfielen einigen Politikern im Publikum. Auch Wolfgang Dittrich, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im ev. Dekanat, übte Kritik am Referenten. »Ich hatte sehr gehofft, dass Paech zum Schluss zur Wahl von demokratischen Parteien aufrufen würde, die den Klimawandel wenigstens nicht leugnen, denn unsere Demokratie sehe ich als mindestens genauso gefährdet an wie das Klima.«

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