12. November 2018, 20:02 Uhr

Nachdenken über Vorurteile

12. November 2018, 20:02 Uhr
Im Anschluss an die Vorführung ihres Films »Unterwerfung« stehen Regisseur Titus Selge (l.) und Produzent Clemens Schaeffer noch lange für Fragen zur Verfügung. (Foto: sax)

In der Reihe »Burggespräche« zeigte das Institut Lucius jüngst den Film »Unterwerfung«. Die Diskussion mit dem Produzenten des Films, Clemens Schaeffer, einem ehemaligen Schüler der Internatsschule, und Regisseur Titus Selge berührte nur selten die Islamkritik, die dem Autor der Romanvorlage, Michel Houellebecq, vorgeworfen wird. Stattdessen standen Geschlechterrollen, Medien und Konsum im Mittelpunkt der sehr lebendigen Diskussion.

Der Film von Schaeffer und Selge mit dessen Onkel Edgar in der Hauptrolle zeigt, wie Randaspekte eines Werks in der öffentlichen Wahrnehmung betont werden, wenn sie zur Skandalisierung geeignet sind. Denn »Unterwerfung« setzt sich weniger mit dem Islam als mit dem Niedergang einer dekadenten patriarchalen Gesellschaft auseinander.

Dafür bietet sich das Hochschulsystem als Projektionsfläche geradezu an. Wie weit sich dieses von den gesellschaftlichen Realitäten entfernt hat, wird in einer Szene deutlich, wenn ein Empfang der akademischen Elite von Tumulten auf der Straße gestört wird. Wie ein erschrockener Haufen stieben die Professoren auseinander. Das eben noch gastliche Haus zeigt sich durch Zäune und Mauern von der Außenwelt abgeschottet.

Fast zwei Millionen Zuschauer

Sehr kontrovers wurde Titus Selges filmische Umsetzung des Romans diskutiert. Denn er springt immer wieder zwischen drei Ebenen. Neben Spielszenen mit Edgar Selge als Professor wechselt der Film zu einer Aufführung des Schauspielers in Hamburg, in der er das Werk auf der Bühne lebendig werden lässt. Dass in einer dritten Ebene die reale Welt dieses Theaters vor dem Hintergrund der G20-Krawalle gezeigt wird, konnten viele der fast zwei Millionen Zuschauer des Films bei der Erst-Ausstrahlung im Juni offenbar nicht nachvollziehen.

Dabei gelingt es den beiden Selges, zum Nachdenken über Vorurteile anzuregen. Wie stark uns diese manipulieren, zeigt eine Szene zu Beginn des Films, als Selge von drei Jugendlichen mit Migrationshintergrund scheinbar bestohlen wird. Was als Bestätigung bekannter Bilder erscheint, findet am Ende eine ebenso glaubwürdige Auflösung.

Houellebecqs provokante These, »dass der Gipfel menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht«, beziehen die Autoren von Buch und Film keineswegs nur auf den politischen Islam. Sie ist eine mögliche Interpretation des Zusammenlebens von Mann und Frau, Professoren und Studenten oder politischen Systemen. Es ist eben nicht nur ein radikaler Islam, der in dem Bestseller die Macht übernimmt. Ein ebenso autoritärer Katholizismus hält ihm die Steigbügel.

Wie umfassend Unterwerfung als Muster für gesellschaftliches Zusammenleben gesehen werden kann, zeigte auch die Diskussion mit den Schülern des Internats. So unterwerfen sich Fernsehsender dem Diktat der Quote und den vermeintlichen Interessen des Publikums, Filmemacher den Geldgebern, ohne die Filme nicht möglich sind. »Ich dachte, es wäre die letzte patriarchale Bastion«, scherzt Selge über seine Motive, Regisseur zu werden. »Es ist nicht der glamouröse Job, den man sich vorstellt.« Mehrfach machen Selge und Schaeffer deutlich, wie viele Zwänge die Arbeit mit dem Fernsehen bestimmen.

Manipulation erkennen

Jugendliche, auch das wird deutlich, unterwerfen sich nicht mehr dem Diktat des Fernsehprogramms. »Ich gucke kaum noch Fernsehen«, sagt eine Schülerin. »Ich glaube, dass so Filme keine Zukunft haben, wenn ich unsere Generation angucke.« Jugendliche nutzten vor allem Streamingdienste und verließen sich auf die Empfehlungen, die sie wegen ihrer Vorlieben bekämen. Dabei sei es zumindest ein erster Schritt gegen diese Manipulation, die Mechanismen zu erkennen.

Auch Selge sieht die Zukunft des künstlerischen Kinos skeptisch. Derzeit leisteten sich Streamingdienste noch Inhalte am Rand des Massenmarktes, um damit die Nuancen des Nutzerverhaltens zu erforschen. Wenn das Wissen hierüber größer sei, zähle nur noch die Masse. Schaeffer sieht das weniger pessimistisch. »Ob es gut oder schlecht ist für die Vielfalt, ist noch nicht ausgemacht.« Immerhin können Netflix-Kunden »Unterwerfung« demnächst abrufen.

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