01. August 2018, 08:00 Uhr

Kampflose Übergabe an US-Armee

Nach 73 Jahren: Letzter Überlebende kehrt zurück

Bei seinem ersten »Besuch« in Friedberg sollte Horst Rothmar die Stadt vor den Amerikaner verteidigen. Jetzt, 73 Jahre danach, kehrte der Schauspieler zurück und erinnert sich an dunkle Zeiten.
01. August 2018, 08:00 Uhr
Sollte Friedberg bis zum letzten Mann verteidigen: Horst Rothmar (r.) erzählt Bürgermeister Dirk Antkowiak (M.) und Museumsleiter Johannes Kögler vor den Gedenktafeln in der Burg vom März 1945. (Fotos: Wagner)

Das Leben kann so erfüllend sein. Und er sei ja auch sehr beschäftigt, sagt Horst Rothmar. Vielleicht hat es deshalb 73 Jahre gedauert, bis er nach Friedberg zurückkam. Beim letzten Mal war die US-Armee im Vormarsch. Im März 1945 befehligte Rothmar eine Truppe Volkssturmmänner, sie sollte die Stadt bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Diesen Wahnsinn machte der heute 90-Jährige nicht mit, entließ seine Männer und floh.

»Haut ab!. Rennt um Euer Leben«, habe er den Volkssturmmännern zugerufen. »Das waren Bauern, keine Soldaten«, sagt Horst Rothmar. Es war in den letzten Tagen des März 1945. Rothmar, damals siebzehnjähriger Absolvent der Offiziernachwuchsschule in Rotenburg, wurde von einem Motorradkurier nach Friedberg kutschiert. Er sollte den Volkssturm befehligen und die Stadt vor der anrückenden US-Armee verteidigen. »Wir hatten belgische Flinten und italienische Munition.« Und eine Panzerfaust, die niemand bedienen konnte.

Hitlers »Nerobefehl«

Der »Nerobefehl« Hitlers, die »Strategie der verbrannten Erde«, bei der nicht einmal Rücksicht auf die eigene Bevölkerung genommen werden sollte, war purer Wahnsinn. Das erkannte der siebzehnjährige Frankfurter, dessen Vater erklärter Hitler-Gegner war. Statt zum Jungvolk schickte er den Jungen ins Schauspielhaus, wo er mit acht Jahren seine erste Hauptrolle spielte. Das Theater sollte ihn nie mehr loslassen.

In jenem März 1945 sollte er eine Hauptrolle bei der Verteidigung Friedbergs spielen. »Wir lagen in einer Wiese südlich der Kaserne. Als Panzer auf uns zurollten, habe ich die Panzerfaust abgedrückt.« Der Panzer habe gequalmt, sei aber nicht explodiert und habe kehrt gemacht. »Ich war kein Held, aber couragiert.« Vielleicht war er auch erschrocken über die Wirkung. »Ich dachte mir: Die Soldaten im Panzer haben Familie, das will ich denen nicht antun.« Auf sein Kommando seien alle davongerannt. Rothmar machte sich zu Fuß auf den Weg nach Frankfurt, zu den Eltern. Ein oder zwei Tage später, am 29. März 1945, war der Spuk vorbei: Leutnant Gustav Hammann brachte die US-Offiziere Major Smith und Oberleutnant Tichy mit dem Jeep in die Burg, wo Kampfkommandant Heinrich Wölk die Stadt kampflos an die US-Armee übergab.

Ein heilloses Durcheinander

Der »Machtzerfall« in den »letzten Tagen des Dritten Reichs« (so Titel und Untertitel eines Buchs von Herfried Münkler) sind in Friedberg besser erforscht als anderswo. Vom »Volkssturm«, Hitlers letztem (und kaum kampffähiges) Aufgebot an »waffenfähigen Männern im Alter von 16 bis 60 Jahren«, sind nur wenige Namen bekannt. Es verwundert nicht, dass auch Rothmar weder den Namen des vorherigen Kampfkommandanten Fred Henrich kennt, noch den der übrigen Protagonisten wie Anneliese Ulrich, geborene Metzger, die am 28. März die weiße Fahne auf dem Adolfsturm hisste. Es sein ein heilloses Durcheinander gewesen, erzählt Rothmar. Wer in Friedberg das Sagen hatte? »Keine Ahnung.«

Zurück nach mehr als 70 Jahren: Horst Rothmar beim Gespräch mit der WZ.
Zurück nach mehr als 70 Jahren: Horst Rothmar beim Gespräch mit der WZ.

In Frankfurt sah er Leichenberge, Freunde wurden im KZ ermordet, einmal rettete sich Rothmar in allerletzter Sekunde aus einem brennenden und zusammenstürzenden Haus. »Das ist heute alles unbegreiflich.« Das Theater, die Traumwelt der Phantasie, half ihm, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Vor wenigen Tagen stand Rothmar in Wien bei seiner Abschiedsvorstellung auf der Bühne. Er war in Gastrollen in der TV-Serie »Soko Wien« zu sehen, spielte den »Tod« im »Jedermann« und unzählige Male die Hauptrolle im »Hauptmann von Köpenick«. In Elmshorn bei Hamburg gründete er ein Auktionshaus, er war Geiger, Gastwirt und Inhaber eines Getränkegroßhandels.

Ritterorden-Träger

Als Fußballer des FSV Frankfurt stand er gegen Fritz Walter auf dem Platz, hat sogar mal eine halbe Saison lang für den VfB Friedberg gespielt. Aber das ist längst nicht alles. Rothmar hat Theologie, Philosophie und Psychologie studiert (ohne Abschluss), wollte katholischer Priester werden, ging in die Entwicklungshilfe und engagiert sich seit vielen Jahren für sozial benachteiligte Jugendliche. Eduard Erbprinz von Anhalt und Sachsen verlieh ihm den Ritterorden der Askanier, Schwedens Königin Silvia unterstützte ihn bei einem Straßenkinderprojekt in St. Petersburg. »Du bist für uns die Mutter Teresa«, schrieb ihm zum 90. Geburtstag ein ehemaliger Bewohner des Don-Bosco-Hauses Hamburg. Woher nimmt er die Kraft, um all das (und mehrstündige Autofahrten von Elmshorn nach Wien) im hohen Alter von 90 Jahren zu bewerkstelligen? »Vom lieben Gott«, sagt Horst Rothmar und lacht. Und im Übrigen habe er noch einiges vor.

 

Infobox

Auf des Messers Schneide

Das Schicksal Friedbergs stand Ende März 1945 »auf des Messers Schneide«: So sind die Gedenkstelen in der Burg betitelt, die erzählen, warum die historische Kreisstadt vor der Zerstörung durch die US-Armee verschont wurde. Der aus Friedberg stammende und an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler hat die »letzten Tage des Dritten Reichs« in Friedberg in dem Buch »Machtzerfall« von 2005 ausführlich geschildert, das auf einer WZ-Serie basiert. Im Kapitel »Das Scheitern des Kapitulationsversuchs« kommt die Sprache auf den Volkssturm; Münkler zitiert aus dem Kriegstagebuch des Polizeibeamten Fritz Rust: »›Die Partei- und SA-Größen (Kreisleiter Fleischhauer mit Stabsführung der NSDAP und der Standartenführer der SA Riecke), die die Wehrmacht und die übrigen Einsatzkräfte zum Verteidigen bis zum letzten Blutstropfen vereidigt hatten, setzten sich in der Nacht vom 25. zum 26.3.1945, gut verproviantiert mit Speise und Trank, in Richtung Vogelsberg ab, um weit vom Schuss gesicherte Stellung zu beziehen.‹ Noch Anfang Februar hatte Riecke alle NS-Führer des Kreises aufgefordert, ›stets Vorbild zu sein, sich selbst zum härtesten Einsatz bewusst zu sein‹. Jetzt überließ Riecke die ihm unterstellten Volkssturmmänner ihrem Schicksal. Keine Frage: Der Komandeur des Friedbergers Volkssturmbataillons war desertiert.« Zeitzeuge Horst Rothmar kann sich ebenfalls an die desertierenden NS-Führer erinnert, auch wenn er die Namen nicht mehr parat hatte. »Die waren feige, sind einfach getürmt.« Münkler schreibt weiter, durch die Flucht der Kreisleitung habe Hauptmann Henrich die Möglichkeit gehabt, sowohl die Hitlerjungen, die zu seinem Gefechtsstand abkommandiert waren, als auch die meisten Volkssturmmänner zu entlassen und wieder nach Hause zu schicken. Dadurch habe Henrich freie Hand gehabt, um die friedliche Übergabe der Stadt an die US-Armee einzuleiten. Dies schlug am 28. März fehl, einen Tag später war es dann aber soweit.

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