04. Januar 2019, 11:00 Uhr

Verein wird abgewickelt

Nach 60 Jahren: Letzter Akt für die Volksbühne Friedberg

Großes Theater in kleiner Stadt – dafür steht die Volksbühne Friedberg seit Jahrzehnten. Ende März fällt ein letztes Mal der Vorhang in der Stadthalle. Der Verein findet keinen neuen Vorsitzenden.
04. Januar 2019, 11:00 Uhr
Ob Komödie, klassische Tragödie oder die Musik-Revue »BEAT-CLUB«: Die Volksbühnen-Aufführungen zauberten stets große Momente in die Stadthalle. (Fotos: pv)

Als die Friedberger Volksbühne im November 1958 mit der Komödie »Die Preußen kommen« startete, war es das Anliegen des Vereins, »den Mitgliedern auch in Friedberg bestes Theater zu bieten«. Volksbühnen sind ein Relikt der Arbeiterbewegung. Auch die »kleinen Leute« sollten anspruchsvolle Kultur genießen können. Daran hat sich in 60 Jahren nichts geändert. Statt nach Frankfurt oder Gießen fahren zu müssen, erlebten die Zuschauer auch in Friedberg exzellente Aufführungen.

Die Liste großer Schauspieler, die in der Stadthalle ein Gastspiel gaben, ist lang: Will Quadflieg, Günther Strack, Götz George, Jürgen Prochnow, Ellen Schwiers, Marion Kracht, Martin Semmelrogge, Volker Lechtenbrink, Götz Otto, Ron Williams – das sind nur ein paar Namen, die Susanne und Michael Keller spontan einfallen. Und mit allen sind magische Momente verbunden, die den Atem stocken ließe oder die Lachmuskeln strapazierten. Das Publikum hat dies über all die Jahre goutiert. Die Zuschauer kamen aus der gesamten Umgebung, aus Schotten, Ortenberg, Büdingen oder noch weiter her.

 

Die Volksbühne wird abgewickelt

Drei Vorstellungen folgen noch. Kurz vor Silvester gab es mit der Weihnachtsvorstellung »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" ein volles Haus. Das dürfte bei den folgenden Stücken (siehe Kasten) nicht anders sein. Doch dann ist Schluss. Die Volksbühne wird abgewickelt. Nachdem keine Nachfolger für den 1. Vorsitzenden Michael Keller und dessen Stellvertreterin Brigitta Hoth gefunden wurde, wurde der geschäftsführende Vorstand mit der Liquidation beauftragt. Das Ehepaar Keller – Susanne Keller managt den Verein in einem Mini-Job – hat viel Schreibarbeit vor sich.

Michael Keller, seit 30 Jahren Vorsitzender, kann verstehen, dass sich niemand dieser Herausforderung stellt. »Die Volksbühne firmiert als Verein, tatsächlich ist sie ein gut laufendes, kleines Veranstaltungsunternehmen«, sagt der Altbürgermeister und frisch gebackene Ehrenbürger Friedbergs. Jede der jährlich sieben Aufführungen kostet rund 10 000 Euro. Dieses Risiko will sich niemand mehr aufbürden. Das gilt auch für die Organisation im Hintergrund: Susanne Keller zählt auf: Einkauf der Stücke, Aushandeln der Honorare (»Ich bin berüchtigt für hartes Feilschen«), Gestaltung und Druck der Flyer, Pressearbeit, Kartenverkauf, Bühnenaufbau. »Das geht nicht ehrenamtlich.« Michael Keller: »Wir hatten drei Mitgliederversammlungen, haben im Kreis der Abonnenten gefragt, ob jemand den Vorsitz übernimmt. Das war leider nicht der Fall.«

 

Magische Momente

Ein Comeback der Volksbühne wollen die beiden nicht ausschließen. »Es könnte sein, dass sich noch jemand meldet.« Große Hoffnungen macht man sich beim Volksbühnen-Verein jedoch nicht. »Unser Angebot kann sich sehen lassen«, sagt die 2. Vorsitzende Brigitta Hoth. »Das war großes Theater, und wir haben die Stadthalle positiv verändert.« Früher roch es aus der Restaurant-Küche, die Kegelbahn war nicht zu überhören. Das wurde abgestellt. Eine Bühne wurde angeschafft, das Foyer und das Restaurant wurden auf Initiative der Volksbühne verschönert. Nach den Vorstellungen konnten die Gäste mit den Schauspielern sprechen und den Abend bei einem Glas Wein ausklingen lassen, sagt Hoth.

Was bleibt, sind Erinnerungen. Etwa an Ron Williams, der Martin Luther King, Nelson Mandela, Ray Charles und Harry Belafonte verkörperte und »mit wenigen Blicken und Worten die ganze Stadthalle ausfüllte«. An das Enfant terrible Martin Semmelrogge, der mit seinen Hunden zu den Meet&Greet-Gästen ins Foyer kam und nicht mehr aufhören wollte zu erzählen. An Volker Lechtenbrink, bei dessen Hamlet-Solo man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Oder an den großen Martin Lüdke als Cyrano de Bergerac – magische Momente, die man nicht vor dem Fernsehgerät erleben kann, die es nur im Theater gibt und eben nicht nur in der Großstadt, sondern auch in der Provinz.

 

Info

Noch drei Vorstellungen

Drei Aufführungen (jeweils 20 Uhr in der Stadthalle Friedberg) stehen noch im Programm der Volksbühne: Am 14. Januar wird die Krimigroteske »Arsen mit Spitzenhäubchen« gezeigt, in der Hauptrolle ist Klaus Wilke zu sehen. Am 4. Februar zeigt ein Ensemble aus München die Multi-Kulti-Komödie »Achtung Deutsch«, die aktuelle Gesellschaftsentwicklungen aufgreift. Das letzte Stück der (vermutlich letzten) Saison folgt am 12. März: das Schauspiel »Das Boot« nach dem Roman-Bestseller von Lothar-Günther Buchheim, in dem die Besatzung des U-Boots U 96 während des Zweiten Weltkrieges ihrem Untergang entgegensieht. Karten für die Vorstellungen gibt es unter anderem in den WZ-Geschäftsstellen und in der Geschäftsstelle der Volksbühne im Alten Rathaus. »Theaterkarten sind auch ein schönes Geschenk«, sagt Susanne Keller. (jw)

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