20. Mai 2019, 20:03 Uhr

Musik für acht Lippen und mit viel Luft

20. Mai 2019, 20:03 Uhr
Seit 25 Jahren prägt Jörg Richter (r.) das Posaunenensemble »Opus 4«. Mit ihm spielen in der Dankeskirche Michael Peuker und Stephan Meiner (Tenorposaune) und Wolfram Kuhnt (Bassposaune). (Foto: hms)

Wenn »Opus 4« kommt, dann ist es, wie Freunde ins Wohnzimmer einladen. Dabei hatten sich die vier Gewandhausmusiker vor zwei Jahren eigentlich selbst eingeladen: Sie hatten gesehen, dass in der Dankeskirche gute Musik gemacht wird und wollten auch dabei sein. Die Begeisterung des Publikums blieb nicht aus. Am Samstag nun »Opus 4 - da capo«. Und wieder war es ein Brillantfeuerwerk von Posaunentönen.

Seit 25 Jahren gibt es Opus 4, vor etlichen Jahren wurde das Ensemble verjüngt. Gründer, Leiter, Arrangeur, Moderator, Manager, kurz Dreh- und Angelpunkt der Gruppe ist Jörg Richter. Seit 35 Jahren ist der Spezialist für die hohen Töne Soloposaunist des Leipziger Gewandhausorchesters. Von den exakt 1043 Konzerten musste er höchstens drei absagen. Aber Kollegen springen immer gerne ein, erzählt er. Diesmal war es sein Schüler und früheres Mitglied Michael Peuker, der an der Tenorposaune aushalf. Stephan Meiner (Tenorposaune) und Wolfram Kuhnt an der endlos langen Bassposaune sind jetzt fest im Ensemble.

Präzision und Virtuosität muss man bei diesen vier Musikern gar nicht erst erwähnen. Begeisternd ist die spürbare Liebe zur Musik und die Lust, das Publikum mit neuen, außergewöhnlichen und anspruchsvollen Arrangements zu überraschen. Diesmal war es die bekannte Bach Toccata und Fuge in d-Moll, die schon auf der Orgel fasziniert, aber in einem Posaunensatz wortgemäß atemberaubend ist. Die16tel und 32stel Noten exakt mit den Lippen geformt, in Klang und Dynamik gefühlvoll zurückhaltend oder sich elegant aufschwingend - da konnte man nicht mehr erkennen, welches Instrument gerade welchen Part spielte. Am Ende kamen sie alle perfekt an, so wie Bach es sich vorgestellt hatte. Bei diesem Bravourstück konnte man nur noch staunen.

Die Orgel spielte Frank Scheffler in diesem Konzert eher im Begleitmodus, wie er ankündigte. Gleich zu Beginn riefen sie gemeinsam zu einem feierlichen Einzug. Richard Strauss, der einst in Bad Nauheim seine Alpensinfonie dirigiert hatte, komponierte auch diesen berührenden Introitus. Nach einer Bearbeitung aus Monteverdis Marienvesper folgten drei frühbarocke Stücke. Bestechend ist der weiche, warme Klang der zierlichen Barockposaunen. »Opus 4« sind die einzigen, die auf Nachbauten originaler historischer Instrumente als Dauerleihgaben spielen.

Sportliche Höchstleistung

Reizvoll bearbeitet sind die doppelchörigen Sätze der zwei venezianischen Meister Aurelio Bonelli und Ludovico Grossi de Viadana für vier Posaunen und Orgel aus der Zeit um 1600. Tänzerisch verspielt agierten Finger und Lippen auf Tasten und Zügen und warfen sich die Themen zu. War der erste Teil genussvoll klassisch, gestalteten sie den zweiten Teil vergnüglich modern, eröffnet von »Alexanders Ragtime Band« des 1989 mit 101 Jahren gestorbenen Irving Berlin. Und da Opus 4 auch eine komödiantische Seite hat, präsentierten sie effektvoll die »Minstrel Show« von Philip Greeley Clapp. Die emotionalsten Melodien aus seinen Opern und Konzerten zeichnete ein bewegendes Porträt des Altmeisters George Gershwin.

Nach 90 Minuten ununterbrochenem Spiel hat ein Bläser sportliche Höchstleistung gebracht. So war der Bach-Choral als zweite Zugabe doppeldeutig zu verstehen: »Es ist genug«. Ja, aber nur für diesmal. »Im nächsten Jahr«, versprach Richter den stehend Applaudierenden, »kommen wir wieder und geben ein Benefizkonzert für die Orgel. Und dann muss die Kirche rappelvoll sein, denn wir bringen etwas ganz Besonderes mit.«

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