Wetterau

Müllfrevel mit Verfolgungsjagd über Feldwege

Kann man Müll ungestraft in die Natur kippen? Offenbar schon, musste ein Friedberger am Freitag erfahren. Mit einem von zwei Mülllastern lieferte er sich sogar eine Verfolgungsjagd.
30. Mai 2018, 08:00 Uhr
Jürgen Wagner
Heiko Nitsche kann es nicht fassen: Mehrere Tonnen Bauschutt liegen auf einem Gelände an den Bahngleisen. (Foto: Wagner)

Heiko Nitsche hält sich in seinem Garten Landschildkröten. Possierliche Tiere, die gerne Disteln futtern. Diese holt Nitsche im Feld unweit der Bahn-Brücken bei Friedberg-Fauerbach. Ein paar hundert Meter vor dem Firmengelände von Fresenius im Industriegebiet Süd geht von der Freseniusstraße ein Feldweg links ab. Nach hundert Metern öffnet sich ein Platz an der Bahnlinie nach Frankfurt. Dort gibt es (aus Sicht der Landschildkröten) die leckersten Disteln.

Als Nitsche am Freitag um 11.20 Uhr dort hinkommt, traut der 53-jährige Elektriker seinen Augen kaum. »Auf dem Platz stand ein Lkw mit einem riesig langen Kipper, vielleicht 15 Meter lang. Der komplette Kipper mit Bauschutt wurde einfach zwischen die Büsche abgeladen.«

Nitsche beobachtet die Aktion, als sich vom Feldweg ein zweiter Laster nähert. Als der Fahrer den ungebetenen Zeugen bemerkt, wendet er und nimmt Reißaus. Nitsche läuft zu seinem Auto, fährt hinterher. Über einen Feldweg geht es bis zum Fresenius-Gelände. Dort verliert er ihn; der Lkw muss wohl Richtung Industriegebiet abgebogen sein. Als Nitsche zurück zur illegalen Müllhalde kommt, ist auch der andere Lkw verschwunden. Er habe sofort die Polizei verständigt. »Ich dachte, die kommen raus.« Als sich nach einer Stunde nichts tat, rief er wieder bei der Polizei an und erfuhr, man habe das Ordnungsamt der Stadt Friedberg benachrichtigt. Die Mitarbeiter hätten jetzt – Freitagnachmittag – aber schon Feierabend.

Frische Reifenspuren

Die Täter sind noch einmal zurückgekehrt. Am Samstagmorgen lag vor dem ersten Haufen ein weiterer Berg Bauschutt: Steine, Kacheln, Holzreste, Metallteile, offenbar von einem Hausabriss. Die Reifenspuren seien ganz frisch gewesen.

Was Heiko Nitsche ärgert: Er konnte die Kfz-Kennzeichen der Lkw nicht erkennen. Das sei auch der Grund dafür, warum keine Polizeistreife vor Ort gewesen sei, teilt Polizeipressesprecherin Sylvia Frech mit. »Der Anrufer teilte eine Müllablagerung mit und erklärte, dass der Lkw von ihm ›vertrieben‹ wurde. Ein Kennzeichen konnte er nicht nennen. Da der Vorfall bereits vergangen war und vor Ort keine Personalien eines Verursachers der Müllablagerung festzustellen gewesen wäre, wurde der Vorgang an das Ordnungsamt übermittelt.«

Schwierige Ermittlungen

Auf dem Gelände entlang der Bahngleise wird immer wieder Müll abgeladen. Auch auf der gegenüberliegenden Seite des Bahndamms an den Kleingärten. Der Weg zwischen den Bahn-Brücken ist von der Straße aus nicht gut einsehbar. Schnell kann man sich hier seines Unrats entledigen.

Im Rathaus kennt man die Plätze, die gerne angefahren werden. Wird das Rathaus informiert, ist es in der Regel zu spät. Die Müllferkel sind längst über alle Berge. Aber lassen sich die Täter, wie Nitsche sich nach der Aktion vom Freitag fragt, nicht ermitteln? Anhand von Reifenspuren oder durch Funde im Müll wie einer Rechnung? Das, sagt Ordnungsamtsleiter Jürgen Schlerf, reiche vor Gericht leider nicht aus, um Müllsünder zu überführen. »Wir hatten schon einmal so einen Fall. Die Richter sagen, ein Dokument im Müll könne nicht als Hinweis auf den Verursacher gewertet werden.«

Wer allerdings erwischt und überführt wird, muss mit einem Bußgeld im vierstelligen Bereich rechnen. Schlerf bittet alle Bürger, illegale Müllablagerungen bei der Stadt zu melden. Das Rathaus ist rund um die Uhr per Mail erreichbar unter ordnungsamt@friedberg-hessen.de.

 

Info

Müll in Feld und Wald

Am Montag stieß eine Försterin im Wald zwischen Butzbach-Bodenrod und Maibach auf 29 illegal entsorgte Autoreifen, teils mit Felgen (siehe Foto). Die Polizei bittet um Mithilfe. Immer wieder kommt es zu illegalen Müllentsorgungen. Eine Auswahl: 17. Dezember 2015, Tatort Rosbach: In einem Regenauffangbecken werden rund 150 Altreifen »entsorgt«. Die Täter kamen vermutlich mit einem Kleintransporter, die Entsorgungskosten trägt der Steuerzahler. 23. April 2016, Tatort Karben: Die Feuerwehr löscht drei Brandstellen auf einem Grundstück bei Kloppenheim. Vier Männer verbrannten dort Kunststoff und Asbest. 29. November 2016, Tatort Büdingen: Im Wald am Gut Marienborn werden Altreifen, Motorölflaschen, Fußmatten, Fahrzeugteile und weiterer Unrat abgeladen. Vom Verursacher keine Spur. Fest steht laut Polizei nur, »dass die Allgemeinheit auf den Entsorgungskosten sitzen bleibt, sollte der Müllentsorger nicht ermittelt werden«. Bußgeld: Laut dem Regierungspräsidium Gießen kann illegale Müllablagerung mit Bußgeldern bis zu 100 000 Euro geahndet werden. Die Höhe richtet sich nach der Menge des Abfalls. (jw/Foto: Polizei)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Muellfrevel-mit-Verfolgungsjagd-ueber-Feldwege;art472,438218

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