30. April 2018, 10:29 Uhr

Unter Schock

Morgens Tränen bei Gericht, abends Polizeieinsatz an Treppe

Morgens sagt die Zwölfjährige vor Gericht gegen den Mann aus, der sie gegen ihren Willen geküsst hat. Abends steht der 63-Jährige plötzlich in Friedberg vor ihr. Ein Schock.
30. April 2018, 10:29 Uhr
An der Fauerbacher Straße führt eine Beton-Treppe zu einem Discounter. Dort trifft die Zwölfjährige auf den Mann, der ihr vor einem Jahr gegen ihren Willen Küsse gegeben hat. Die Schülerin ergreift sofort die Flucht. (Foto: Nici Merz)

Deniz B. macht sich Sorgen um seine Schwester Aylin (Namen geändert). Vor wenigen Tagen traf sie auf den Mann, der ihr schon einmal große Angst gemacht und gegen den sie wenige Stunden zuvor vor Gericht ausgesagt hatte.

Der Reihe nach: Der 23 Jahre alte Deniz B. lebt mit der zwölfjährigen Aylin bei den Eltern in Friedberg. Im März 2017 wird Aylin, ein kleines zierliches Mädchen, in der Unterführung nach Fauerbach von einem ihr unbekannten 63-Jährigen auf Hand und Wange geküsst. Er wird geschnappt. Der Mann, der in Reichelsheim lebt, hat die Küsse bei der Gerichtsverhandlung vor wenigen Tagen eingeräumt (die WZ berichtete). Er stritt jedoch ab, Aylin festgehalten und versucht zu haben, sie auf den Mund zu küssen. Aylin weinte, als sie ihre Zeugenaussage machte.

 

Konfuse Geschichten erzählt

Zu einem Urteil kam es nicht. Ein Gutachter soll überprüfen, ob der 63-Jährige schuldfähig ist. Denn der Mann, der wie ein Obdachloser aussieht, machte einen konfusen Eindruck, erzählte ungefragt mehr oder weniger glaubwürdige Dinge aus seinem Leben. So will der Hartz-IV-Empfänger etwa als Major bei der Botschaft im Kongo gearbeitet haben. Ein Polizist hatte den Mann nach dem Vorfall in der Unterführung verhört, der 63-Jährige hatte behauptet, Aylin habe die Küsse gewollt, sogar ihr Vater sei einverstanden gewesen.

»Sie war nach der Verhandlung total aufgewühlt«, beschreibt Deniz B. den Gemütszustand seiner Schwester. Doch für Aylin sollte es noch schlimmer kommen: Auf dem Weg zu einer Freundin läuft sie nur Stunden nach dem Prozess an der Fauerbacher Straße entlang. Plötzlich sieht sie den 63-Jährigen. Er sitzt auf einer Treppe, die zu einem Discounter führt. »Er hat sie gesehen, ist aufgestanden, auf sie zugelaufen und hat rumgebrüllt«, schildert Deniz B. Aylin sei weggerannt, zu einem Passanten, der ihre Eltern angerufen habe.

 

Ziel: Einstweilige Verfügung erwirken

B. berichtet, sein Vater sei sofort zur Treppe gefahren, die Polizei sei ebenfalls dort gewesen. »Die haben den Ernst der Lage gar nicht begriffen. Die haben gesagt, dass ja nichts passiert sei und wir uns entfernen sollen«, schildert der Student. Sein Vater sei der Aufforderung gefolgt. »Meine Eltern sind später noch mal zur Treppe gefahren, der Mann saß noch immer da.«

Seine Alarmglocken hätten nach dem Vorfall »bis zum Gehtnichtmehr geläutet«, er sei mit der Mutter am Folgetag zu Gericht gegangen. Das Ziel: Eine einstweilige Verfügung erwirken, damit sich der 63-Jährige Aylin künftig nicht mehr nähern darf. Die Sachbearbeiterin habe ihm jedoch klar gemacht, dass die Verfügung nicht viel helfe, da eben nicht klar sei, ob der Mann schuldfähig sei oder nicht. Dem 63-Jährigen könne nicht verboten werden, sich an der Treppe aufzuhalten. Der Rat der Rechtspflegerin: Das Mädchen solle einen Bogen um Treppe und Unterführung machen.

 

Kritik am Verhalten der Polizei

B. sagt: »Das ist sehr unbefriedigend, ich habe jedes Mal Angst, wenn sie da lang läuft. Das ist ihr Schulweg.« Und: »Wir sind hilflos.« Zwar glaube er nicht, dass der 63-Jährige Aylin bewusst aufgelauert habe, er wünsche sich aber dennoch, dass es bald zum Gerichtsurteil komme. »Wer weiß, wie lange es dauert, bis das Gutachten zur Schuldfähigkeit vorliegt.« Deniz B. übt zudem Kritik am Verhalten der Polizei: »Sie hätten mehr Verständnis, mehr Feingefühl zeigen müssen. Meiner Schwester und meinen Eltern ging es richtig schlecht, und die tun so, als wäre nichts passiert.«

Polizeisprecherin Sylvia Frech sagt: »Wir können nur machen, was rechtlich erlaubt ist.« Gerade für Eltern und Angehörige betroffener Kinder sei das nicht immer leicht zu verstehen. Im konkreten Fall sei eine sogenannte Gefährderansprache gehalten, dem 63-Jährigen deutlich gemacht worden, welche Folge sein Verhalten haben könne. Im schlimmsten Fall: eine Verhaftung. Zudem sei dem Mann ein Platzverweis erteilt worden. »Dieser kann nur kurzfristig ausgesprochen werden. Wir sind in dem Fall die Feuerwehr, alles weitere muss über das Gericht geklärt werden.

Infobox

Möglichkeiten des Gerichts

Über einen Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz kann ein Annäherungs- und Kontaktverbot erwirkt werden, erläutert Dr. Klaus Krämer, stellvertretender Direktor des Friedberger Amtsgerichts. Über die Anordnung entscheidet ein Familienrichter. Maßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz werden insbesondere in Stalking-Fällen erlassen. Zuwiderhandlungen haben Folgen. Krämer: »Von der Zahlung eines Ordnungsgeldes, ersatzweise Ordnungshaft bis hin zum Strafverfahren.« Die Anordnungen zeigten oft Wirkung. »Der Stalker merkt, es wird ernst.« Wenn nicht klar sei, wie es um den Geisteszustand eines Menschen bestellt sei, die Schuld- und Prozessfähigkeit erst gutachterlich geklärt werden müsse, mache ein Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz wenig Sinn. »Der Beschluss setzt voraus, dass er verstanden wird.« In Fällen von erheblicher Eigen- oder Fremdgefährdung könne eine Unterbringung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt durchgesetzt werden. »Dafür müssen aber gewichtige Anhaltspunkte vorliegen, schließlich handelt es sich um eine starke Beschneidung von Persönlichkeitsrechten.« (lk)

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