03. Juli 2019, 19:11 Uhr

Montesquieu und seine Klimatheorie

03. Juli 2019, 19:11 Uhr
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Aus der Redaktion
Michael Bernsen

»In den Hallen des Nachruhms hat er seinen festen Platz.« Dieser rühmende Nachruf auf den 1689 auf dem Familiensitz La Brède bei Bordeaux zur Welt gekommenen und 1755 in Paris gestorbenen Staatstheoretiker Charles Secondat de Montesquieu stammt aus der Feder eines der radikalsten Revolutionäre von 1789 - des Jakobiners Jean Paul Marat, der von der Royalistin Charlotte Corday in seiner Badewanne erstochen wird. Als enger Weggefährte Robespierres ist Marat für die Ermordung Tausender Menschen aller Bevölkerungsschichten mitverantwortlich.

Mit einem Zitat aus dieser Eloge des Revolutionärs auf den Anhänger der konstitutionellen Monarchie nach britischem Vorbild begann Prof. Michael Bernsens aufschlussreicher Vortrag über Montesquieu im Rahmen der »Philosophischen Reihe«. In all seiner Verblendung muss Marat offenbar noch begriffen haben, dass die Lehre von den drei unabhängigen politischen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative, welche Montesquieu in seinem 1748 in Genf veröffentlichten Klassiker »De l’Esprit des Loix« (Vom Geist der Gesetze) formuliert, einen Paradigmenwechsel in der Geschichte der Staatstheorie darstellt.

Zwar hatte , darauf wies Prof. Bernsen hin, der Engländer John Locke etwa 60 Jahre vor Montesquieu bereits von der Notwendigkeit zweier unabhängiger Gewalten im Staat - der gesetzgebenden und ausführenden - gesprochen. Aber was geschieht, wenn beide sich in einer Art Staatsstreich miteinander verbünden? Um dies zu verhindern, braucht es, so der Baron aus Bordeaux, eine unabhängige dritte - richterliche - Gewalt, die die Einhaltung der Gesetze kontrolliert. Diese heute so selbstverständlich klingende Idee ist Grundbestandteil aller modernen demokratischen Verfassungen rund um den Erdball. Dass Montesquieu zeitlebens entschiedener Anhänger einer konstitutionellen (im Unterschied zur absoluten) Monarchie blieb, steht nur scheinbar im Widerspruch zu dieser Lehre.

Mit seinem 1721 anonym in Amsterdam erschienenen Briefroman »Lettres persanes« (Persische Briefe) macht sich Montesquieu auch als Kultur- und Sozialkritiker einen Namen. Zwei fiktive persische Aristokraten bereisen Europa und sind entsetzt über die dort herrschenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. So heißt es beispielsweise über das Christentum im 29. Brief: »Du kannst sicher sein, dass es in keinem anderen Reich so viele Bürgerkriege gegeben hat wie in dem Reich Christi.«

Es verwundert nicht, dass dieser Roman selbst im vergleichsweise liberalen Holland kurz nach Erscheinen verboten wurde.

Dass Montesquieus Denken über den engeren staatstheoretischen Bereich weit hinausgeht, erhellt unter anderem aus seiner von Prof. Bernsen ausführlich vorgestellten Klimatheorie. Der Untertitel seines Hauptwerks »Vom Geist der Gesetze« weist die Richtung. Er lautet: »Über den Bezug, den die Gesetze zur Verfassung jeder Regierung, zu den Sitten, dem Klima, der Religion, dem Handel haben.« Im Unterschied zu reinen Theoretikern wie beispielsweise Descartes bezieht Montesquieu eine Vielzahl empirischer Fakten in seine Abhandlungen mit ein, in denen sie weit mehr als nur schmückendes Beiwerk sind. Auch wenn gerade seine Klimatheorie aus heutiger Sicht falsch oder zumindest fragwürdig ist - Montesquieu führt zum Beispiel die angebliche Trägheit und Faulheit der südasiatischen Völker auf das feuchtheiße Klima zurück -, beruht sie doch auf einem richtigen Ansatz: Gesetze schweben nicht in der dünnen Luft der Theorie, sondern sind Teil eines historisch gewordenen geographisch-politisch-kulturell-sozialen Kontextes. Nur vor diesem Hintergrund können sie verstanden werden. Und nur unter Berücksichtigung der empirischen Fakten erhält die theoretische Reflexion ihren Sinn.

Dem Vortrag schloss sich eine Gesprächsrunde an, in der es um Jean Paul Marats oben genanntes, schwer nachvollziehbares Lob Montesquieus ging. (Foto: gk)



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