28. Oktober 2019, 08:00 Uhr

Waffen

Mit der Waffe durch die Nacht: Aufrüstung in der Wetterau

Wenn es früher dunkel wird, dürfte bei so manchem das Unbehagen steigen. Marianne Ulrich, Inhaberin des Friedberger Waffengeschäftes Steinnökel, weiß, was sinnvoll ist zur Selbstverteidigung
28. Oktober 2019, 08:00 Uhr
Wer in der Lage sein will, sich selbst zu verteidigen, kann zwischen einigen Gegenständen wählen. (Foto: Nici Merz)

Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/16 in Köln rannten die Kunden Marianne Ulrich die Bude ein, kauften Pfefferspray in rauen Mengen. »Das Ganze ist doch wieder ein bisschen abgeflacht«, sagt die Inhaberin des Waffengeschäftes Steinnökel in der Friedberger Kaiserstraße. Allerdings reichen Meldungen von Schlägereien, Einbrüchen oder Belästigungen aus, um die Nachfrage zu steigern. »Auch vor Bahnfahrten haben die Leute Angst.« Wenn sich die Nachricht von einem Hund verbreite, der einen Menschen angefallen habe, sorge auch das für eine erhöhte Nachfrage, sagt Ulrich. Gegen Wildschwein-Attacken wollten die Leute ebenfalls gerüstet sein. Da allerdings bremst Marianne Ulrich die Erwartungen: »Wenn ein Wildschwein Junge hat, ist es dem auch egal, ob da Pfefferspray ist.«

Kubotan und Stroboskop

Ob Mensch oder Tier, das ist rechtlich ein Unterschied. Pfefferspray, das nur an Personen ab 18 Jahren verkauft werden darf, ist eigentlich zur Verteidigung gegen bissige Hunde gedacht, sagt Ulrich. Aber: »80 Prozent der Leute kaufen es für den Selbstschutz gegen Einbrecher und Überfälle oder so etwas.« Sehr oft kämen übrigens Jugendliche in ihr Geschäft und wollten Pfefferspray kaufen, müssten aber unverrichteter Dinge wieder gehen. Dennoch: Die Erwachsenen greifen fleißig zu, Pfefferspray ist der Renner. Es lähme Atemwege und Muskeln, sei effektiver als CS-Gas, sagt Ulrich. »Sie sind dann wirklich kampfunfähig.«

Ein anderes Hilfsmittel ist der Elektroschocker, im Fachjargon Paralyser, genannt, Wenn man damit jemanden berührt, bekommt der Kontrahent - je nach Gerät - einen Stromstoß von 200 000 beziehungsweise 500 000 Volt verpasst. Da ist erstmal zappenduster. Was auch für die drei Herren gegolten haben muss, von denen die Geschäftsinhaberin erzählt. Die Männer hatten sich in ihrem Laden heftig geschlagen. Ulrich ging dazwischen. Mit einem Paralyser. Die drei lagen einige Minuten auf dem Boden, bis sie sich wieder aufrappelten. »Die haben mit mir geschimpft, sag’ ich Ihnen.«

Wenn man Angst hat, dass einem das Gas vom Gegenwind ins Gesicht geblasen wird, und wenn man vorm Strom zu viel Respekt hat, dann gibt es noch den Kubotan. Er sieht fast aus wie ein Kugelschreiber, nur dass man mit dem Gerät auf Punkte am Körper seines Gegners drücken kann, um ihn außer Gefecht zu setzen. »Da gibt es viele viele Punkte«, sagt Ulrich.

Eine weitere Option ist das Stroboskop, das es in verschiedenen Lumen-Zahlen, also mit unterschiedlicher Lichtstärke gibt. Man kann das Stroboskop als Taschenlampe benutzen oder aber als Mittel der Verteidigung. Auf zwei oder drei Metern sei die Wirkung gegen den Angreifer heftig, sagt Ulrich »Der hat mindestens eine Stunde und länger damit zu tun.«

Von Messern rät die Expertin ab

Bei Gaspistolen wird es dann illegal, wenn etwas Festes rausgeschossen wird. Und wie sieht es mit einem Baseballschläger aus? Habe man ihn im Auto dabei, dann sei das strafbar, sagt Ulrich. Liege ein Ball daneben, sei das okay. Klar, ist ja dann ein Sportgerät. »Von Messern rate ich völlig ab«, sagt die Expertin. Das könne man zu leicht abgenommen bekommen, dann werde es gegen einen selbst gerichtet.

Mit dem Kauf ist es nicht getan, die Beratung ist ebenfalls wichtig - auch beim Pfefferspray. Marianne Ulrich empfiehlt ihren Kunden, im Falle eines Angriffs von oben nach unten zu sprühen. Wenn sich das Spray in der Kleidung festgesetzt habe, steige es wegen der Körperwärme wieder nach oben. Der Gegner sei dadurch länger geschwächt.

Neulich ist Ulrich selbst in ihrem Laden attackiert worden - mit Pfefferspray. Ein Mann hatte es gerade gekauft, sprühte sie an und sagte: »Jetzt weiß ich wenigstens, wie es funktioniert.« Ein Vorfall, mit dem die Inhaberin nicht rechnen konnte. Ansonsten aber schaut sie genau hin: »Ich mache schon Unterschiede, wem ich was verkaufe.«

Der Kleine Waffenschein

Wer den Kleinen Waffenschein besitzt, darf Reizstoff-, Schreckschuss- oder Signalwaffen auch außerhalb der eigenen Wohnung dabei haben. Wer ohne den Kleinen Waffenschein eine sogenannte PTB-Waffe mit sich führt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen »Voraussetzung für die Erteilung der Erlaubnis ist die Vollendung des 18. Lebensjahres, die Zuverlässigkeit des Antragstellers sowie eine ausreichende körperliche und geistige Eignung zum Führen dieser Waffen«, heißt es im Antragsformular. »Frei verkäufliche Pfeffersprays oder Elektroschocker kann man auch ohne Kleinen Waffenschein mitführen. Ob man bei deren Einsatz juristisch belangt werden kann, kommt letztlich immer auf den Einzelfall an. Grundsätzlich darf man sie - wie auch eine Schreckschuss-/Reizstoffwaffe - im Falle der Notwehr aber einsetzen«, heißt es vonseiten der Pressestelle des Wetteraukreises. Die Verwaltungsgebühr für die Erteilung des Kleinen Waffenscheins liegt bei 53 Euro, die alle drei Jahre nötige Regelüberprüfung kostet 35 Euro. Weitere Infos findet man unter www.wetteraukreis.de. Im Wetteraukreis besitzen nach Angaben der Kreis-Pressestelle etwa 3000 Menschen den Kleinen Waffenschein. Hingegen gebe es in der Wetterau nur sehr wenige Personen mit (großem) Waffenschein. Es handele sich um Mitarbeiter von Sicherheitsunternehmen, die unter anderem Geldtransporte fahren. »Hiermit darf man dann auch scharfe Schusswaffen führen.«

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