11. April 2019, 19:51 Uhr

Mit der Schreibmaschine um die Welt

11. April 2019, 19:51 Uhr
Schauspielerin Nicole Averkamp (l.) und Verlegerin Britta Jürgs erwecken das vergessene Werk bei »Friedberg lässt lesen« zum Leben. (Foto: gk)

»So will ich übern Erdball ziehn. Genießen froh und schauen; und, was mir Schönes ward verliehn, den Blättern hier vertrauen.« Mit diesen poetischen Zeilen beginnt Anna M. Karlins 1929 erschienener Bericht »Einsame Weltreise« – als erster Teil einer Trilogie (die beiden weiteren Bände folgen 1931/2), deren Thema ihre achtjährige Weltreise von 1919 bis 1927 in alle fünf Kontinente ist.

Später wird sie diese äußerst beschwerliche Expedition als »Reise ins eigene Ich« bezeichnen. Aber der Reihe nach. Die in Friedberg durch zahlreiche Lesungen bekannte Schauspielerin Nicole Averkamp und Britta Jürgs als Leiterin des Berliner AvivA Verlags beeindruckten bei »Friedberg lässt lesen« die zahlreich erschienenen Gäste mit ihrer Hommage an eine längst in Vergessenheit geratene Autorin.

Während Verlegerin Britta Jürgs mit Informationen zu Leben und Werk Alma M. Karlins für den nötigen zeithistorischen Hintergrund sorgte, las Nicole Averkamp ausgewählte Kapitel nicht nur aus der »Einsamen Weltreise«, sondern auch aus Karlins 1930 entstandener Autobiografie »Ein Mensch wird«. Mit der Erstveröffentlichung dieses bisher ungedruckt gebliebenen Werkes, das ihre ersten dreißig Lebensjahre von der Geburt 1889 bis zum Beginn der Weltreise 1919 umfasst, ist dem AvivA Verlag eine weitere Neuentdeckung gelungen.

Die halbseitig gelähmt, als Deutsche im damals zur Donaumonarchie gehörigen Slowenien zur Welt gekommene Alma überwindet diesen Geburtsfehler und geht 1908 zum Studium nach London. In mehreren Sprachen legt sie dort Prüfungen ab. 1914 muss sie England verlassen und verbringt die Kriegsjahre in Norwegen und Schweden. Besonders eindrucksvoll ist Karlins Schilderung des großen Krieges, den sie als apokalyptische Katastrophe und Weg in den »Untergang des Abendlands« wahrnimmt. Nach mehrmonatigen Vorbereitungen bricht sie schließlich am 24. November 1919 von Genua aus zu ihrer Weltreise auf. Sie wird die besuchten Länder – besonders beeindrucken sie Japan und China – »von unten« erleben. Das heißt, sie reist nicht mit gut gefülltem Geldbeutel, sondern verdient sich ihren Unterhalt selbst – neben vielem anderen mit Sprachunterricht, Arbeit als Dolmetscherin für deutsche Botschaften oder Reportagen für Zeitungen.

Übergriffige Männer

Der von menschenverachtendem Zynismus bis hin zu Witz und Selbstironie changierende Stil Karlins wird in Averkamps spannender Lesung zum ästhetischen Erlebnis. Almas lang ersehnte Reise wird häufig zur Qual. Als körperlich schwache Frau muss sich Karlin immer wieder gegen »übergriffige« Männer wehren – nicht selten mit Unterstützung einheimischer Geschlechtsgenossinen. Langes Warten auf Einreisevisa und notorischer Geldmangel sind ständige »Begleiter« dieser tour de force. Und doch gelingen der Autorin immer wieder wunderbar poetische, einfühlsame Beschreibungen des Gesehenen und Erlebten.

Nicht zuletzt deswegen ist die Lektüre von »Einsame Weltreise« und »Ein Mensch wird« ein großer Gewinn. Die lebendige, durch Empathie bestechende kommentierte Lesung Averkamps und Jürgs’ wird mit dankbarem Applaus quittiert.

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