Wetterau

Mit dem Taktstock durchs Leben

Nach 50 Jahren hat Helmut Haub als Dirigent des Gesangvereins Frohsinn Nieder-Mörlen aufgehört. Die WZ sprach mit dem 81-jährigen Nieder-Weiseler über den Wandel der Geschmäcker, die Zukunft des Chorgesangs und die stressige Zeit zwischen Mähdrescher und Taktstock.
28. August 2018, 19:57 Uhr
Hedwig Rohde
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Helmut Haub inmitten einiger seiner zahlreichen Erinnerungsstücke – darunter die Richard-Wagner-Büste, sein erster Dirigentenpreis. (Foto: doe)

Helmut Haub ist ein fröhlicher Mensch. Zumindest ist er stets zum Lächeln aufgelegt, und auch die Fotos in den Alben, die er vor sich auf dem Tisch im gemütlichen Wohnzimmer seines Hauses in Nieder-Weisel ausgebreitet hat, zeigen ihn häufig gut gelaunt. Das mag nicht verwundern, denn die Bilder dokumentieren vor allem Stationen seines Erfolges: Erste Plätze bei Chorwettbewerben, von denen es in den 70er und 80er Jahren etliche gab jedes Jahr, gelungene Jubiläumsfeiern, aber auch die geselligen Abschlüsse dieser Anlässe bei Wein und Bier.

»Geselligkeit wurde damals großgeschrieben«, erinnert sich Haub an die Hochzeit des neuzeitlichen Chorgesangs. Ihm selbst war die Liebe zur Musik in die Wiege gelegt. Sein Vater lebte ihm die Dirigententätigkeit vor, wenngleich auch in wesentlich geringerem Umfang, als er sie später ausüben sollte. Als Junge lernte Helmut Haub Posaune spielen, »mit dem Klavier hatte ich’s nicht so, obwohl das später ganz nützlich gewesen wäre beim Dirigieren«, sagt er mit nur leisem Bedauern. Zwei Enkelinnen üben jetzt auf den Tasten – mal sehen, was daraus wird.

Dirigent von acht Chören

Von seinem Vater übernahm Haub, der 1956/57 die Landwirtschaftsschule in Friedberg besucht hatte, den Hof in Nieder-Weisel. Kühe und Schweine waren zu versorgen, 22 Hektar Land zu bebauen. Zehn Jahre nach der Landwirtschaftsschule drückte er erneut die Schulbank, im Dr. Hochs Konservatorium in Frankfurt, wo er sich zum Chorleiter ausbilden ließ. Zwei Jahre zuvor hatte er die Leitung seines ersten Chores übernommen, der Eintracht Ober-Mörlen. Schon bald wurden es mehr, schließlich waren es acht, deren Probenstunden – oft bei zwei Chören an einem Tag – genau getaktet werden mussten.

Eine stressige Zeit für den Landwirt. »Anfangs haben wir noch mit Pferden auf dem Acker gearbeitet, dann hatten wir einen kleinen Mähdrescher. Tagsüber war ich auf dem Feld, abends ging es zur Singstunde. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe«, blickt Haub kopfschüttelnd zurück. Unerlässlich dabei die Mithilfe seiner Eltern, die ihm fast bis zuletzt die Versorgung der Tiere abnahmen. Im Laufe der Jahre verschoben sich die Gewichte. »Am Anfang war die Landwirtschaft mein Beruf und die Musik mein Hobby, später war es genau anders herum«, sagt Haub.

Mit 65 Jahren gab er die Landwirtschaft auf, widmete sich ausschließlich der Musik. Jetzt lässt er auch das langsam auslaufen. »Es sind ja nicht nur die Singstunden. Dazukommt das Vorbereiten, die Auswahl des Liedguts, das Fahren über Land bei jedem Wetter.« Die Harmonie Fauerbach und den Kirchenchor Großen-Linden wird Haub zunächst weiterdirigieren, alle anderen Chöre hat er abgegeben.

Viel hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten. Auf etwa 50 Prozent schätzt Haub den Mitgliederverlust der Chöre, passive Mitglieder gebe es fast keine mehr. Das begrenzt das Budget der Chöre weiter, und junge Chorleiter sind um einiges teurer, als es in seiner Zeit üblich gewesen ist. »700 Euro im Monat sind heute keine Seltenheit.« Auch die Geschmäcker haben sich verändert. Chorgesänge in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, deren Erprobung für die zahlreichen Wettbewerbe harte Arbeit gewesen ist, stünden kaum noch auf dem Plan, dementsprechend sei die Zahl der Wettbewerbe drastisch gesunken. Die Abwanderung zu Studium und Arbeitsplatz und das Auseinanderbrechen der tradierten dörflichen Strukturen täten ein Übriges. »Wenn man früher mit der Schule fertig war, ging man in die Feuerwehr, in den Gesangverein und in den Sportverein, das war so üblich.«

Bang um das Chorwesen an sich ist Haub trotzdem nicht. Überall entstünden neue Chöre mit anderen Konzepten, mit jungen Mitgliedern und frischen Liedern. Nicht mehr Leistung und Ehrgeiz stünden im Vordergrund, sondern Geselligkeit und der Spaß am Singen. Den Spaß hat Helmut Haub auch stets gehabt, davon zeugen die Fotos in den Alben und die Erinnerungen an Tausende Stunden fröhlicher und unbeschwerter Geselligkeit, von denen er mit einem Augenzwinkern erzählt.

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