23. April 2018, 08:00 Uhr

4000 Kilometer

Mit dem Rad auf die Route 66

»Ich wollte nie zu denen gehören, die sagen, hättest du damals mal gemacht«, sagt der 74-jährige Harry Jung. Er und der 71-jährige Heinz Gerd Büchel steigen morgen in den Flieger Richtung USA.
23. April 2018, 08:00 Uhr
100 Kilometer pro Tag – mit diesem Schnitt, plus minus 30 Kilometer, wollen Harry Jung (l.) und Heinz Gerd Büchel die Route 66 in 59 Tagen komplett abfahren – von Chicago nach Los Angeles. (Foto: Nici Merz)

Im Grunde sind sie recht entspannt. Es ist aufregend, das schon, und es wird auch nicht besser, je näher der Dienstag rückt, aber sobald Harry Jung und Heinz Gerd Büchel erst einmal im Flieger sitzen, dürfte es gehen. Seit einigen Tagen, erzählt Jung, wird er nachts wach, überlegt, ob er wirklich an alles gedacht hat. Werkzeug, Reisepass. Aber: Ist alles eingepackt. 15 Kilo pro Person, mehr wollen Harry Jung aus Steinfurth und Heinz Gerd Büchel aus Bad Nauheim nicht mitnehmen, wenn sie sich auf ihre 4000-Kilometer-Fahrradtour machen. Außerdem sind sie ja in den USA – was vergessen worden ist, lässt sich schon irgendwo auftreiben.

 

Ein Zelt für den Notfall

 

Gut, die Route 66, die die zwei für ihre Fahrradtour auserkoren haben, gehört längst nicht mehr zu den belebtesten Strecken des nordamerikanischen Kontinents. Der 74-jährige Harry Jung und der 71-jährige Heinz Gerd Büchel werden an vielen Geisterstädten und verwaisten Tankstellen vorbeikommen. »Wir haben für alle Fälle ein Zelt dabei«, sagt Büchel. Falls einmal viele Kilometer kein Motel in Reichweite sein sollte, muss auch das einmal gehen.

Wenn alle Stricke reißen, fahren wir eben mit der Eisenbahn

Harry Jung

Aber da sind die zwei nicht sehr wählerisch. Abenteuerurlaub eben, ein bisschen Risiko gehört dazu. Ähnlich halten sie es mit der Verpflegung: Irgendwas wird sich auf dem Weg schon finden, und wenn es ein Baguette von der Tankstelle ist. »Ab und zu werden wir abends auch mal in ein Restaurant gehen, aber wir sind keine Gourmets. Wir gucken einfach mal, was kommt.«

 

59 bis zum Heimflug

 

Knapp 4000 Kilometer liegen vor den zwei Wetterauern, wenn sie in Chicago landen. Dort, im Bundesstaat Illinois, beginnt die Route 66, führt, wie Büchel erzählt, durch drei Klimazonen und durch acht Staaten. 100 Kilometer pro Tag bei 15 bis 20 km/h – das ist der Plan. Wenn es mal 20 Kilometer weniger sind, auch okay, dafür wird dann an einem anderen Tag Gas gegeben. Die zwei wollen jedenfalls flexibel bleiben und haben Pufferzeiten eingeplant – 59 Tage haben sie, dann startet der Flieger nach Hause.

 

Zwischenstopp im Nirgendwo

 

Wegen eventueller Probleme auf der Fahrt machen sich die zwei keine Sorgen (»Wir hoffen einfach, dass wir nicht auf schießwütige Amerikaner treffen«) – beide sind erfahrene Radfahrer. »Ich fahre an die 12 000 Kilometer im Jahr«, schätzt Harry Jung. Ausgerüstet sind sie auch für alle Eventualitäten: Jeder Platten mitten im Nirgendwo kann geflickt werden; Ersatzschläuche sind ebenso im Gepäck wie Werkzeug.

Wir haben für alle Fälle ein Zelt dabei

Heinz Gerd Büchel

Dass die Räder allerdings Ärger machen, ist unwahrscheinlich – Harry Jung und Heinz Gerd Büchel nehmen ihre eigenen Tourenräder mit, die sie einen Abend vor Abflug aufgeben und die natürlich auf Vordermann gebracht sind. »Wenn alle Stricke reißen, fahren wir eben mit der Eisenbahn.«

 

 

»Habe ich an alles gedacht?«

 

Bis es morgen losgeht, wird wohl trotz aller Vorbereitung noch der ein oder andere »Habe ich an alles gedacht?«-Augenblick kommen. Aber selbst wenn nicht, das wichtigste sind ohnehin die Fahrräder – auch wenn der Klassiker eigentlich die Motorradtour ist. »Mit dem Fahrrad nimmst du die Landschaft viel intensiver wahr«, sagt Büchel. Und Jung ergänzt: »Das wollte ich schon als Achtjähriger machen« – damals las er das Buch »Ich radle um die Welt« von Heinz Helfgen – »seither ist die Idee wohl in meinem Kleinhirn verborgen.« Als dann vor drei Jahren ein Doku über die Route 66 im Fernsehen kam, war alles klar.

 

Ein Bier zum Abschluss

 

Der Mitfahrer Heinz Gerd Büchel, Tourenleiter beim ADFC, war sofort gefunden und begeistert (er hat bereits eine ähnliche Erfahrung in Kuba gemacht) – im November haben sie die Flüge gebucht. Für die Tour wünschen sie sich, dass sie auf ein paar Leute treffen, vielleicht andere Radfahrer, mit ihnen ins Gespräch kommen. Und wenn auch viele einsame Kilometer vor ihnen liegen, am Ende wird es noch einmal sehr lebhaft; die Route 66 endet auf dem Pier in Santa Monica/Los Angeles. »Da stoßen wir dann erst mal an.«

Info

Durch drei Klimazonen

Knapp 4000 Kilometer, drei Klimazonen, acht US-amerikanische Bundesstaaten – die Route 66 startet in Chicago und endet in Santa Monica. Eröffnet wurde die Straße 1926, damals war sie allerdings noch nicht komplett asphaltiert. Zu Ruhm gelangte sie erstmals dank Hollywood: 1941, in der Verfilmung des Romans »Früchte des Zorns« von John Steinbeck, macht sich Henry Fonda auf den Weg von Oklahoma nach Kalifornien – um der Dürre zu entfliehen. Im Laufe der Jahre verlor die einspurige, kurvenreiche Straße allerdings an Bedeutung, da sie dem Verkehr nicht mehr gerecht wurde – heute liegen daher Geisterstädte und einige verwaiste Tankstellen auf der Strecke.

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