28. September 2017, 20:10 Uhr

Miniröcke... ...und lästige Gammler

28. September 2017, 20:10 Uhr

Ein Blick auf Jahrzehnte, die aus heutiger Sicht so ganz anders erscheinen als die Zeit, in der wir leben. Ein Blick, der uns aber an der ein oder anderen Stelle verblüfft die Augenbrauen heben lässt: Mensch, das kommt mir doch sehr bekannt vor – uns einen Moment bei dem Gedanken verweilen lässt: Hat sich wirklich so viel verändert? Die Wetterauer Zeitung blättert in ihrem Archiv und dreht jeden Freitag die Zeit zurück, pickt abwechselnd auf, was die Menschen vor 50 und 60 Jahren so bewegte.

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Eine neue Sparte des Nachtlebens, zumindest des Nachtlebens von Butzbach: Ab sofort sprudelte die gute Laune in der »Discothek-Bar Oase«. Da die Betreiber für die Inneneinrichtung wahrscheinlich einiges investiert hatten, musste an irgendeiner Stelle gespart werden. Beispielsweise bei den Tonträgern. Deshalb: »Bitte bringen Sie Ihre eigenen Platten mit und spielen ½ Stunde Discjockey«. Außerdem sollte prämiert werden: die Trägerin des kürzesten Minirocks.

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Das wiederum hätte eine akute Gefahr darstellen können für jene Kasernierten, deren Triebe zwangsläufig limitiert waren. Deshalb hatte das Verbot auch nichts mit möglichen Vorurteilen gegenüber den Angehörigen einer bestimmten Nation zu tun: »Off limits – Verboten für alle US-Angehörige.« Womit wohl eher gemeint war, für alle Angehörigen der US-Army. Dasselbe Limit galt übrigens für ein Lokal, dessen Besuch sich nach dem Sichten des kürzesten Minirocks »anschließend« anbot, so jedenfalls die entsprechende Anzeige: »Delicado-Bar … Sex – Erotik … bei niedrigsten Preisen« und vermutlich hohem Triebstaub. Aber erneut: Off limits … wenn da der Trump schon hätte auftrumpfen können und diese Butzbacher Verbote mitbekommen hätte, da wäre mal schnell ein »Hurensohn« in Richtung der Betreiber herübergeschallt.

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Nicht ausdrücklich untersagt war der Besuch von US-Personal in der Friedberger Gaststätte »Zum alten Mühlrad« (»Ein Begriff für behagliche Gastlichkeit«), beim »Ball der bunten Blätter« im Kurhaus mit dem Tanzorchester Teddy Stauber und im evangelischen Gemeindehaus Gießen bei der Ausstellung »Protest des Gewissens zum Thema Reformation«. Veranstalter, die den Wert des Dollars zu schätzen wussten.

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Nicht zu schätzen wusste die Sangeskunst an sich ein ehemaliger Angehöriger der US-Armee, der während seiner Dienstzeit in Friedberg seine Frau kennengelernt hatte und nun vor dem Schöffengericht stand. Nach dem Besuch des Bad Nauheimer Schwimmbades hatte er »mehreren Gaststätten seine Reverenz« erwiesen und traf an der Promenade der Usa auf einen Mann, der sich »ohne festen Wohnsitz herumtrieb, was ihn aber nicht davon abgehalten hatte, einen auf die Lampe zu gießen«. Warum auch nicht? »Seiner glänzenden Stimmung gab er durch den lauthals geschmetterten Song vom wunderschönen Tag, der nie vergehen dürfe, Ausdruck. Damit schien der Amerikaner nicht einverstanden, denn ehe er sich versah, fing er sich einen zünftigen Kinnhaken ein, der ihn sofort verstummen ließ. Der Amerikaner setzte sich ab, um die Nacht in freiem Feld zu verbringen.« Nutzte nichts, er wurde gefasst und zu 1000 Mark Strafe verdonnert. »Amtsgerichtsrat Launhardt sagte, es habe sich bei der Tat um einen Überfall nach Art eines Wegelagerers gehandelt.« Aber, bitteschön, bloß ein Einzelfall. Sonst hätte es an der Usa-Promenade am Ende auch noch geheißen: Off limits!

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Willkommen waren die Amis bei »Friedbergs Fest des Jahres« – dem Herbstmarkt. Zumindest spielte vor »beifallfreudigen Zuhörern« die US-Army-Band Frankfurt auf. Neben dem üblichen Markttrubel hoben die Berichterstatter die Schau des 1. Kanarienzucht- und Vogelschutzvereins Friedberg im Hotel Trapp hervor. Unter der Vogelschar flatterten aufgeregt einige herausragende Exemplare in ihrem Bauer: »Ein farbenprächtig Glanzsittich war der Star.« Der Wert des Australiers wurde mit immerhin 500 Mark angegeben.

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Nicht weniger farbenprächtig ein weiterer Glanzpunkt des Marktes. Was heißt farbenprächtig? »Schockfarben herrschten vor.« Nicht bei den Vögeln, sondern bei der Modenschau des Bekleidungshauses P. Ruths unter dem Motto »Das Modekarussell dreht sich rundherum«. Begleitet von Karl Bayerl aus Wien an der Elektro-Orgel, zeigten Jutta und Margit, die Zwillingsschwestern Rena und Edda, die vollschlanke Mutti und die kleine Eike eine Auswahl des Bekleidungshauses. Folgt man den Namen, also Modelle aus der Umgebung und nicht etwa importiert aus Paris oder Mailand. Die Schockfarben? »Groß war die Auswahl an Hosenanzügen. Lila, Altrosa, Weiß und Maigrün waren die vorherrschenden Farben. Besonders beliebt sind Gelb und Braun in allen Schattierungen. Die viel umstrittene Rocklänge bleibt der Trägerin überlassen.« Mit anderen Worten: Keine Chance für Jutta, Margit, Rena, Edda und Mutti bei der Wahl zur Miss Mini. Dafür »noch eine Überraschung: Plötzlich stand Schlagersänger Teddy Parker auf der Bühne, der aus seinem Repertoire ›Rot ist der Wein‹, das ›Fiakerlied‹ und ein mexikanisches Lied ausgewählt hatte.«

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Hier Gesang auf die Fröhlichkeit, dort ein Abgesang auf eine Gruppe von Menschen, die nicht wenigen ein Dorn im Auge schien. Nein, nicht die Angehörigen der US-Army, sondern die Gammler. »Kein Wort mehr über sie. Man strafe sie einfach mit Verachtung. Und außerdem gibt es ja nichts Besonderes mehr über sie zu berichten. Es ist immer wieder dasselbe mit den schmuddeligen langhaarigen Individuen. Die Gammler-Epoche neigt sich ihrem Ende entgegen. Die Frage ist, ob das Herbstwetter oder die neuen Maßnahmen in Hannover und München den Sieg davontragen werden.« Maßnahmen? »Lästigen Gammlern lästig werden! Sie immer wieder von dort vertreiben, wo sie sich gerade aufhalten.«

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Noch einmal zurück in die Delicado-Bar, i wo – hinein in die heimischen Kinos. »00 Sex am Wolfgangsee« (Also keiner oder ein Film über einen Toiletten-Fetisch? – gegen beide Annahmen spricht, dass Hans-Jürgen Bäumler mitspielte) und »Pfeifen, Betten, Turteltauben« (»Drei freche Episoden mit Vivi Bach und Walter Giller« über die Verträglichkeit von Liebe und Tabak – sprich: Über die Zigarette danach). Andreas Matlé

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