19. Januar 2019, 08:00 Uhr

Vergiftetes Klima

Mehrfamilienhaus: Angst vor dem Messer im Rücken

Die fünf Parteien, die sich die Villa in Bad Nauheim teilen, könnten harmonisch zusammenleben. Doch die Realität sieht anders aus. Etliche Sachbeschädigungen sorgen für ein Klima der Angst.
19. Januar 2019, 08:00 Uhr
Sechs Autoreifen und etliche Fahrradreifen hat der Täter vor dem betroffenen Wohngebäude bereits aufgeschlitzt. Es gibt einen verdächtigen Mieter, der Polizei fehlen aber Beweise. (Symbolfoto: Nici Merz)

Alles hat 2017 begonnen, erzählt Sigrid Bracht (Name geändert), die mit ihrer kleinen Tochter seit sechs Jahren in einer Eigentumswohnung im Zentrum von Bad Nauheim lebt. Fünf Parteien wohnen in dem Gebäude, teilweise als Mieter. 2017 wurden die ersten Reifen von Rädern aufgeschlitzt, die am Eingang abgestellt waren.

Nach Angaben von Sigrid Bracht sollen im Lauf der Zeit Fahrräder von vier Bewohnern beschädigt worden sein. Zunächst konnten sich die Betroffenen keinen rechten Reim darauf machen. Zwar hatten sich die Mieter der Erdgeschoss-Wohnung über die Räder-Ansammlung beschwert, doch würden sie zu solch radikalen Mitteln greifen?

Keiner traute dem anderen mehr

Als nicht nur Räder traktiert, sondern auch auf dem Dachboden abgestellte Sessel mit einem Messer zerfetzt wurden, war klar: Der Randalierer muss in der Villa wohnen oder problemlosen Zugang haben. »Alle waren verzweifelt. Keiner traute dem andern mehr, es wurde nicht mehr miteinander geredet«, blickt die Bewohnerin zurück.

2018 kam es zur Eskalation. Im Sommer erneut aufgeschlitzte Fahrradreifen, im Dezember eine Steigerung. »Am 13. Dezember wollte ich abends weggehen, hatte aber was zu Hause vergessen. Als ich zurückkam, machte sich ein Mann mit Messer gerade an einem Rad zu schaffen«, berichtet Sigrid Bracht. Sie ist sich sicher, den Bewohner der Erdgeschoss-Wohnung erkannt zu haben.

Mit Pfefferspray in die Waschküche

Die Frau verständigte die Polizei, die das Gespräch mit dem Verdächtigen suchte. Der Schuss ging nach hinten los: Zwei Tage später waren zwei Reifen am Auto von Sigrid Bracht platt. Der Messerstecher hatte ganze Arbeit geleistet. Wieder nahm eine Streife den Fall auf. Beim Täter führte das Auftreten der Ordnungsmacht nicht zum Umdenken, im Gegenteil. »In der Silvesternacht stach er erneut zu. Diesmal waren alle vier Reifen meines Wagens platt. Kein anderes Auto in der Straße war beschädigt«, sagt die Frau.

Erneut kontaktierte die Polizeistreife den Mann im Erdgeschoss. Eine Handhabe, um gegen ihn vorzugehen, gibt es allerdings nicht. »Es existieren keine wirklichen Beweise. Wir können nicht mal eine Gefährderansprache machen«, sagt Polizeisprecherin Sylvia Frech. Der Beschuldigte streite alles ab, denke über eine Anzeige wegen Verleumdung nach. Frech zufolge steht Aussage gegen Aussage, das gilt auch für den Abend des 13. Dezember, als der Messerstecher in flagranti erwischt worden sein soll.

Auto in Sicherheit gebracht

Die Bewohner, die Ziel der Angriffe geworden sind, haben Konsequenzen gezogen. Nachdem Räder etwa zehn Mal malträtiert worden waren, steht heute keines mehr vor dem Haus. Sigrid Bracht hat zudem ihr Auto in Sicherheit gebracht, was einiges kostet. Für die Reparatur der Räder von Mutter und Tochter sowie die Anschaffung neuer Autoreifen hat sie bereits etwa 3000 Euro bezahlt. Hinzu kommen Gebühren für einen Anwalt.

Polizeisprecherin Frech bescheinigt ihr, mit Anzeige und Eigentumssicherung alles richtig gemacht zu haben. Andere Hausbewohner hätten sich bislang nicht an die Polizei gewandt. Sie wurden von Sigrid Bracht allerdings als Zeugen benannt. »Es handelt sich in erster Linie um einen Konflikt, den die Hausgemeinschaft lösen muss«, meint Frech.

Hoffnung auf weitere Zeugen

Die Hauptbetroffene hat sich an den Hausverwalter gewandt. Sein Vorschlag, Außenbereich und Gemeinschaftsräume wie Speicher und Waschküche per Videoanlage zu überwachen, kann aber nicht umgesetzt werden. Dazu müssten alle Bewohner Ja sagen, laut Bracht hat ein Mieter die Zustimmung verweigert. Sie hat ihren Kellerraum verschlossen und eine Kamera installiert.

So langsam ist Sigrid Bracht mit den Nerven am Ende, will sich allerdings nicht aus ihrer eigenen Wohnung vertreiben lassen. Sie fürchtet eine weitere Zuspitzung. »Demnächst habe ich vielleicht ein Messer im Rücken«, schildert die Frau ihre Ängste. Beim Gang in die Waschküche führt sie Pfefferspray mit sich.

Sie hofft nach wie vor auf eine Lösung mithilfe der Polizei, zumal auch zwei Kinder in der Villa leben. Damit die Ermittler Beweise an die Hand bekommen, sollten sich Passanten melden, die den Reifenschlitzer beobachtet haben.

 

Info

Was ist die Gefährderansprache?

Sigrid Bracht, die sich am meisten von dem mit einem Messer bewaffneten Randalierer bedroht fühlt, würde sich von der Polizei eine Gefährderansprache wünschen. Adressat soll der Mann in der Erdgeschosswohnung sein. Selbst dafür fehlt nach Aussage von Polizeisprecherin Sylvia Frech allerdings die Grundlage in Form von Beweisen. Überhaupt ist die Gefährderansprache ein schwer zu definierendes Präventionsinstrument. Eine Gesetzesregelung gibt es dafür nach Polizeiangaben nicht. Jede Polizeidirektion muss selbst entscheiden, wann es zum Einsatz kommt. Durch die individuelle Ansprache einer Person, bei der zwei Polizeibeamte anwesend sein müssen, soll das Verhalten des Verdächtigen beeinflusst werden. »Es handelt sich um eine ganz klare Darstellung von Straftaten und den Folgen für den Täter«, sagt Frech. Mit Gefährderansprachen, die unmittelbar nach einer Tat erfolgen und protokolliert werden, sollen v. a. schwierigen Jugendlichen Grenzen gesetzt werden. Die Polizei macht deutlich, dass ein Fall registriert und ernst genommen wird. Der Kontakt mit einem Beschuldigten kann unangekündigt in dessen Wohnung aufgenommen werden, er kann aber auch ins Polizeirevier bestellt werden. (bk)

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