06. April 2018, 05:00 Uhr

Krankheit nimmt zu

Mediziner: Diabetes ist kein gottgegebenes Schicksal

Professor Andreas Hamann spricht im Interview über Ansätze zur Vermeidung von Diabetes und erklärt, warum es immer mehr Menschen gibt, die unter der Krankheit leiden.
06. April 2018, 05:00 Uhr
Professor Andreas Hamann ist Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe mit Praxen in Bad Nauheim und Bad Homburg.

Laut Statistik nimmt die Zahl der Diabetiker weltweit stetig zu. Warum?

Prof. Andreas Hamann : Über 90 Prozent der Menschen mit Diabetes sind vom Typ 2 betroffen. Für dessen Entstehung sind erbliche Veranlagung, Übergewicht und Alter von entscheidender Bedeutung. Die Zunahme der Erkrankung hat also zum einen mit Fehlernährung und Bewegungsmangel zu tun, zum anderen mit der Tatsache, dass wir erfreulicherweise immer älter werden. Außerdem wird Diabetes dank besserer Früherkennung häufiger diagnostiziert.

Welche Symptome gibt es? Wann sollten die Alarmglocken schrillen?

Hamann: Das Typische am Typ-2-Diabetes ist, dass es zunächst keine typischen Symptome gibt. Die Erkrankung beginnt schleichend, und ein nur mäßig erhöhter Blutzucker verursacht keine Schmerzen oder sonstigen Beschwerden. Erst bei stark erhöhten Werten merken Betroffene vermehrten Harndrang, ausgelöst durch mehr Zucker im Urin, dann auch oft einhergehend mit Durst, Gewichtsabnahme und Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Sind Diabetiker heute noch stark in ihrer Lebensführung beeinträchtigt?

Hamann: Die Therapie hat sich stark verändert. Es stehen etliche neue Medikamente zur Verfügung, mit denen sie individueller gestaltet werden kann und deutlich nebenwirkungsärmer verläuft. Auch die Insulintherapie, die für viele Patienten einen entscheidenden Einschnitt im Verlauf der Erkrankung bedeutet, ist komfortabler geworden. Und es gibt tolle Fortschritte in der Technologie der Blutzuckermessung. Viele Patienten stechen sich dafür nicht mehr in den Finger, sondern scannen ihre Werte mit Hilfe eines Geräts am Oberarm oder tragen ein Gerät zur kontinuierlichen Zuckermessung, das bei zu tiefen oder zu hohen Werten Alarm gibt.

+++Lesen Sie auch: Marlies Schulze aus Niddatal hat Diabetes. Die Krankheit platzte in ihr Leben, Stunden bevor ihr Kind zur Welt kommen sollte.

Was passiert im Körper, wenn man Diabetes hat?

Hamann: Ein über viele Jahre nicht gut behandelter oder gar unerkannter Diabetes schädigt die Gefäße im gesamten Körper – von den ganz kleinen bis zu den ganz großen. Das tritt aber zumeist erst nach mehr als fünf Jahren Diabetesdauer auf. Akute und schwere Entgleisungen, bei denen ein massiv erhöhter Blutzuckerspiegel den gesamten Stoffwechsel durcheinanderbringt und zu lebensbedrohlichen Situationen führen kann, gibt es viel seltener als früher. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Patienten geschult sind und wissen, wie sie mit ihrer Krankheit umzugehen haben.

Welche Begleiterkrankungen sind typisch?

Hamann: Typische Folgeschäden finden sich an Augen, Nerven und Nieren. Diabetes ist eine wichtige Ursache, warum Menschen erblinden oder an die Dialyse müssen. Diabetes geht mit stark erhöhtem Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Gefäßkrankheiten einher. Das ist aber kein gottgegebenes Schicksal, sondern kann durch gute Therapie verhindert werden.

Auf was sollten Diabetiker achten?

Hamann: Patienten sollten an einer strukturierten Schulung teilnehmen. Ich empfehle auch die Einschreibung in ein Chronikerprogramm, das vierteljährliche Kontrolluntersuchungen und bei Bedarf Anpassungen der Therapie vorsieht. Patienten und betreuende Ärzte sollten zudem nicht nur auf den Diabetes schauen: Zur Senkung des erhöhten Gefäßrisikos sind die Behandlung von Bluthochdruck und erhöhtem Cholesterin genauso wichtig.

Wie lässt sich Diabetes vermeiden?

Hamann: Aufgrund der Bedeutung der Vererbung ist es für jeden – insbesondere für übergewichtige Menschen – wichtig zu wissen, ob bei Eltern oder Großeltern ein Typ-2-Diabetes vorhanden ist oder war. Damit steigt das eigene Risiko der Erkrankung. Auch Frauen, die vorübergehend einen Schwangerschaftsdiabetes hatten, besitzen ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. An einer erblichen Veranlagung für Diabetes kann man nichts ändern. Am eigenen Lebensstil schon. Er ist die einzige Schraube, an der man drehen kann. Man muss auf ausreichend Bewegung und das Gewicht achten, eventuell vorhandenes Übergewicht zumindest ein wenig reduzieren, sich ausgewogen ernähren. Und man sollte ab und zu den Nüchternblutzucker prüfen lassen. (lk/Foto: pv)

Info

Mehrfach ausgezeichneter Experte

Professor Andreas Hamann ist Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe mit Praxen in Bad Nauheim und Bad Homburg. Hamann, Chefarzt in den Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg, wurde mehrfach als einer der führenden Diabetologen Deutschlands ausgezeichnet. Bis vor wenigen Jahren war er Chefarzt in der Bad Nauheimer Diabetes Klinik. (lk)

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