29. November 2017, 10:13 Uhr

Sterbebegleitung

Marion Osenberg ist bis zum letzten Atemzug dabei

Marion Osenberg hat schon viele Menschen sterben sehen. Sie hat mit ihnen gesprochen, die Hand gehalten oder einfach nur am Bett gesessen – bis zum letzten Atemzug. Sterbebegleitung ist hart.
29. November 2017, 10:13 Uhr
Marion Osenberg leistet etwas, zu dem sich die meisten Menschen wohl nicht in der Lage sehen: Sie begleitet Menschen beim Sterben. Ehrenamtlich, seit 17 Jahren. (Foto: sk)

»Sterben gehört zum Leben«, sagt die 62-jährige Marion Osenberg aus Ober-Mörlen. Da gilt: Das Beste daraus zu machen; dafür engagiert sie sich seit über 17 Jahren. Ehrenamtlich. Warum tut sie sich das an?

Der Tod. Ein Thema, das gerne verdrängt wird. Das hat zur Folge, dass wir meist nicht vorbereitet sind. Verzweifelt, ängstlich, traurig, ratlos – eine Extremsituation, für den der stirbt und für die, die bleiben. Damit niemand in dieser Lage hilflos ist, gibt es Mitmenschen, die Unterstützung anbieten. Marion Osenberg vom Hospizdienst Wetterau ist dieser Tage für ihr Engagement als »Alltagsheldin« von der Sparkasse Oberhessen mit dem Deutschen Bürgerpreis ausgezeichnet worden.

 

Wie hält man das aus?

 

Wie hält man das aus, ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein, mit Trauer und Schmerz? »Es waren schwere Begleitungen dabei. Aber ich weiß, ich bin nicht alleine. Die Familie hat Verständnis, mein Mann unterstützt mich sehr. Auch die monatlichen Treffen der Helfer, der Austausch, hilft«, sagt Marion Osenberg.

Mein Vater ist in meinem Beisein gestorben. Krebs. Da habe ich bemerkt, dass ich das aushalten kann

Marion Osenberg

Sie selbst ist früh mit Tod konfrontiert worden. Ein halbes Jahr war sie verheiratet, 21 Jahre jung, als ihr Mann bei einer Kanufahrt auf dem Bodensee kentert und ertrinkt. Die Leiche wird nie gefunden. »Deshalb konnte ich nie richtig Abschied nehmen.« Einschneidend auch der Tod ihres Vaters im Dezember 1989. Krebs. »Ich habe die letzte Nacht bei ihm verbracht. Er ist in meinem Beisein gestorben«, erinnert sie sich. »Da habe ich bemerkt, dass ich das aushalten kann.« 1999 erfährt sie aus der Wetterauer Zeitung von einem Seminar über Sterbebegleitung. »Ich dachte, das versuche ich mal.« Das war der Einstieg.

 

Empathie und Faktenwissen

 

Marion Osenberg weiß nicht, wie viele Menschen sie in all den Jahren beim Sterben begleitet hat. Es waren viele. Junge, Alte, Männer, Frauen. So verschieden wie die Menschen sind, so individuell das Sterben. Was sie häufig erlebt hat: Während die Sterbenden ihren Tod akzeptieren, können die Angehörigen nicht loslassen. Wenn bei einem älteren Ehepaar einer stirbt, dann wird das Alleinsein Fakt sein. Das kann und will Marion Osenberg nicht schönreden. »Aber ich kann Verständnis zeigen, da sein.«

Die Aufgabe des Hospizdienstes ist es nicht, Leben zu verlängern, sondern die Qualität zu verbessern. »Wir fragen uns, wie kann er eine möglichst gute Zeit haben«, sagt Marion Osenberg. Dazu gehört auch, Palliativ-Medizin zu vermitteln. Wenn nötig auch nachts. Sie ist überzeugt: »Tod muss nicht mehr sehr schmerzhaft sein.« Dadurch, dass der Schmerz nicht im Mittelpunkt stünde, verändere sich auch das Sterben und das Abschiednehmen.

 

Nicht nur traurige Momente

 

Das Sterben habe nicht nur traurige Momente, sagt Marion Osenberg. »Es wird auch gelacht.« Auch ist der Tod nicht permanent Thema. Sie erinnert sich an einen alten Mann. Er habe gesagt, ich weiß doch, dass ich sterben werde. Erzählen sie mir lieber, was in Bad Nauheim passiert. Oft würde sie mit den Menschen auch über das Schöne reden. Erinnerungen an glückliche Momente. Dennoch: »Wir weichen dem Thema Sterben nicht aus.«

Der Sterbebegleiter will nicht im Mittelpunkt stehen. Begleiten, nicht leiten. Das Sterben ist meist ein stiller Moment. Ein besonderer sowieso. »Ich empfinde oft eine Dankbarkeit, dass ich dabei sein kann«, sagt Marion Osenberg. Ihre Aufgabe sieht sie auch darin, »Ruhe reinzubringen«.

Wenn der Sterbende es wünscht, halte ich seine Hand. Aber meine Hand liegt immer unten, damit er seine wegziehen kann

Marion Osenberg

Es geht bei der Sterbebegleitung aber auch schlicht um Faktenwissen. Was ist wann zu tun? »Nicht sofort nach dem Tod den Arzt anrufen ist ein Punkt«, sagt Marion Osenberg. »Der Arzt darf die Leichenschau sowieso erst zwei Stunden nach dem Tod durchführen.« Deshalb kann auch der Bestatter zunächst nichts unternehmen. Bis zu 72 Stunden darf der Tote in seiner Umgebung bleiben. Zeit für die Angehörigen, um in Ruhe Abschied zu nehmen. Marion Osenberg versucht in dieser Phase, die Angehörigen zu beruhigen. »Nach einer Zeit entspannen sich die Gesichtszüge des Verstorbenen. Er sieht entspannt und friedlich aus. Das zu sehen ist wichtig für die Angehörigen.«

Und ihr eigener Tod? »Ich möchte am liebsten zu Hause sterben. Ich würde mir wünschen, dass Familie und Freunde den Mut haben, an mein Sterbebett zu kommen und sich zu verabschieden.«

Info

Hospizdienst Wetterau

Der Hospizdienst bietet neben der palliativen Beratung und Sterbebegleitung auch Trauerbegleitung an. Ebenso beraten die Mitarbeiter zum Thema Patientenverfügung oder organisieren Themenabende. Gemeinsam mit der Hospizhilfe Wetterau wird an jedem ersten Sonntag im Monat das Trauercafé für Angehörige in den Räumen des Erasmus-Alberus-Hauses in Friedberg angeboten. In einem geschützten Rahmen können Trauernde untereinander ins Gespräch kommen. Ein interessantes Angebot gibt es auch für Grundschulen: In dem Projekt »Hospiz macht Schule« wird das Leben und das Sterben thematisiert. Infos unter www.hospizdienst-wetterau.de oder über Tel. 0 60 32/92 75 68. (cor)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Angehörige
  • Betten
  • Leichenschauen
  • Sparkasse Oberhessen
  • Wetteraukreis
  • Siegfried Klingelhöfer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos