16. April 2019, 19:21 Uhr

Männer unter sich

16. April 2019, 19:21 Uhr
JKÖ
Die finalen Vorbereitungen für die Wanderung in der Nacht auf Karfreitag laufen: Organisator Reiner Neidhart hat in den »Sehnsuchtsheften«, die entlang der sieben Stationen Denkanstöße liefern werden, Texte herausgesucht. (Foto: Jana Kötter)

In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag wandern etwa zwei Dutzend Männer durch die Wetterau. Der Karbener Mitorganisator und Koch Reiner Neidhart spricht im Interview mit unserer Mitarbeiterin Jana Kötter über einen ganz besonderen Marsch, Stammtischgespräche – und männliche Sehnsüchte.

Herr Neidhart, wir kennen Sie als Spitzenkoch mit eigenem Restaurant in Karben. Was viele nicht wissen: Seit rund zehn Jahren organisieren Sie für die katholische Kirche eine Männerwanderung durch die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Warum nehmen Sie sich dafür die Zeit?

Reiner Neidhardt : Weil ich es wichtig finde, außerhalb des Jobs noch eine Quelle zu haben. Natürlich haben wir im Berufsleben alle viel um die Ohren, Zeit ist knapp – und umso mehr braucht jeder eine solche Quelle: einen Ort der Erfrischung, Stärkung, auch des Zusammenkommens.

Stichwort Zusammenkommen: Durch die Nacht wandern Sie mit rund zwei Dutzend Männern. Was ist die Idee dahinter?

Neidhardt: Die Wanderung hat zunächst einmal einen religiösen Hintergrund: Jesus war in der Nacht allein mit seinen schlafenden Jüngern. Das ist die Grundidee. Wir schaffen einen Ort des Insichkehrens, des Alleinseins – aber wenn Redebedarf herrscht, sind da – wie die Jünger – Männer um einen rum. Mir ist aber auch wichtig, einen Ort zu schaffen, an dem sich Männer offen begegnen können. Wenn sich Männer treffen, muss das nicht immer etwas mit Saufen zu tun haben. Unter uns dürfen wir mal sein, wie wir sind – die harte Schale kann daheimbleiben.

Welche Themen kommen dann ans Tageslicht?

Neidhardt: Das sind Gespräche ganz unterschiedlicher Natur. Natürlich reden wir auch über den Alltag – oft kommen in diesem geschützten Raum aber auch ganz private Themen zum Vorschein, einmal sind etwa aus Angst um die Gesundheit der eigenen Frau viele Tränen geflossen. Da kommen mitunter auch Themen auf, über die die Männer nicht einmal mit ihren Frauen reden.

Inwiefern hilft dabei der besondere Rahmen der Wanderung?

Neidhardt: Wir laufen ja durch die Nacht, also durch das Dunkle. Dabei verzichten wir auch bewusst auf Licht – es gibt vorne eine Laterne und hinten, Taschenlampen sind untersagt. Es ist auch diese Anonymität, egal ob die tatsächliche oder die gefühlte, die hilft, ins Gespräch zu kommen und in sich zu gehen.

Was nehmen die Teilnehmer für ihren Alltag mit?

Neidhardt: Neue Perspektiven. Wir geben während der Wanderung gezielt Impulse – und achten dabei auch darauf, dass Denkanstöße für den Alltag dabei sind. So geben wir jedes Jahr ein Thema vor, in diesem Jahr lautet es »Sehnsüchte«. Welche Sehnsüchte hat der Mann? Wir wollen etwa auch mal schwach sein, unsere Wünsche äußern. Diese Gedanken und Anregungen nimmt jeder mit heim.

Warum ist dabei wichtig, dass Sie als Männer unter sich sind?

Neidhardt: Dadurch entsteht eine ganz andere Dynamik. Das kennt doch jeder aus der eigenen Erfahrung: Am Stammtisch, an dem Männer unter sich sind, wird ganz anders geredet als in einer gemischten Gruppe. Das ist bei Frauen doch genauso: Was glauben Sie, welche Gespräche ich hier im Restaurant mitunter mitbekomme? Dabei geht es gar nicht um eine negative Art, über das andere Geschlecht zu reden – es ist einfach eine andere Sprache.

Geht es dabei auch um Scham?

Neidhardt: Vielleicht, ja. Während der sieben Stationen der Wanderung (siehe Infokasten ) beten und singen wir auch zusammen – ganz egal, wie schräg das vielleicht klingt. Das wäre mit einer anwesenden Frau ganz anders, durchaus schambehafteter.

…und was hätten Sie gemacht, wenn ich als Journalistin darauf bestanden hätte, für eine Berichterstattung mitzulaufen?

Neidhardt: Diese Situation hatten wir vor einigen Jahren mit einer Kollegin. Und was soll ich sagen? Sie hat einen guten Job gemacht, und doch hat sie schnell selbst gemerkt, dass das irgendwie eine unangenehme Situation war. Die Männer wollten das nicht. Sie ist dann auch nicht lang mitgelaufen (lacht). Das hat aber nicht nur mit dem Geschlecht zu tun: Einmal wollte der hessische Rundfunk mit und fing an, Flutlicht für die richtigen Videoaufnahmen aufzubauen. Das ging gar nicht! Die Männer wollen einen geschützten Raum, und den bekommen sie bei uns.

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