Wetterau

Liebhaber bleiben Quelle treu

Ist es gesundheitlich unbedenklich, an der Schwalheimer Löwenquelle Trinkwasser abzuzapfen, wie es Bürger aus der Umgebung seit Jahrhunderten tun?
02. Februar 2017, 20:00 Uhr
Bernd Klühs
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Ah, wie gut! Reinhard Ditschler ist ein Fan der Löwenquelle. Von den Warnhinweisen lässt er sich nicht abschrecken. (Fotos: Nici Merz)

Am Rad von Reinhard Ditschler hängt ein Anhänger. Damit transportiert er einen Kasten mit Wasserflaschen, die alle ein rötlich-braune Färbung angenommen haben. Regelmäßig steuert der 57-jährige Frührentner aus Dorheim das idyllisch gelegene Schwalheimer Sauerbrunnen-Gelände an, um an der Löwenquelle Wasser abzuzapfen. Ditschler, der passenderweise in der Dorheimer Brunnenstraße geboren wurde, ist ein Liebhaber der Heilquelle: »Im Sommer trinke ich bis fünf Liter am Tag – und bin weiter gesund.« Seit gut 50 Jahren verwendet er die Flüssigkeit als Trinkwasser, lässt sich von dem Aushang nicht abschrecken, der seit einem Jahr an den Hähnen hängt. Während es früher keine Beschränkung gab, was die Tagesmenge angeht, weist die Stadt seit Januar 2016 darauf hin, dass es sich nicht um Trinkwasser handelt, sondern um ein Heilmittel. Auf ärztliche Anordnung sollen höchstens 200 Milliliter pro Tag getrunken werden. Ein Grund: Der Arsengehalt (0,028 Milligramm/Liter) übersteigt den Grenzwert der Trinkwasserverordnung (0,01 mg/l), die für eine Heilquelle allerdings nicht gilt.

Reinhard Ditschler lässt das kalt, manche Besucher ließen sich von den Angaben aber abschrecken, gerade vom Wort Arsen. Der 57-Jährige hat sich schon als Kind mit seinen Freunden ständig an der Quelle rumgetrieben und das Wasser getrunken. Auch seine Mutter war ein Fan. »Ich kenne einen, der kommt mit einem 50-Liter-Kanister an, den er voll kaum schleppen kann. Manche kochen sogar mit dem Wasser.« Der Dorheimer trinkt ausschließlich Löwenquelle, außer abends, wenn er sich ein Bierchen gönnt.

Apropos Bier: Ortsvorsteher Klaus »Mausi« Englert (»Wir sind stolz auf unser Wasser«) erzählt von einem Schwalheimer, der seinen Gerstensaft mit der Löwenquelle braut. Es sei sehr schmackhaft. »Auswärtige fahren etliche Kilometer hierher, nur um Flaschen zu füllen«, sagt Englert. Das Wasser werde einmal pro Jahr analysiert, 2016 sei plötzlich vom täglichen Genuss abgeraten worden. Gerade hat die Stadt neue Ergebnisse erhalten, die noch nicht ausgehängt wurden. Der Ortsvorsteher ist kein Freund des Löwenquelle-Wassers, das stark nach Metall schmeckt. Er bevorzugt den Sauerbrunnen, mit dessen Wasser er Apfelwein spritzt.

Es ist erstaunlich, wie beliebt die seit 1900 staatlich anerkannte Heilquelle nach wie vor ist – trotz der städtischen Anordnung. Beim kurzen WZ-Ortstermin an einem verregneten Montagvormittag schauen weitere Liebhaber vorbei. Ein 86-jähriger Mann aus Rödgen trinkt das Wasser in Absprache mit seinem Arzt. »Ich habe Schilddrüsenprobleme. Weil ich das Wasser trinke, muss ich keine Tabletten nehmen. Fremde halten es dagegen für gefährlich.« Seine Oma habe das Wasser selbst für Kaffee benutzt. Ein älteres Ehepaar aus Schwalheim genießt das Mineralwasser seit etlichen Jahrzehnten. »Ich trinke einen Liter täglich und lebe immer noch«, sagt die Frau lächelnd.

Die Stadt rät davon aufgrund der Analyseresultate ab. »Den Richtlinien entsprechend musste das Informationsblatt im vergangenen Jahr um den Punkt maximale Tagesdosis und einen pharmakologischen Warnhinweis erweitert werden«, schreibt die Verwaltung. Gegen den Gebrauch des »natürlichen Arzneimittels« als Trinkwasser soll aber offenbar nichts unternommen werden. An Gerüchten von einer Sperrung der Quelle ist nichts dran. Auch Badeärztin Beate Vogtherr will den Schwalheimern ihr Wasser nicht madig machen. Wer organisch gesund sei, könne ohne Bedenken ein bis zwei Liter pro Tag zu sich nehmen.

Das Wasser der Löwenquelle, das nicht getrunken wird, fließt übrigens in die Wetter. Trotz des Arsengehalts ist im Gegensatz zur Bad Nauheimer Sole allerdings keine Entarsenisierung notwendig.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Liebhaber-bleiben-Quelle-treu;art472,204443

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