Wetterau

Lesen, lesen, überleben

Ein Klick ist schnell getätigt. Zack, liegt das Buch im elektronischen Warenkorb. Aber es gibt doch auch die Buchhändler in der Wetterau, diese besondere Atmosphäre beim Stöbern, die persönliche Beratung. Diese Buchhandlungen sind der David, der gegen den Goliath aus dem Netz bestehen will. Aber wie?
02. Januar 2019, 20:36 Uhr
AAF
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Auch Kirsten Rühs von der gleichnamigen Buchhandlung in Bad Nauheim veranstaltet Lesungen.

Im Wetteraukreis finden so viele von Autoren, Verlagen und vor allem Buchhandlungen organisierte öffentliche Lesungen statt, dass man kaum eine Woche ohne findet. Der Buchhandel floriert, sollte man denken. Bundesweit ist das Gegenteil der Fall. Die Umsätze sind rückläufig. Eineinhalb Prozent weniger waren es 2017 im Vergleich zum Vorjahr, seit 2010 sinken sie nahezu kontinuierlich. 9,73 Milliarden Euro waren es damals, zuletzt noch 9,13 Milliarden.

Die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers sieht die Talsohle erreicht und prognostiziert ein jährliches Wachstum bis 2022. Doch das ist hauptsächlich durch jährlich stark wachsende Anteile für elektronische Bücher bestimmt. Eine Freudennachricht für den deutschen Buchhandel im Gesamten, doch profitiert der lokale Sortimentbuchhändler davon wohl kaum – auch weil ihm der Internetbuchhandel, allen voran Marktbeherrscher Amazon, im vergangenen Jahr erneut Anteile abgenommen hat.

Von schlechter Stimmung ist allerdings wenig zu spüren. Die Köpfe bleiben aus dem sprichwörtlichen Sand heraus, die Buchhandlungen sind aktiver denn je, und eine Lesung folgt der anderen. Mit ihr auch der Umsatz? Was sie antreibt, haben wir zwei Buchhändlerinnen aus der Wetterau gefragt.

In Friedberg treffen wir Friederike Herrmann. Sie führt die Buchhandlung Bindernagel auf der Kaiserstraße. Als wir dort ankommen, herrscht reges Treiben. Kunden suchen die Buchrücken in den Regalen mit den Augen ab, einige Kinder schmökern in Bilderbüchern, und Fetzen von Beratungsgesprächen schleichen sich in unser Gespräch hinein. Im Oktober wurde die Buchhandlung mit ihrer eigenständigen Filiale in Butzbach zum zweiten Mal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Ausschlaggebend, so sagte es Schriftstellerin Jenny Erpenbeck in ihrer Laudatio, sei das beeindruckende Engagement gewesen: 35 Veranstaltungen für Kinder und 15 Lesungen für Erwachsene hatte Buchhändler Georg Neundorfer im Nominierungsjahr auf die Beine gestellt. Das ist beeindruckend für einen Ort mit gerade einmal 25 000 Einwohnern.

Lokale Autoren im Blick

Auch Friederike Herrmann stellt Veranstaltungen auf die Beine: Anfang November fand die »Woche der unabhängigen Buchhändler« statt. Allein in dieser Woche hatte sie drei Lesungen organisiert. In Friedberg nennt sich das »Friedberg lässt lesen«. Lesungen zu veranstalten, bringt Buchumsatz und Kunden, könnte man denken. Wir sind überrascht zu hören, dass die Lesungen zwar immer gut besucht sind, sie sich aber nur gerade so und selten auch überhaupt nicht tragen. Alle Beteiligten investieren vierstellige Summen pro Jahr. Signierte Bücher nach Hause zu tragen, sei zwar eine schöne Erinnerung, doch diese Buchverkäufe fielen in der Gesamtschau nicht ins Gewicht. Gewinnstreben habe sie nie angetrieben, sagt Herrmann: »Solche Veranstaltungen sind Bonbons für Buchliebhaber – und auch für uns!«

In die Buchhandlung Rühs in Bad Nauheim empfängt uns Inhaberin Kirsten Rühs. Auch sie veranstaltet Lesungen. Ihr Augenmerk richtet sie auf lokale Autoren. Im vergangenen Jahr ließ sie die Nachwuchsautorinnen und -autoren zu Wort kommen, als sie die prämierten Geschichten aus dem Kinderschreibwettbewerb der Ernst-Ludwig-Buchmesse vorstellte. Im November erschien die Anthologie dazu: »Abenteuer in Bad Nauheim – Eine literarische Schatzsuche«.

Warum eine Lesung veranstalten, wenn es noch gar kein Buch dazu gab? »Mir liegt sehr viel daran, die lokale Literaturlandschaft zu fördern«, sagt Rühs. Die Reihe »Erlesenes in Bad Nauheim« wird von der Stadt und der »Buchhandlung am Park« finanziert, doch auch der Bad Nauheimer Buchumsatz profitiert nicht wesentlich von den Lesungen.

Was also treibt die Buchhändler an, die Kulturlandschaft mit Lesungen lokaler und überregional bekannter Autoren so stark zu bereichern, wenn es den großen Mitbewerbern und Online-Versendern nicht einmal Anteile abnimmt?. Rühs. »Die Freude am Buch treibt uns an!« Ob Amazon in der Wetterau Lesungen anbieten würde, ist mehr als zweifelhaft.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Lesen-lesen-ueberleben;art472,535230

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