29. November 2018, 21:08 Uhr

Lernen im vollen Wortsinn

29. November 2018, 21:08 Uhr
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Aus der Redaktion
Mit viel Freude spricht Ursula Stock über die Sorbonne und die Entstehung des europäischen Hochschulwesens. (gk)

Die offizielle Gründung der »Sorbonne« als ein Kolleg der faktisch schon seit den 1160er Jahren bestehenden Pariser Universität erfolgt durch ein Edikt Roberts von Sorbon als Hofkaplan König Ludwigs IX. von Frankreich und eine Bulle von Papst Clemens IV. aus dem Jahr 1268.

Der Vortrag von Ursula Stock im Bibliothekszentrum Klosterbau widmete sich vornehmlich der Entstehung und Frühgeschichte des europäischen Hochschulwesens – für dessen Anfänge im 12. Jahrhundert neben der Pariser Universität auch die vergleichbaren Institute in Bologna (gegr. 1088), Oxford (1167) und Cambridge (1209) stehen.

Die Leiterin des Friedberger Volksbildungsvereins gab einen konzisen, anschaulichen Einblick in die Grundstrukturen des mittelalterlichen Bildungswesens. »Universitas«: Dieser Grundbegriff steht für die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden – von Magistern und Scholaren. Jenseits aller regionalen Unterschiede bildete sich in den mittelalterlichen Hochschulen ein gemeinsames Curriculum heraus. Auf das bis zu sechsjährige, für alle Lernenden verbindliche studium generale der »Sieben Freien Künste« (Logik, Rhetorik, Grammatik sowie Arithemetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie) folgte das bis zu zwölfjährige Studium von Jura, Medizin und Theologie. Letztere war das bedeutendste Fach des mittelalterlichen Fächerkanons.

Alleinige Unterrichtssprache an den Universitäten war bis ins 18. Jahrhundert hinein das Lateinische – die »Muttersprache Europas«. Der Ablauf von Lehrveranstaltungen war, so die Referentin, streng geregelt. Auf die Vorlesung (»lectio«) folgten »quaestio« und »inquisitio« sowie »argumentatio« beziehungsweise »disputatio«. Im Unterschied zu den Kathedralschulen als Vorläufer der Universitäten, sollte an diesen nicht nur Wissen angehäuft, sondern auch geistig durchdrungen, das heißt unter bestimmten Fragestellungen durchaus kontrovers argumentiert beziehungsweise disputiert werden. Diese modern anmutende Lehrmethode ist unter der Bezeichnung »Scholastik« in die europäische Geistesgeschichte eingegangen. Der französische Theologe Pierre Abélard (gest. 1142) hat in seiner Schrift mit dem lapidaren Titel »sic et non« (ja und nein) den Grundstein für die mittelalterliche Scholastik gelegt. Lernen im vollen Wortsinn bedeute, so der Grundgedanke Abélards, das Für und Wider einer Sache, einer Meinung, kritisch, das heißt differenziert, gegeneinander abzuwägen. Diese nicht nur für seine Zeit revolutionäre Theorie trug ihm den erbitterten Hass der klerikalen Orthodoxie, zum Beispiel Bernhards v. Clairvaux, ein.

Bis zur Studentenbewegung

Nicht nur die gemeinsame Unterrichtssprache, sondern auch päpstliche Privilegien wie das »ius ubique docendi« (das Recht eines Magisters, an jeder Universität lehren zu dürfen) aus dem Jahr 1233 ließen die Universitäten zur gesamteuropäischen Institution schlechthin werden. Dem intensiven Blick auf das Mittelalterliche folgte ein kursorischer Abriss der Anfänge des protestantischen Hochschulwesens und der preußischen Bildungsreformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis hin zur Studentenbewegung der 1968er Jahre. Dem mit viel Beifall bedachten Vortrag Ursula Stocks folgte eine kurze Gesprächsrunde, die unter anderem um den Begriff des »Intellektuellen« kreiste.

Der nächste Vortrag bei »Kultur auf der Spur« befasst sich am Montag, 21. Januar, um 19.30 Uhr mit dem Thema »Ravenna, die Denker und die Herrscher: Von Boethius und Theoderich zu Dante«. Prof. Uta Störmer-Caysa vom Institut für Ältere Deutsche Literaturgeschichte der Gutenberg-Universität Mainz wird referieren.



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