02. September 2019, 20:41 Uhr

Leidenschaft und Besessenheit

02. September 2019, 20:41 Uhr

»Ganz ohne Obsession geht’s im Kunstbetrieb nicht«: In ihrer Ansprache zur Eröffnung der ersten Ausstellung des Kunstvereins nach der Sommerpause mit 20 Werken von zehn Gegenwartskünstlern erläuterte Kuratorin Wiebke Cherubim auf der Vernissage am Freitagabend deren Titel »Passion - Obsession«.

Der Übergang von der Leidenschaft (Passion) für zur Besessenheit (Obsession) von etwas sei fließend, so Cherubim. Obsession ihrerseits könne sich bis zum Fetischismus, d. h. der Vergötzung eines Gegenstandes auswachsen. Dieses vielgestaltige Phänomen unserer Zeit anhand künstlerischer Objekte zu veranschaulichen, sei Sinn und Ziel der neuen Ausstellung in den Räumen des Kunstvereins an der Haagstraße.

Der 1967 geborene, bei der Vernissage anwesende To Kühne ist mit einem großflächigen Triptychon mit dem Titel »Ecce homo« vertreten. Auf ihm sind neun Selbstporträts in unterschiedlichen Gewandungen zu sehen.

An der »Altartafel« ist auch, so Kuehne im Gespräch, ein Glas mit Tränen angebracht. Narzissmus und quasireligiöse Selbstbeweinung bzw. -vergötzung werden hier karikierend thematisiert.

Das gleich neben Kühnes Altar hängende »Schüttelbild« des Österreichers Hermann Nitsch (als prominentestem Teilnehmer der Schau) evoziert die Vorstellung von verschüttetem Blut. »Ich greife mit beiden Händen das blutige Fleisch der Malerei«: Hier spricht bzw. malt jemand, der ganz offensichtlich von seiner Tätigkeit besessen ist. Ohne diese vor kaum etwas haltmachende Obsession, so die »Botschaft« von Nitsch, ist keine große Kunst denkbar.

Martialische Gerätschaften

Die Fetischisierung weiblicher Sexualität durch den männlichen Blick, ihre Perversion ins Pornografische, wird in dem dreiteiligen Zyklus von Allen Jones mit dem Titel »What if - Maitresse« und den Bildern von M. Rinaldi Goni (»Looks«) verbildlicht.

Um dem stundenlangen Small Talk von Partys jeglicher Couleur standhalten zu können, hat sich der litauische Künstler MK Kähne etwas Besonderes ausgedacht. Wir sehen einen zweiteiligen Koffer, in dem sich eine martialisch anmutende »Kopfstützvorrichtung« und ein kleiner Klappstuhl befinden. Mit diesen Gerätschaften lässt sich auch das längste, langweiligste »Event« erhobenen Hauptes überstehen. Sehr originell.

Ein weiteres Objekt Kähnes ist sein »suitcase wheel« - das monströse Rad einer Luxuslimousine im teuren Koffer - Kommentar überflüssig. Joern Grothkopp ist mit vier verschwommenen »Mona Lisa«-Kopien vertreten. Mit ihnen spießt er den Bilder-Fetischismus der durch alle Welt pilgernden Heerscharen von Museumsbesuchern auf. Da Vincis berühmtes Gemälde im Louvre wird durch millionenfaches Anstarren allmählich zerstört. Der voyeuristische Blick tötet.

»Beatlemania«: So nennt der bekannte Pressefotograf Günter Zint sein Foto von hysterisch schreienden und wild gestikulierenden Beatles-Fans des Jahres 1966. Die Stars des Musikbetriebs als neue Götter - auch dieses Objekt spricht eine deutliche Sprache.

Fazit nach einstündigem Rundgang: Die unbedingt empfehlenswerte neue Ausstellung des Kunstvereins lädt ein zur reflektierenden Betrachtung von Kunstwerken, die auf überzeugende Weise ein Schlüsselphänomen unserer Zeit »umkreisen«.

Die Ausstellung »Passion - Obsession« ist noch bis zum 29. September zu den Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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