08. Mai 2018, 20:28 Uhr

Lehre vom »sterblichen Gott«

08. Mai 2018, 20:28 Uhr
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Aus der Redaktion

Der Mann hat nie eine Universität besucht und wird doch zum Begründer der neuzeitlichen Staatsphilosophie. Die Rede ist von Thomas Hobbes, der – noch zu Zeiten Elisabeths I. – 1588 das Licht der Welt erblickt und nach über 90 Lebensjahren mit vielen Höhen und Tiefen im Jahre 1679 das Zeitliche gesegnet hat.

Es ist vor allem die Erfahrung des 1640 beginnenden und sich mit Unterbrechungen bis ins Jahr 1662 hinziehenden englischen Bürgerkriegs, die das Denken von Thomas Hobbes entscheidend geprägt hat. Seinen Ursachen und Folgen ist das 1681 posthum erschienene Werk »Behemoth – the history of the causes of the civil wars of England« gewidmet. Hobbes’ eigentliches Hauptwerk ist jedoch der 1651 in englischer Sprache erschienene »Leviathan«.

Diesem Schlüsselwerk war der Vortrag von Prof. Christoph Horn (Universität Bonn) bei der philosophischen Reihe im Badehaus 2 des Sprudelhofs gewidmet. Alle Menschen, so die Grundannahme von Thomas Hobbes, sind grundsätzlich auf ihren Vorteil bedacht. Sie streben nach Macht und Besitz. Solange sie in vorstaatlichen Stammesverbänden leben, wird dieses – grundsätzlich legitime – Streben unter anderem immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Stämmen oder auch innerhalb des Stammes führen.

Hobbes nennt diese nicht durch verbindliche Regeln des Zusammenlebens »geordneten« Verhältnisse »Naturzustand«. In ihm herrsche ein permanentes »bellum omnium contra omnes« (Krieg aller gegen alle), und der Mensch sei des Menschen Wolf (»homo homini lupus«).

Herrscher muss für Frieden sorgen

Nur durch Verträge, in denen sich die Menschen freiwillig einem mächtigen Herrscher unterwerfen, könne der anarchische Naturzustand überwunden werden. Diesem »kontraktualistischen« Ansatz zufolge besteht die Aufgabe des Herrschers, so der Referent, vor allem anderen in der Sicherung des inneren Friedens. Das Problem, wie eine vertragliche Friedenssicherung auch im zwischenstaatlichen Bereich gewährleistet werden könne, wird von Hobbes jedoch nicht angesprochen.

Wegen seiner Machtfülle nennt er den Herrscher »Leviathan« (nach einem alttestamentarischen Seeungeheuer) oder den »sterblichen Gott«. Gegenüber der bis ins 18. Jahrhundert vorherrschenden Lehre vom »Gottesgnadentum«, nach der sich der Herrscher als über dem Gesetz stehend betrachtet, ist die vertragstheoretische Legitimation staatlicher Herrschaft ein entscheidender Schritt nach vorn.

Eine Schwachstelle

Horn verwies darauf, dass Thomas Hobbes mit der idealistischen Naturrechtslehre der Spätscholastik zugunsten eines rationalistischen »Rechtspositivismus« gebrochen habe. Das heißt, der Philosoph sehe im Menschen kein Wesen, dem bestimmte Grundrechte »von Natur aus« zukommen, die ihm also nicht erst per Gesetz verliehen werden müssten. Stattdessen könne einzig das »Positive«, das heißt, in irgendeiner Form schriftlich fixierte Gesetz Recht und Ordnung begründen. So gibt es zwischen (übergesetzlichem Natur-)Recht und Gesetz letztlich keinen Unterschied.

Die sich an den mit viel Beifall bedachten Vortrag anschließende Gesprächsrunde kreiste unter anderem um die Frage, inwieweit Hobbes’ kontraktualistischer Ansatz nicht auf fiktiven Annahmen beruhe, da Menschen nie in naturähnlichen, sondern seit jeher in sozialen Herrschaftsverbänden gelebt haben. Dass der vertraglich installierte Herrscher seinerseits laut Hobbes nicht an den Vertrag gebunden sei, sei aus heutiger Sicht eine entscheidende Schwachstelle in seinem Gedankengebäude.



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