10. September 2017, 12:00 Uhr

Armutsserie

Leben mit 4,80 Euro am Tag

Dass sie einmal Pfand sammeln muss, hätte die 40-Jährige Friedbergerin nie erwartet. Schließlich hatte sie immer gearbeitet, liebte ihren Job. Bis sie plötzlich krank wurde. Und sich alles änderte.
10. September 2017, 12:00 Uhr
Mit ihrer Arbeitslosigkeit hat sich Silvia Beiers Blick auf die Welt verändert: Was früher Müll gewesen war, hat plötzlich bares Geld bedeutet. (Foto: vpf)

Sie war Einzelhandelskauffrau in einem großen Frankfurter Kaufhaus. Jeden Tag fuhr sie mit dem Zug zur Arbeit, ging nach Feierabend gerne mit Kollegen einen Absacker trinken, kaufte sich mal ein neues Kleid oder traf sich mit Freunden zum Abendessen. Heute geht so etwas nicht mehr. Nur einmal im Monat fährt sie noch nach Frankfurt, für die Zugfahrt spart sie jeden Cent: »Es ist der einzige Luxus, den ich mir gönne.« Dabei kann von Luxus keine Rede sein. Denn etwas trinken gehen kann sie nicht, kaufen kann sie sich auch nichts: »Ich gehe durch die Einkaufsstraße spazieren um einfach mal etwas anderes zu sehen.«

Raus kommen, etwas anderes sehen als die eigenen vier Wände – lange Zeit konnte Silvia Beier (Name geändert, die Red.) davon nur träumen. Tag für Tag lag sie, nicht einmal in der Lage, die Wohnung zu putzen, in ihrer Wohnung. Der Grund: Eine unerkannte Hüftdysplasie auf beiden Seiten hat sie für ein Jahr arbeitsunfähig gemacht. Innerhalb kürzester Zeit wurde die gut bezahlte Verkäuferin zur Hartz-IV-Empfängerin.

Im Kaufhaus musste Silvia Beier jeden Tag stehen. »Das hat mir nie etwas ausgemacht. Bis die Schmerzen kamen.« Zunächst konnte sich kein Arzt erklären, woher ihre immer stärker werdenden Beschwerden kamen. Dann die Zufallsdiagnose: Beier hatte eine angeborene Hüftdysplasie, die nie entdeckt worden war. Inzwischen hatte die Fehlbildung die Gelenkpfanne so stark beschädigt, dass eine Operation unumgänglich war: »Das bedeutete, dass ich meinen Job verlor, denn es war klar, dass ich ein Jahr lang krank sein und danach nie wieder in meinem Beruf arbeiten können werde.«

Ich war vollkommen alleine, keiner hatte Verständnis für meine Situation

Silvia Beier (Name geändert)

Da die 40-Jährige nichts für ihre Arbeitsunfähigkeit konnte, war sie sicher, Unterstützung vom Jobcenter zu bekommen. Aber so einfach, wie sie es sich vorstellte, war es nicht: »Mir wurde gesagt, ich soll eine Umschulung machen. Aber das hätte nichts gebracht, dann hätte ich das gemacht, wäre ein halbes Jahr ausgefallen, und hätte dann alles wieder neu lernen müssen.« Außerdem habe sie ihren Job geliebt, sagt Beier. Doch davon habe im Job-Center keiner etwas hören wollen. »Ich war vollkommen alleine, keiner hatte Verständnis für meine Situation.

« Auch von der Krankenkasse fühlte sie sich im Stich gelassen: Da die Hüftoperation es ihr für einige Zeit unmöglich machte, aufzustehen, hätte sie eigentlich eine Haushaltshilfe gebraucht. Doch bekommen hat die Friedbergerin die nicht: »Wenn meine Freundin nicht für mich einkaufen gegangen wäre und ab und zu die Wohnung geputzt hätte, wäre ich aufgeschmissen gewesen.«

Mit ihrer Diagnose war Silvia Beier nun auf Hartz-IV angewiesen. »Ich hatte plötzlich kaum noch Geld.« Damit befand sie sich in einer Lage, die sie sich nie hätte vorstellen können: »Ich komme aus einem wohlhabenden Elternhaus und habe immer gut verdient. Ich habe mir nie Gedanken über Geld machen müssen.« Das war jetzt anders: Von nun an musste die 40-Jährige von rund 400 Euro im Monat leben.

 

Obst und Gemüse Fehlanzeige

 

»Man kann sich nicht vorstellen, was das für eine Umstellung bedeutet, wenn man es nicht erlebt hat«, sagt Beier. Während sie früher im Supermarkt kaufte, worauf sie Lust hatte, musste sie nun genau kalkulieren: »Ich habe angefangen, mein Geld in 30 Umschläge zu verteilen, damit ich an keinem Tag versehentlich zu viel ausgebe.« 4,80 Euro mussten pro Tag für Lebensmittel reichen. »Fleisch oder Fisch sind da nicht drin, höchstens, wenn mal was im Angebot ist.« Auch frisches Obst und Gemüse mussten vom Speiseplan verschwinden: »Das kann man sich von Hartz-IV nicht leisten. Wer was anderes sagt, hat noch nie damit leben müssen.« Man isst, was billig ist, sagt die 40-Jährige. »Und das sind vor allem Nudeln.«

Inzwischen ist Silvia Beier nur noch Aufstockerin – sie hat eine Teilzeitstelle als Apothekenhelferin gefunden. Die 40-Jährige ist glücklich: »Zwar habe ich so nur 200 Euro mehr als vorher, aber das ist egal. Es tut gut, endlich wieder zu arbeiten.«

Info

Kriterien für Arbeitsunfähigkeit

Hartz-IV-Empfänger sind arbeitsunfähig, wenn sie krankheitsbedingt nicht länger als drei Stunden täglich arbeiten oder an Fördermaßnahmen teilnehmen können. Dieses Kriterium hat der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern 2013 festgelegt. Erwerbsfähige Hartz-IV-Berechtigte sind verpflichtet, alle Möglichkeiten zur Beendigung ihrer Hilfebedürftigkeit auszuschöpfen. Ein Nachweis der Arbeitsunfähigkeit gegenüber Jobcentern ist zum Beispiel dann erforderlich, wenn Arbeitsgelegenheiten oder die Teilnahme an Eingliederungsmaßnahmen aus gesundheitlichen Gründen nicht wahrgenommen werden können. (dpa)

Schlagworte in diesem Artikel

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen