24. Dezember 2018, 14:00 Uhr

Krachmacher

Laubbläser: Umstellung geschieht auf Raten

Müssen in der Kurstadt Bad Nauheim benzinbetriebene Laubbläser eingesetzt werden? Das fragen sich viele Bürger. In einigen Jahren dürfte das Problem der ungeliebten Krachmacher gelöst sein.
24. Dezember 2018, 14:00 Uhr
In den Bad Nauheimer Parks ist die Laubbläser-Saison gerade zu Ende gegangen, doch im übrigen Stadtgebiet werden die Krachmacher das ganze Jahr über eingesetzt. (Archivfoto: Nici Merz)

Der Herbst ist vorbei, die Laubbläser-Saison beendet – zumindest in den Parks und Grünanlagen von Bad Nauheim. In den letzten Wochen hat es einige Beschwerden gegeben. »Im Herbst dröhnt Bad Nauheim, seines Zeichens Kurstadt, mal wieder von Laubbläsern«, klagte eine Bürgerin. Eine Leserbriefschreiberin blies ins gleiche Horn: In der Kurstadt gebe es viele Lärmquellen, Güterzüge, Kehrmaschinen und Laubbläser beeinträchtigten die Lebensqualität stark.

 

 

Die Bad Nauheimerin klagte über Schlafmangel, der von solchen Krachmachern verursacht werde, Kehrmaschinen und Laubbläser sonderten zudem reichlich Abgase ab. Wer habe sich angesichts solcher Zustände für Bad Nauheim eigentlich die Bezeichnung »Gesundheitsstadt« ausgedacht? Auch die städtischen Mitarbeiter, die mit Laubbläsern im Herbst in Grünanlagen und das ganze Jahr über in den Straßen unterwegs sind, müssen sich manchmal Beschwerden anhören. Andere Bürger machen ihrem Unmut im Mängelmelder auf der städtischen Internetseite Luft.

 

Bis zu 90 Dezibel

 

Steffen Schneider, als Fachbereichsleiter unter anderem für den Bauhof verantwortlich, weiß, dass seine Mitarbeiter oder Beschäftigte von Fremdfirmen, die mit benzinbetriebenen Laubbläsern tätig werden, nicht überall gerne gesehen sind. Produzieren die Geräte doch einen Lärm, der bis zu 90 Dezibel reicht, weshalb Bediener einen Gehörschutz tragen müssen. Gleichwohl wirbt Schneider um Verständnis. »Unsere rund 10 000 Stadtbäume, davon 4000 in Parkanlagen, verursachen in der Herbstzeit etwa 10 bis 20 Tonnen Laub wöchentlich«, erläutert der Fachbereichsleiter. Diesen Blätter-Massen könne die Stadt ohne Laubbläser nicht Herr werden. Aus wirtschaftlicher Sicht sei es nicht möglich, das Laub zusammenzurechen. In den Straßen kämen Laubbläser das ganze Jahr über zum Einsatz, etwa um Dreck aus den Bordsteinrillen zu blasen, der dann von Kehrmaschinen beseitigt werde.

Akku-Geräte auf dem Vormarsch

In ferner Zukunft ist ein Ende dieser Krachmacher absehbar. Laut Schneider wird jeder defekte benzinbetriebene Laubbläser durch ein Akku-Gerät ersetzt, auch wenn dafür der doppelte Preis anfällt. Zurzeit wird ein Viertel der 20 städtischen Laubbläser mit Strom betrieben. Der Bauhof will den Lärm also reduzieren, ob Firmen, die für die Stadt oder andere Auftraggeber arbeiten, und private Laubbläser-Besitzer nachziehen, ist eine andere Frage.

 

 

Kritik von Umweltschützern am Laubbläser-Einsatz dreht sich allerdings nicht nur um den Faktor Lärm. Laut Stephan Hübner, Vorsitzender des BUND Bad Nauheim/Friedberg, verpesten die Geräte die Luft mit Schadstoffen, erhöhen die Feinstaubkonzentration und wirbeln Mikroben, Pilzsporen und andere Krankheitserreger auf. Das sei durch Studien belegt. Zudem zerstörten die Bläser, die für eine Luftgeschwindigkeit von bis zu 220 km/h sorgten, die Lebensgrundlage vieler Kleintiere. »Wir müssen vielleicht grundsätzlich unseren Ordnungs- und Aufräumwahn kritisch überdenken. Laub gehört zur winterlichen Natur dazu, die kreisrunde Laubfläche unter einem Baum kann auch als schön wahrgenommen werden«, betont Hübner. Um das Laub von Gehwegen zu entfernen, wo es ein Sicherheitsrisiko darstelle, könnten Besen und Straßenkehrmaschinen eingesetzt werden.

 

 

Wie eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative zum Laubbläser-Einsatz in den riesigen Grünanlagen von Bad Nauheim aussehen könnte, vermag der BUND-Vorsitzende nicht zu sagen. Das Umweltbundesamt, das Laubbläser aus Naturschutzgründen ebenfalls ablehnt, hat nichts dagegen, wenn mit diesen Geräten in großen Grünanlagen gearbeitet wird. Es sei »sinnvoll und vertretbar«, wenn das Laub dort einmal im Jahr auf diese Weise entfernt werde. Allerdings sollte auf Geräte mit Akku zurückgegriffen werden.

Fachbereichsleiter Schneider ist sich der Umweltbelastung bewusst. »Es ist leider unvermeidbar, dass einige Insekten dabei Schaden nehmen.« Bezüglich der Schadstoffbelastung der Luft steuert die Stadt entgegen, in dem sie die Geräte mit sogenanntem Öko-Benzin betankt. Schneider: »Das ist umweltfreundlicher, aber auch etwas teurer.«

Graz

Großstadt ohne Laubbläser

In der Wetterau und in ganz Deutschland werden von den Kommunen überall Laubbläser eingesetzt. Es gibt allerdings einen Trend zur Umstellung auf Akkugeräte, die kaum lauter als ein Fön sind. Wobei die Elektrogeräte auch Nachteile haben: Sie sind teurer, ihre Einsatzzeit ist stark begrenzt und sie sollen nicht so langlebig sein wie Benziner. Anläufe, den Laubbläsereinsatz komplett zu verbieten, sind in der Vergangenheit alle gescheitert. In Bad Nauheim hatte die FDP 2007 einen Versuch unternommen. Der Verbotsantrag wurde abgelehnt. Die Bürger müssen deshalb weiter mit benzinbetriebenen Geräten leben, für die es keine gesetzliche Lärmobergrenze gibt. Auch in Bad Nauheim dürfen sie aus Lärmschutzgründen nur werktags zwischen 9 und 12 und zwischen 15 und 17 Uhr eingesetzt werden. In der österreichischen Großstadt Graz, in der Grünflächen mit einer Gesamtfläche von 250 Hektar gepflegt werden müssen, ist der Laubbläsereinsatz seit vier Jahren untersagt. Die Behauptung, ein solches Gerät ersetze vier Mitarbeiter, hat sich nicht bewahrheitet. In Graz wurden trotz des Verbots keine neuen Stellen geschaffen, es wird auch kein Laub gerecht. Vielmehr werden Blätter mit anderen, bereits vorhandenen Geräten wie Kehr- und Mähmaschinen entfernt. (bk)

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