26. September 2017, 05:00 Uhr

Wahl-Nachlese

Lange Gesichter, zu viele Wähler und ein "angebliches Gerücht"

Lange Gesichter gab es am Wahlabend im Friedberger Kreishaus, nur die AfD hatte Grund zum Feiern. Was gibt’s sonst noch zu sagen? Ein Rückblick auf den Wahlabend.
26. September 2017, 05:00 Uhr

Wetterauer im Bundestag

Neben Oswin Veith (CDU) hatten sich auch Natalie Pawlik (SPD), Peter Heidt (FDP), Klaus Herrmann (AfD) und der AfD-Kreisbeigeordnete Andreas Lichert (für den Hochtaunuskreis) Chancen auf Berlin ausgerechnet. Geschafft hat es in der westlichen Wetterau nur Veith. Heidt könnte nachrücken, falls es Veränderungen in der Fraktion gibt. Er steht auf dem Listenplatz 7, die hessische FDP stellt sechs Abgeordnete. Heidt: »Das FDP-Ergebnis in Hessen war zwar gut, aber in anderen Bundesländern war es herausragend. Deshalb hat es leider nicht gereicht.« Die hessische AfD schickt ebenfalls sechs Abgeordnete nach Berlin. Lichert (Platz 7) und Herrmann (8) stehen als Nachrücker bereit.

Wo kommen die 20 000 Wähler her?

Wahlergebnisse der Kommunen werden am Wahlabend auf der Seite des Hessischen Statistischen Landesamts veröffentlicht. Haben alle zu einem Wahlkreis gehörenden Kommunen ihre Ergebnisse nach Wiesbaden geschickt, wird das Gesamtergebnis des Wahlkreises veröffentlicht. Das des Wetterauer Wahlkreises 177 stand gegen 22.40 Uhr fest. Nur zeigte sich kurz nach Veröffentlichung des Ergebnisses, dass der Wahlkreis plötzlich 20 000 Wahlberechtigte mehr hatte als noch 2013. Wenig später zog das Landesamt die Ergebnisse zurück, eine Stunde später ging die korrigierte Version online. Woher kamen aber die 20 000 Neuwähler? Ein Mitarbeiter des Landesamt klärte auf: Der Fehler lag in Friedberg. Dort habe es Probleme mit der Wahl-Software gegeben, die Kommunen nutzen, um die Ergebnisse nach Wiesbaden zu schicken. Also wurden die Friedberg-Ergebnisse per Fax verschickt, die Wiesbadener Mitarbeiter gaben sie manuell ein – nur waren da die Wahlergebnisse auch schon automatisch eingelaufen – knapp 20 000 Wähler wurden daher doppelt gezählt.

Einer fehlt

Alles war ausgezählt, bis auf einen Butzbacher Briefwahlbezirk. Den wollte Veith eigentlich noch abwarten, bevor er im Plenarsaal auftauchte, wo alle auf ihn und den Beginn der Pressekonferenz warteten. Die ersten Ergebnisse des Abend hätten Veith auch nicht gefallen, Pawlik führte lange. Doch spätestens als die »dicken Brocken« aus Bad Nauheim, Bad Vilbel, Friedberg und Karben kamen, setzte er sich ab. Am Ende lag Veith klar mit rund 10 000 Stimmen und einem Abstand zu Pawlik von 7,4 Prozent vorne. Ein Wahlsieg für den CDU-Kandidaten, der aber angesichts der AfD-Ergebnisse keine Gewinner-Miene aufsetzen wollte.

Eine Wählergruppe fehlt

Übrigens traten auch die Freien Wähler bei der Bundestagswahl an. Hat aber kaum einer gemerkt. »Wir werden nicht als bundesweite Partei wahrgenommen«, meinte der Direktkandidat Thorsten Schwellnus am Tag vor der Wahl. Am Sonntagabend kam er erst gar nicht ins Kreishaus, musste in Karben Stimmen auszählen. »Wir sind in der Presse kaum wahrgenommen worden.« Entsprechend fielen die Ergebnisse aus: Bei den Erststimmen 1,8 Prozent (2417 Stimmen von 175 368), bei den Zweitstimmen gar nur 0,9 Prozent. Die FW/UWG bleibt eine Kommunalpartei.

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In der Stadtschule an der Wilhelmskirche in Bad Nauheim werden Stimmen für die 18-Uhr-Prog...

Wahlprognose

In die 18-Uhr-Prognose der ARD flossen auch Ergebnisse aus der Wetterau ein. Eine Mitarbeiterin von Infratest Dimap lud in der Bad Nauheimer Stadtschule zu einem zweiten Wahlgang ein. Die Zahlen wurden stündlich nach Berlin durchgegeben. Insgesamt wurden in 624 Wahlbezirken Stichproben genommen.

Und jetzt?

Was kommt nach der Wahl? Auch im Friedberger Kreishaus waren sich die Sozialdemokraten einig: »Wir gehen in die Opposition.« Eine Fortsetzung der Großen Koalition sei angesichts dieser Schlappe undenkbar. Veith hielt bei der Pressekonferenz dagegen: »Unser Land braucht eine starke Regierung. Es befremdet mich, wenn sich Parteien ihrer staatspolitischen Verantwortung entziehen.« Und zu den Bedenken aufseiten der FDP und der Grünen, sie müssten in einer Koalition einige ihrer Vorhaben streichen, meinte er: »Forderungen in Wahlprogrammen sind bei Koalitionen nie Eins zu Eins umsetzbar. Willkommen in der Wirklichkeit, meine Damen und Herren!«

Provokant

Das gute Abschneiden der AfD zeigt, dass viele Bürger nach wie vor unzufrieden sind mit der Flüchtlings-, Euro- und Europapolitik. Es offenbart aber auch, dass sich viele Wähler in ihrer Protesthaltung nicht davor abschrecken lassen, eine Partei zu wählen, die auf Provokationen setzt. Eine Demokratie muss das aushalten.

»Angebliches Gerücht« 

Wenige Tage vor der Wahl wurde in der Presse berichtet, ein Wetterauer CDU-Politiker liebäugele mit einem Vorstandsposten bei der Ovag. Ein Name wurde nicht genannt, Insider wussten aber, wer gemeint war: Oswin Veith. Der hat ein solches Interesse stets negiert. Außerdem müsste er dann in Berlin fahnenflüchtig werden. Schwer vorstellbar. In dem Bericht war übrigens die Rede von einem »angeblich kursierenden Gerücht«. Das ist die Steigerung des Gerüchts: Man weiß nicht nur nicht, ob es stimmt, man weiß auch nicht, ob es überhaupt existiert oder nur gerüchteweise als Gerücht kursiert. Dem Gerüchtewesen fehlt eindeutig die Disziplin. Herr Oberst der Reserve Veith, bitte übernehmen Sie!



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